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Hannover und Braunschweig : Verfeindet seit 1636

  • -Aktualisiert am

Der Sieger am Boden: Jürgen Milewski bejubelt sein Tor zum 2:0-Endstand am 17. April 1976 Bild: IMAGO

Mit Appellen und einem Polizeiaufgebot bereitet man sich in der Geburtsregion des deutschen Fußballs auf ein heikles Spiel vor: Die erste Begegnung von Hannover 96 und Eintracht Braunschweig in der Bundesliga seit 1976.

          Das hat es vor einem Bundesligaspiel wohl noch nicht gegeben: Der Innenminister, der Polizeipräsident und Einsatzleiter der Polizei, zwei Clubpräsidenten, Fanbeauftragte und ehemalige Spieler und Fußballfunktionäre treffen sich, umringt von zahllosen Fernsehkameras. Auch der Ministerpräsident wollte kommen, Stephan Weil musste aber zu den Koalitionsverhandlungen in Berlin. Sie alle treibt die Sorge um, dass es vor, während und nach dem „Niedersachsenderby“ am Freitagabend zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig zu erheblichen Ausschreitungen kommen könnte. Die Karten für die traditionsreiche Begegnung waren nach 45 Minuten ausverkauft.

          Lokale Rivalitäten, die sich beim Fußball entladen, gibt es auch anderswo – zwischen Schalke und Dortmund etwa oder zwischen Frankfurt und Offenbach. Die Mannschaften aus den benachbarten angeblich „seit dem Mittelalter verfeindeten“ niedersächsischen Großstädten aber hatten letztmals im April 1976 in der ersten Liga gegeneinander gespielt. Nach dem sensationellen Aufstieg der Eintracht aus Braunschweig treffen sie nun wieder aufeinander.

          Mit Hinweisen „überschüttet“

          Hinweise in sozialen Netzwerken deuten darauf, dass auch Hooligans aus anderen Städten, möglicherweise auch aus dem Ausland, sich seit längerem verabredetet haben – schon am Donnerstag könnten sie sich treffen. Sieben Hundertschaften aus Niedersachsen werden deshalb mit bremischen Spezialkräften der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit verstärkt. Der Einsatzleiter der hannoverschen Polizei für das Spiel, Guido von Cyrson, sagt, normalerweise stufe man die Gefährdung zu Fußballspielen in zwei oder auch drei Kategorien ein. Für das Niedersachsen-Derby reiche diese Skala nicht. Das Derby Schalke gegen Dortmund sei im Vergleich zu dem Spiel am Freitagabend „eine Kleinigkeit“.

          Gemeinsame Aktion der Fanclubs mit Ministerpräsident Weil am 1. November

          Schon seit Monaten bereiteten sich mehrere Polizisten vollzeitlich auf die Begegnung vor – täglich würden sie mit neuen Hinweisen „überschüttet“. Man könne nicht davon ausgehen, dass alles ruhig bleibt. Hannover 96 lässt 2000 Sitzplätze im Stadion unverkauft, vier Blöcke, um Puffer zu schaffen zum Fanblock. Innenminister Boris Pistorius (SPD) warnte davor, die Verwendung von Pyrotechnik im Stadion zu „romantisieren“.

          Zwischen den Rathäusern von Hannover und Braunschweig haben sich die Beziehungen im Vergleich zu früheren Zeiten gut entwickelt. Als ein städtischer Sachbearbeiter in Hannover in einem Schreiben statt Braunschweiger Platz „die verbotene Stadt“ schrieb, entschuldigte sich der eine Oberbürgermeister beim anderen. Ein Braunschweiger Fan, der auch als Schiedsrichter wirkt, kam zum Treffen der Beschwichtiger in Hannover als in den rot-weißen Farben der Trikots von Hannover 96 statt wie andere Braunschweiger in Blau und Gelb. Rot und Weiß, ergänzte der Mann, seien aber auch die braunschweigischen Stadtfarben.

          Spiel im Abenddunkel

          Die Rivalität beider Städte führen Kundige auf das Jahr 1692 zurück, als die Vorherrschaft der braunschweigischen Welfenfürsten schwand und ihre Vettern in Hannover zu Kurfürsten aufstiegen. Oder sie gehen sogar zurück bis ins Jahr 1636, als das Welfengebiet auf zwei Residenzstädte aufgeteilt wurde. Andere, auch Landesinnenminister Pistorius als Osnabrücker, erklären die Rivalität hingegen mit der Bildung des Landes Niedersachsen im Jahr 1946, als Hannover Landeshauptstadt und die Löwenstadt Braunschweig diesem so untertan wurde. Patriotische Braunschweiger fühlen sich spätestens seit ihrer Eingliederung nach Niedersachsen zur Provinz abgestempelt – ihren Zorn darüber lassen sie Hannoveraner gerne spüren.

          Fußballgeschichte haben beide Städte geschrieben: Hannover, weil dort im Jahr 1878 der erste deutsche Fußballclub gegründet wurde und weit später dort das erste Flutlichtspiel stattfand. Im nahen Braunschweig wiederum war schon vier Jahre früher, im Jahr 1874, erstmals Fußball auf deutschem Boden gespielt worden, dort wurden auch die ersten Spielregeln niedergeschrieben. Die Verflechtung der Region zum Mutterland des Fußballs war eng, weil Welfen in einer Doppelherrschaft Könige in London wie auch in Hannover waren.

          Von Hannover 96 sprechen Braunschweiger Fans ungern. Lieber sagen sie „95 plus eins“ und noch lieber gar nichts. Zum Spiel am Freitagabend – im Abenddunkel, was die Arbeit der Polizei erschweren wird – werden 4000 Fans aus Braunschweig in der Landeshauptstadt erwartet. Die Sonderzüge halten an einer kleinen Station fernab der Innenstadt: Von dort werden sie zum Gästeeingang des Stadions begleitet und zurück. In der Innenstadt Hannovers gab es aber schon in der vergangenen Woche Rangeleien, die rivalisierenden Fans zugeschrieben wurden. Einzelne Läden nahe von Fanlokalen schlossen schon vorzeitig.

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