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Hamas Gehorsam verweigert

02.07.2006 ·  Die einst zentralistisch aufgebaute Hamas spricht längst nicht mehr aus einem Munde. Frustriert von der Untätigkeit des Ministerpräsidenten Hanija agiert der militant-terroristische Flügel zunehmend unabhängig von der politischen Führung.

Von Michael Borgstede, Tel Aviv
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Mahmud Abbas läßt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen. Doch wenn man der Londoner Zeitung „Al-Hayat“ Gauben schenkt, war es am vergangenen Montag dann doch einmal soweit. Bei einem kurzfristig anberaumten Treffen mit Ministerpräsident Ismail Hanija habe Abbas die Kontrolle über sich verloren, berichtete die Zeitung. Fünfzehn Minuten habe er laut geflucht und seinem Ministerpräsidenten sogar gedroht.

Wenn der entführte israelische Soldat nicht sofort freikomme, werde Israel sicher bald auch Hanija, Außenminister Mahmud al-Zahar und Innenminister Said Siam ins Visier für gezielte Tötungen nehmen, soll Abbas gesagt haben. Da bei dem Überfall auf einen Armeeposten neben dem „Palästinensischen Volkswiderstandskomitee“ und einer bisher unbekannten „Islamischen Armee“ auch der militärische Flügel der Hamas beteiligt gewesen war, vermutete Abbas offenbar, Hanija könne für eine schnelle Freilassung sorgen. Doch so eindeutig sind die Machtverhältnisse in den Palästinensergebieten längst nicht mehr.

Außer Kontrolle

Schon vorher hatten sich die Anzeichen gehäuft, daß Hanijas Einfluß auf die verschiedenen Flügel der Organisation nachläßt. Nachdem bei einer Explosion am Strand von Gaza vor drei Wochen sieben Palästinenser ums Leben gekommen waren, kündigten die Führer der militanten Izzedine-al-Qassam-Brigaden an, die Selbstmordanschläge in Israel wiederaufnehmen zu wollen. Gleichzeitig verlautete aus der Umgebung Hanijas, neue Anschläge seien „nicht im Interesse der palästinensischen Regierung“.

Schon weil Israel in einem solchen Fall kaum zögern werde, auch politische Führer der Organisation mit gezielten Raketenanschlägen ums Leben zu bringen, könne man an neuen Terroranschlägen kein Interesse haben. Als Hanija jedoch von Ahmed al Dschaabri, einem Führer der Qassam-Brigaden, forderte, auch den Abschuß von Qassam-Raketen nach Israel einzustellen, verweigerte dieser den Gehorsam. Er sei nicht mehr bereit, Befehle von Hanija entgegenzunehmen, soll Dschaabri entgegnet haben. Berater von Abbas sagen heute offen, Hanija sei ja ein ganz lieber Kerl und - für Hamas-Verhältnisse - ziemlich gemäßigt. Nur habe er leider keine Kontrolle mehr über die Organisation.

Frustriert von der Untätigkeit der Regierung

Das ist kein Wunder, denn die einst zentralistisch aufgebaute Hamas spricht nicht mehr aus einem Munde. Selbst die Regierung in den Palästinensergebieten ist zweigeteilt: Die wichtigsten Minister um Regierungschef Hanija im Gazastreifen können mit dem Rest der Regierung im Westjordanland nur per Telefon und Videokonferenz kommunizieren.

Frustriert von der Untätigkeit der Regierung, agiert der militant-terroristische Flügel der Hamas, die Izzedine-al-Qassam-Brigade, in zunehmendem Maße unabhängig von der politischen Führung. Und schließlich sind da die Gefangenen in den israelischen Gefängnissen, von denen einige gemeinsam mit Mitgefangenen der Fatah-Partei jenes „nationale Versöhnungsdokument“ erarbeitet haben, das eine politische Zusammenarbeit der beiden Organisationen ermöglichen soll und zumindest einen ersten Schritt zur Anerkennung Israels bedeuten könnte.

Weitaus weniger versöhnlich gibt sich die Auslandsführung der Organisation um Khaled Meschal in Damaskus. Der israelische Geheimdienst vermutet, Meschal sei an der Entführung von Gilad Shalit beteiligt und verzögere nun dessen Freilassung. Meschal sieht sich als wahrer Hamas-Chef, der im Exil die reine islamistische Lehre vertreten kann, ohne mit jenen pragmatischen Zwängen in Konflikt zu geraten, die Hanija und seine Regierung in Gaza jeden Tag zu spüren bekommen.

Alte Feinde

Will Meschal sich profilieren, seine Macht in den palästinensischen Gebieten ausbauen und eine sich möglicherweise anbahnende politische Mäßigung der Hamas verhindern? War es wirklich Zufall, daß der Überfall auf einen israelischen Grenzposten ausgerechnet kurz vor einer Einigung von Hamas und Fatah auf das „nationale Versöhnungsdokument“ der Gefangenen verübt wurde?

Hanija und Meschal sind alte Feinde. Vor den ersten Parlamentswahlen in den Palästinensergebieten 1996 hatte Meschal zunächst keine Bedenken gegen eine Beteiligung von Hamas an der Abstimmung geäußert. Als er wenig später seine Meinung änderte, weigerten Hanija und acht weitere Hamas-Aktivisten sich zunächst, ihre Kandidatur zurückzuziehen. Erst nachdem Meschal ihren Ausschluß aus der Hamas ankündigte, gaben die Aufmüpfigen klein bei.

Seitdem herrscht zwischen den Konkurrenten kein besonders freundlicher Umgangston. Die israelischen Verhaftungen von zahlreichen Hamas-Abgeordneten und Regierungsmitgliedern im Westjordanland hingegen dürften wohl den Hardlinern um Meschal und den Al-Qassam-Brigaden zugute kommen. Außer der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ ist vielen der jetzt Verhafteten nichts zur Last zu legen. Und gerade im Westjordanland haben sich Hamas-Politiker in der Vergangenheit erstaunlich flexibel gezeigt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.07.2006, Nr. 26 / Seite 3
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