25.01.2010 · Die UN sind auf Amerika angewiesen, um Haiti zu retten. Und umgekehrt. Unbürokratische Hilfe ist nach Naturkatastrophen immer willkommen. Das Land braucht jetzt zwei, die sich seit langem misstrauisch beäugen.
Von Andreas RossUnbürokratische Hilfe ist nach Naturkatastrophen immer willkommen. Wenn es aber das Pentagon ist, das ohne viel Federlesens Einheit um Einheit ins Erdbebengebiet verlegt, wird manchen mulmig zumute. Ohne die straffe amerikanische Führung wäre zwar noch mehr Haiti-Hilfe schon im Luftraum über Port-au-Prince aufgehalten worden. Dennoch würden in der Region viele gern mehr über Obamas Pläne erfahren: Wie lange bleiben die Amerikaner?
Die Frage ist berechtigt. Nicht weil die Maulhelden von Caracas und Managua recht hätten, welche den Vereinigten Staaten eine gewohnheitsmäßige Lust an der Okkupation unterstellen. Sondern weil es in Haiti „eine fortgesetzte Bereitschaft einflussreicher Kräfte im Land gibt, öffentliche Spannungen anzuheizen, um ihre eigenen Interessen voranzubringen“. Das hat der UN-Generalsekretär gesagt - vor dem Beben.
Politisches Vakuum
In dem politischen Vakuum, das in den Ruinen des Regierungsviertels von Port-au-Prince fassbar wird, werden sich bewaffnete Gruppen in Stellung bringen. Dem Sicherheitsrat hatte Ban Ki-moon im Oktober berichtet, dass in Haiti „diejenigen, die politische Ziele verfolgen, und jene, die den Stabilisierungsprozess zum Schutz persönlicher Interessen untergraben“, Notlagen der Bevölkerung skrupellos ausnutzten. Nun lockt sie die Aussicht auf beispiellose Geldströme. Die Größenordnung wird schon an diesem Montag nach der Haiti-Konferenz in Montreal deutlich werden, obwohl die Geberkonferenz auf März vertagt ist. Die Region bietet genug Anschauungsmaterial, wie Hilfsgelder nach Naturkatastrophen unterschlagen werden.
Seit dem Beben ist es in Port-au-Prince nur zu einigen Übergriffen gekommen, die von Verzweiflung oder Verrohung zeugten. Aber wer verhindert handfeste Kämpfe? Können das die Blauhelm-Soldaten aus Nepal oder Sri Lanka, zumal die UN-Mission Minustah, weil selbst schwer getroffen, führungslos ist? Auch die vom Sicherheitsrat bewilligten (aber noch nicht aufgetriebenen) 3500 zusätzlichen Soldaten und Polizisten werden der Minustah kaum den Respekt verschaffen, den die bald 20.000 amerikanischen Soldaten den Haitianern einflößen. Immerhin will sich Brasilien stärker engagieren; seine Soldaten sind im Kampf gegen Banden erprobt. Präsident Lula hat in Haiti die Chance, seinen regionalen Führungsanspruch mit Taten zu untermauern.
Auf wackligen Beinen
Washington hat zwar seinen Willen zur Zusammenarbeit mit den UN bewiesen, indem es ihnen binnen einer Woche 70 Millionen Dollar für Nothilfe überwies. Auch am Flughafen von Port-au-Prince arbeitet man mittlerweile Hand in Hand; Truppentransporter und Frachtflugzeuge mit Hilfsgütern dürfen jetzt abwechselnd landen. Und Amerika hat der Minustah inzwischen schriftlich versichert, das Mandat der UN-Truppe zu respektieren. Aber die blauen Helme der Vereinten Nationen wird Oberbefehlshaber Obama seinen Soldaten kaum aufsetzen. Hatte Außenministerin Clinton den Präsidenten Préval also deshalb eine Art Blankovollmacht unterschreiben lassen, weil Amerika in Eigenregie jene Stabilisierung Haitis vollenden wollte, die nach 17 Jahren ununterbrochener UN-Präsenz auch ohne Erdbeben noch lange auf wackligen Beinen gestanden hätte? Auch das passt nicht ins Bild. Schon jetzt ist wegen Haiti der amerikanische Truppenaufwuchs in Afghanistan ins Stocken geraten. Neue Plätze zum Üben von „nation building“ sucht Obama gewiss nicht.
Aber die Vereinten Nationen können eben nur, was die Mitgliedstaaten ihnen zubilligen. Generalsekretär Ban befehligt weder Luftlandeeinheiten noch Pioniere, die einen zerstörten Hafen reparieren könnten. Amerikas Haiti-Einsatz war und ist deshalb geboten. Arbeiteten New York und Washington öfter zusammen, gäbe es weniger Reibungsflächen.
Schwerfälligkeit und Zerfaserung
Allerdings darf Nothilfe nicht unnötig militarisiert werden. Wasserflaschen zu verteilen ist noch keine Kunst. Aber für den Wiederaufbau ist weniger die kurzfristige Effizienz des Pentagons als der lange Atem der UN gefragt. Sie achten beispielsweise darauf, dass die Einheimischen das große Aufräumen selbst erledigen - gegen Geld. Das mag nicht der schnellste Weg sein, um den Schutt wegzuräumen. Aber es hilft Familien, wieder auf die Füße zu kommen. Zudem bleiben die UN unabhängig von Wahlzyklen, die in Staaten jene politische Hast erzeugen können, die den Herausforderungen hohnspricht.
Allerdings leidet die multinationale UN-Bürokratie unter Schwerfälligkeit und Zerfaserung. Die Koordination der humanitären Hilfe ist zwar professioneller geworden. Doch sobald Doppelstrukturen auf Dauer beseitigt, ausufernde Mandate zurechtgestutzt oder Hierarchien gestärkt werden sollen, bekommen Mitgliedstaaten „Verlustangst“ und blockieren Reformen. Freilich ist nicht alle Bürokratie schädlich. Manches geht auf Maßgaben zurück, die Mangelwirtschaft verhindern und Nachhaltigkeit garantieren sollen.
Haiti braucht jetzt zwei, die sich seit langem misstrauisch beäugen. Es gilt, was Kofi Annan in einer seiner letzten Reden als UN-Generalsekretär gesagt hat: „Die Erfahrung zeigt, dass das UN-System schlecht läuft, wenn Amerika abseitssteht. Aber es kann sehr gut funktionieren, wenn nur Amerika eine weitsichtige Führung hat.“
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