16.01.2010 · Nach dem verheerenden Erdbeben wird Haiti lange Hilfe brauchen. Aber auf eines kann es verzichten - auf die Rückkehr des früheren Diktators Jean-Bertrand Aristide. Schon lange befehden sich seine Gegner und Anhänger. Noch haben wir keine Nachrichten, aber wir befürchten das Schlimmste.
Von Josef OehrleinNoch haben wir keine Nachrichten, aber wir befürchten das Schlimmste. Hat die „Geheime Gesellschaft“ in dem Voodoo-Geisterhaus von Pétionville das Erdbeben in Haiti unbeschadet überstanden? Oder irren ihre Mitglieder, die dämonenhaften Voodoo-Figuren der Schweizer Sammlerin Marianne Lehmann, wie die obdachlos gewordenen Einwohner der Hauptstadt Port-au-Prince durch die von Trümmern übersäten Straßen? Sie wären nicht die einzigen Geister, die das Erdbeben mit einem Mal reanimiert hat. Plötzlich spuken wieder die wunderlichsten Gestalten der Vergangenheit durch Haiti. Manche von ihnen drohen sogar, leibhaftig wieder im Land aufzutauchen. So hat der Anfang 2004 zurückgetretene oder, wie er selbst behauptet, auf Betreiben der Vereinigten Staaten und Frankreichs verschleppte, zuletzt in Südafrika im Exil lebende frühere Präsident Jean-Bertrand Aristide bekundet, zurückkehren zu wollen.
Das wäre allerdings so ziemlich das Absurdeste, was man sich in der gegenwärtigen chaotischen Lage vorstellen könnte. Auch wenn Aristide seinen Landsleuten Hilfe bringen und „beim Wiederaufbau mitwirken“ will, würde sein bloßes Erscheinen für Aufruhr sorgen. Noch immer befehden sich erbittert die Gefolgsleute und die Gegner des einstigen Armenpriesters in den Elendsvierteln. Mit großer Mühe hatten vor dem Beben die UN-Blauhelmsoldaten in einigen dieser Quartiere halbwegs für Ruhe gesorgt. Aristide müsste sich zwar mit einer Rolle als Privatmann begnügen, doch sieht er sich immer noch als rechtmäßiges Staatsoberhaupt des Landes. Allzu sehr ist aber noch in Erinnerung, dass er sich während seiner vier Amtszeiten zwischen 1991 und 2004 – die ersten drei dauerten nur einige Monate, die letzte immerhin drei Jahre – von einem vorgeblich für soziale Gerechtigkeit kämpfenden Befreiungstheologen zu einem Despoten gewandelt hatte. Unter seiner Herrschaft feierten Misswirtschaft, Korruption und Gewalt fröhliche Urständ. Mit denselben Methoden wie die einst von ihm bekämpften Duvaliers, „Papa Doc“ und „Baby Doc“, versuchte Aristide seine Macht mit Hilfe marodierender Gangs zu festigen. Nachdem er 1995 das Militär aufgelöst hatte, bewaffnete er zivile Gruppierungen, die ihn und sein Regime schützen sollten.
„Kannibalen-Armee“ als geheime Streitmacht
Besonders die „Kannibalen-Armee“ wurde Aristides geheime Streitmacht. Sie wechselte jedoch die Front und begann ihn zu bekämpfen. Ihm treu ergebene Anhänger ermordeten im September 2003 den „Kannibalen“-Anführer Amiot Métayer. Das ließ die Krise, die Haiti wieder einmal erfasst hatte, eskalieren und in bürgerkriegsähnliche Zustände entarten. Die „Widerstandsfront gegen Aristide“, wie sich die „Kannibalen“ zuletzt nannten, ging mit der gleichen Brutalität, mit Methoden der Einschüchterung, Erpressung und Mord vor wie einst die Schwadronen der Duvaliers, die „Tontons Macoutes“, die „Onkelchen Menschenfresser“.
Der schließlich 2006 gewählte René Preval, der schon einmal, von 1996 bis 2001, Staatsoberhaupt war, vermochte die Lage des verarmten Landes, in dem die Mehrheit der neun Millionen Einwohner mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen muss, ein wenig zu stabilisieren. Preval setzte nicht nur auf die Hilfe durch die UN-Blauhelme, die von Aristide verteufelt worden waren, er löste auch mit einigem Geschick die immer neu aufkeimenden Konflikte. Als im April 2008 bei Protesten wegen der hohen Lebensmittelpreise fünf Personen ums Leben gekommen waren, verfügte er Subventionen für Reis, Milch und Eier und ordnete Kürzungen der Beamtengehälter an.
Haiti scheint Konflikte und Katastrophen regelrecht anzuziehen. Im August und September 2008 wurde das Land von drei Hurrikans und einem Tropensturm heimgesucht, mehr als 900 Personen starben, die Verluste wurden auf 200 Millionen Dollar geschätzt. Dank internationaler Hilfe sind die Schäden rasch beseitigt worden. Das Land begann aufzuatmen, weil kurz hintereinander die Weltbank und der Pariser Club Haiti Schulden in Höhe von knapp 1,3 Milliarden Dollar erließen, und der Internationale Währungsfonds seine Finanzhilfe aufstockte. Eine gute Nachricht war auch, dass die Regierung von dem Diktator Jean-Claude Duvalier (Baby Doc) abgezweigte Gelder in Höhe von 6,3 Millionen Dollar von einem Gericht zugesprochen erhielt. Schließlich begann sich im vergangenen Oktober eine Hundertschaft von Unternehmern aus 14 Ländern, die im Gefolge des UN-Sondergesandten für Haiti, des früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, nach Haiti gereist waren, für mögliche Geschäfte zu interessieren.
Angst vor der Wiederkehr des Hasspredigers
Dass ausgerechnet das einst so schmucke Regierungsgebäude und die Residenz des Präsidenten von dem Beben zerstört wurden, hat Symbolcharakter. Preval regiert von einem improvisierten Büro am Flughafen aus. Er muss ganz von vorne anfangen, um das Land neu zu ordnen. Das birgt allerdings auch die Chance, Fehler zu korrigieren und vieles besser zu machen. Die Solidarität der großen Zahl von Ländern, die Rettungsmannschaften und Hilfsgüter nach Haiti schicken, ist zwar beeindruckend, doch nutzt sie wenig, wenn nach den ersten Aufräumarbeiten die Helfer wieder abreisen und Haiti beim Wiederaufbau allein gelassen wird. Am ehesten kann das Land allerdings auf die Wiederkehr des Hasspredigers Aristide verzichten.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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