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Guttenberg : Ein gefährlicher Mann

Sie bezaubern einen, man fühlt sich wohl in ihrer Gegenwart: Gaukler gab es immer schon in der Politik Bild: dapd

Der Baron als Gaukler: Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Gabe, Menschen zu bezaubern. Sein neuester Trick gehört zu den Entfesselungskünsten.

          Ein Mann hat es geschafft, das ganze Land zu spalten. Und das bedeutet wirklich: Macht.

          Doch in der Guttenberg-Affäre ging es nicht darum, ob ein Minister zurücktritt. Es ging nicht darum, wo das Fälschen anfängt und wo der Vorsatz aufhört, es ging nicht darum, was ein Viertel-, Halb- oder Vollplagiat ist, nicht darum, ob ein Doktortitel für Politik qualifiziert.

          Es ging um Maßstäbe. Um sehr einfache, jedermann bekannte Maßstäbe. Der Streit drehte sich darum, ob eine Partei, ihre Anhänger, die Wähler und Bewunderer Guttenbergs, ob die Medien, die Regierung - ob schließlich das ganze Land diese einfachen Maßstäbe um dieses einen Mannes willen verschieben wollte. Indem es stattdessen ihn selbst zum Maßstab machte. Zum Maßstab der Moral.

          Umgang mit Guttenberg zur „Tendenzfrage“ erhoben

          Guttenberg selbst sprach und spricht kaum über etwas anderes: über sich selbst als Maßstab der Moral. Er verhüllt diesen Anspruch nicht im Geringsten, er kennt keinen anderen Anspruch und deshalb keine Scham. Seine Selbstentschuldigungen gleichen Kriegsgeschrei. Er kehrt nicht als reuiger Sünder zurück, sondern gepanzert mit Rechtfertigungen, bewaffnet mit Drohungen. Er braucht nicht andere um Entschuldigung zu bitten, er macht das selbst. Seine Schuld ist, dass er gescheitert ist - „vorerst“.

          Die unerzählte Geschichte geht so: Guttenberg hat es geschafft, fast in alle wichtigen Redaktionen dieses Landes belastbare Beziehungen aufzubauen, mit ungeheurem Charme. Das hat in einigen Häusern dazu geführt, dass Berichterstatter nicht so geschrieben haben, wie sie dachten. Die Redaktionen wurden auf Linie gebracht, soweit sie sich nicht ganz von selbst drauf brachten, längst vor der Affäre. Doch in der Affäre wurde der Umgang mit Guttenberg in einigen Medien offensichtlich zur „Tendenzfrage“ erhoben. Was den einen ein Kampf um Maßstäbe, war den anderen ein Kampf um ihren Mann, ihre Macht.

          Guttenberg spekuliert à la baisse

          Man kann das unschön, aber üblich nennen: Redaktionen setzen auf Politiker wie auf junge Rennpferde, am liebsten auf Sieg. Wer hätte nicht gern seinen eigenen Kanzler, erst ein gutes Verhältnis, später den Zugang zum Machthaber? Doch in der Guttenberg-Geschichte ist nicht nur dieses Kalkül im Spiel. Der Baron hat die Gabe, Menschen zu bezaubern. Sein neuester Trick gehört zu den Entfesselungskünsten: das Gesprächsbuch, in dem er sich von seinem Assistenten in Ketten und Schlösser schmieden lässt, um sich, hoppla, daraus zu befreien.

          Für Gaukler nichts Besonderes, und Gaukler gab es auch immer schon in der Politik. Sie bezaubern in der Nähe, man fühlt sich wichtig und wohl in ihrer Gegenwart. Oder in der Ferne, indem sie auch der Masse geben, wonach sie sich sehnt. Nur wenige beherrschen beides zugleich. Guttenberg gehört zu diesen großen Meistern. Inzwischen klagt er die gesamte politische Klasse an, als Versager in der Euro-Krise, als Gleichgültige gegenüber den einfachen Leuten. Guttenberg spekuliert à la baisse - auch das wie alle seines Schlages. Er ist ein wahrhaft gefährlicher Mann.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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