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Günther Jikeli: Antisemitismus und Diskriminierungswahrnehmungen junger Muslime in Europa. Hauptsache, ein Feindbild

Die judenfeindlichen Argumente gleichen sich unter den muslimischen Jugendlichen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

© dpa Vergrößern Die Spitze des Minaretts der Faith Moschee in Essen vor dem am Himmel stehenden Halbmond.

Anfang September 2012 warnte der palästinensische Israeli Ahmad Mansour im Berliner „Tagesspiegel“ davor, die Judenfeindschaft „in arabischstämmigen Communities“ zu unterschätzen. Vor allem befremde ihn der „endemische Judenhass“ in den muslimischen Gemeinschaften auf deutschem Boden. Seine Analyse der Ursachen kommt zu vergleichbaren Ergebnissen wie Günther Jikelis Studie, die sich auf drei der großen Staaten Westeuropas bezieht. Festzuhalten sei an dieser Stelle, dass Antisemitismus keine ausschließlich muslimische Erscheinung ist, und dennoch ist diese spezifische Ausprägung für Juden offensichtlich besonders gefährlich und daher auch eine Bedrohung für die Demokratie.

Auch wenn vieles bei Jikeli so plausibel erscheint, als wäre es Gemeingut, betritt der Autor mit seiner Untersuchung dennoch Neuland. Grundlage seiner Studie ist die Befragung von 117 jungen muslimischen Männern - jeweils in ihren Landessprachen, die der Autor in Berlin, Paris und London führte. Auf 319 Seiten breitet der Forscher seine Erkenntnisse aus, lässt die jungen Männer mehr als ausführlich zu Wort kommen, ihre antijüdischen Einstellungen selbst begründen und analysiert zudem ihre Diskriminierungserfahrungen als „die Anderen“ in ihren Mehrheitsgesellschaften. Dabei macht Jikeli oft ihre Hoffnungslosigkeit deutlich, beobachtet ihre Identitäten und Einstellungen zu Juden. Im Selbstverständnis der Probanden verzeichnet Jirkeli länderspezifische Unterschiede: Wollen sie in Deutschland gerade nicht als „Deutsche“ gelten, wollen sie in Frankreich zuvörderst Franzosen sein und werden als solche aber nicht anerkannt. In Großbritannien wiederum ist das Britische ein prägender Teil der eigenen Identität.

Die judenfeindlichen Argumente allerdings gleichen sich unter den muslimischen Jugendlichen in allen drei Ländern: klassische negative Stereotype wie der „Geldjude“, Verschwörungstheorien und auf Israel bezogener Antisemitismus im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. All das ist jedoch auch außerhalb muslimischer Gemeinschaften zu finden. Das spezifische Merkmal der Judenfeindschaft dieser untersuchten Gruppe ist laut Jirkeli ihre Begründung aus einem religiösen Selbstverständnis heraus oder aber ihre vermeintlich vorgegebene Herleitung aus dem Islam und seiner Geschichte - wenn es denn überhaupt einer Begründung bedarf und die feindliche Haltung gegen Juden als dem Negativen schlechthin nicht einfach als selbstverständlich erscheint.

All das ist eher diffus und irrational, vor allem eine gemeinschaftsbildende, gruppendynamische Projektion einer generellen Feindschaft zwischen Muslimen und Juden. Bei der Ausprägung spielen die Familie, der Freundeskreis und das allgemeine Umfeld ebenso eine Rolle wie ausländische Medien der arabischen Welt, deren Hetze über Satellit und Internet in Windeseile ihre Verbreitung findet. Die Ursachen für antisemitische Einstellungen sind vielfältig, aber sie führen zu einem Feindbild, dem die Jugendlichen sich praktisch kaum entziehen können und das nicht hinterfragt wird - und irgendwann scheinbar nicht mehr hinterfragt werden kann.

Dagegen bietet Jirkeli „fünf positive Beispiele“ von jungen Muslimen, die zumindest Empathie für Juden zeigen; das sind knapp über vier Prozent. Jirkeli veranschaulicht durch seine Interviews die Grundzüge der von der Bundesregierung beauftragten Studie zur Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland, die 2011 ein ebenso düsteres Bild eines bislang viel zu wenig beachteten, erschreckenden Phänomens zeichnete. Öffentliche aggressive Judenfeindschaft - verbal, zuweilen tätlich - ist eben nicht Bestandteil der Religion Islam, sehr wohl aber des um sich greifenden Islamismus als einer zuweilen auch staatlichen Ideologie und weltweiten Bewegung, die in bestimmten Milieus und Bildungsniveaus beheimatet ist. Als „Schluss“ stellt Jikeli die Frage der „Generalisierbarkeit“ seiner Untersuchung und kommt zu dem Ergebnis, dass die Einstellungen der Befragten „auch von anderen jungen, männlichen Muslimen“ in den drei genannten und „möglicherweise“ in anderen europäischen Ländern „verwendet“ werden.

Bei einer Verschlankung und Pointierung des Textes wären die Kernaussagen noch deutlicher geworden. Dennoch belegt die Studie im Rahmen ihrer Möglichkeiten antijüdische Tendenzen in Teilen der westeuropäischen Gesellschaft, zu der Muslime nun einmal gehören, die in ihrer Vehemenz bis zur Gewaltbereitschaft und zugleich Abschottung alarmieren sollten. Es ist die dringliche Aufgabe von Politik und Gesellschaft, Auswege aus diesem - auch selbstgeschaffenen - Dilemma zu finden.

Günther Jikeli: Antisemitismus und Diskriminierungswahrnehmungen junger Muslime in Europa. Ergebnisse einer Studie unter jungen muslimischen Männern. Klartext Verlag, Essen 2012. 342 S., 29,90 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.01.2013, 16:00 Uhr

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