In den Industriezentren am Oberrhein und am Neckar gibt es Werkssiedlungen, die zum Teil noch aus der Gründerzeit stammen, aber längst an moderne Ansprüche angepasst wurden. In ihnen führte die Arbeiterschaft lange Zeit ein beschauliches Leben und hatte ein relativ gutes Auskommen. Der Besuch des SPD-Ortsvereins war hier ebenso selbstverständlich wie die Mitgliedschaft in der IG Metall. Dann kamen Rationalisierung, später Globalisierung – und viele Arbeitsplätze verschwanden. Die Unternehmen stießen die Siedlungen ab, die Kommunen übernahmen sie, und bald prägten Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger das Bild.
Wiederum einige Zeit später trennten sich die Städte unter der Last der öffentlichen Schulden von den Siedlungen, private Investoren möbelten die Quartiere auf, stellten Metallbalkons vor die Hausfassaden und legten kleine Parks und Spielplätze an. Das Prekariat musste einer neuen Mittelschicht weichen. Junge Leute zogen in die Viertel und sorgten dafür, dass die Straßen verkehrsberuhigt wurden. Morgens liefert nun der Biobauer die Gemüsekiste für die Woche, während die Kleinfamilien in ihre Saabs und Volvos steigen und im Slalom um die Blumenkübel Richtung Kita und Büro fahren.
Die Milieus bröckeln
So muss man sich das Bröckeln der Milieus vorstellen. Da verschwindet eine stolze Arbeiterkultur – und zurück bleiben neben einer Art Rumpfmilieu eine kleine marginalisierte Schicht in prekären Verhältnissen und ein neues Bürgertum. Dieses speist sich ebenso sehr aus dem im Niedergang befindlichen Arbeiter- wie aus dem zerfransten kirchlich-konservativen Milieu.
Zwischen den Garnisonen der linken und der rechten Mitte gab es immer schon wirtschaftspolitisch und gesellschaftspolitisch liberal Gesinnte, die sich weder der einen noch der anderen Gruppe zugehörig fühlten. Heute ist dieser Teil der Wählerschaft an einigen Flecken der Republik in der Mehrheit. In Stuttgart zum Beispiel sind die Liberalen die stärkste politische Kraft, sie erhalten 40 Prozent der Wählerstimmen – mehr als CDU und SPD –, aber aufgeteilt auf FDP und Grüne.
Diese Entwicklung führt den Anachronismus des landläufigen Links-rechts-Schemas vor Augen. Das politische Spektrum ist kein Halbkreis, sondern ein Dreieck, dessen Schenkel Ordnung, Gleichheit und Freiheit heißen. Zwischen diesen Schenkeln drängelt sich alles, was in Deutschland Mitte genannt wird. Während für die Union der soziale Ordnungsgedanke die zentrale Kategorie ist, für die Sozialdemokraten die (materielle) Gleichheit, versammeln sich die Liberalen innerhalb des Dreiecks am Schenkel der Freiheit – die FDP im Winkel Freiheit/Ordnung, die Grünen im Winkel Freiheit/Gleichheit.
Diese dritte Mitte wird nicht von einem homogenen Milieu getragen. Das liberale Milieu mit Bindekraft und Traditionsbeständen befand sich schon im Kaiserreich in Auflösung und ist in Weimar untergegangen. In der alten Bundesrepublik gab es einzelne liberale Hochburgen, historisch bedingte Ausnahmeerscheinungen. Mehr aber auch nicht.
Das ist heute anders. Gelbe und grüne Liberale lebten bis vor kurzem in getrennten Mikrokosmen: Die Lebenswelt der FDP war männlich, kleinstädtisch, eher protestantisch und mittelständisch geprägt beziehungsweise im Privatsektor tätig. Die Lebenswelt der Grünen war eher weiblich, großstädtisch, akademisch, nicht kirchlich organisiert und im öffentlichen Sektor angestellt. Diese Kosmen, die sich eher wegen als trotz ihrer Nähe zueinander nichts zu sagen hatten, existieren immer noch. Doch gibt es mittlerweile auch dazwischen pendelnde Wechselwähler.
Eine neue Durchlässigkeit
Der Grund für die neue Durchlässigkeit ist demographischer Natur: Vor 25 Jahren standen sich bei FDP- und Grünen-Wählern unterschiedliche Lebensgefühle gegenüber. Auf die heutigen Jungwähler von FDP und Grünen trifft das nicht mehr im gleichen Maß zu: Der Staat ist nicht der erste Bezugspunkt, und die Konfliktlinie zwischen Materialismus und Postmaterialismus ist von einer konsumfreudigen, gleichwohl nachhaltigen Ästhetik aufgeweicht worden.
Die Bundestagswahl hat widersprüchliche Signale gesendet: Sie hat die Volksparteien schrumpfen lassen – und dennoch Schwarz-Gelb zur Mehrheit verholfen. Das Parlament sortiert sich nach alter Lagerlogik. Die Spitzen von FDP und Grünen hatten es trotz zwischenzeitlicher Annäherungen und publizistischer Schützenhilfe versäumt, den kulturellen Graben zu überbrücken. Sie sind Gefangene ihrer Sozialisation. Ob sie es bleiben oder über ihren biographischen Schatten springen, wird 2013 die Machtfrage beantworten – in einigen Ländern schon früher.
Vor allem die Grünen müssen sich entscheiden, ob sie mit ihrem Parteivolk nach links marschieren, wo die Räume immer enger werden, oder aber den Wünschen ihrer jüngeren Wählerschaft folgen und sich neue Optionen verschaffen. Angela Merkel wird die Grünen weiterhin freundlich behandeln – und sei es nur, um die FDP zu disziplinieren. Für Guido Westerwelle wiederum halten sie womöglich die einzige Fahrkarte in eine zweite Amtszeit bereit. So haben beide ein Interesse daran, die Grünen – etwa in der Atompolitik – nicht gänzlich zu verprellen. Die Verlockung ist groß, die Grabenkämpfe von gestern fortzusetzen.
Nein zu Jamaika!
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 06.10.2009, 21:23 Uhr
Das "Grünen-Problem"
Christian Becker (cjb-78)
- 07.10.2009, 10:41 Uhr
JA !!! zu Jamaika
Jörn Meyer-Pittwohn (Joe-M)
- 07.10.2009, 10:48 Uhr
Grüne Liberale?
Karl Meier (KarlMeier)
- 07.10.2009, 11:18 Uhr
Grün = radikal
Juri Garkov (JuriGarkov)
- 07.10.2009, 11:27 Uhr