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Veröffentlicht: 23.01.2014, 16:51 Uhr

Grün-rote Padagogik Der Gesinnungslehrplan

Bildung sollte nicht zur Indoktrination werden, und das Abitur nicht zu einer Gesinnungsprüfung - ob über sexuelle oder andere Fragen.

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Der Entwurf für den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg für die fünften und sechsten Klassen hat wegen seiner Thematisierung verschiedener sexueller Lebensformen hohe Wellen geschlagen. Nicht nur Homosexualität, sondern auch Bisexualität, Transsexualität und Intersexualität sollen künftig in der Schule eine Rolle spielen. Es war klar, dass bestimmte Gruppen aus dem evangelikalen Milieu gerade in Württemberg dagegen Protest laufen würden. Auf eine entsprechende Petition folgte eine Gegenpetition, und das Internet bietet die Plattform, so manche polemische Wutäußerung abzugeben.

Heike Schmoll Folgen:

Dabei war die Toleranz gegenüber allen möglichen sexuellen Lebensformen schon im Bildungsplan des Jahres 2004 in Baden-Württemberg festgeschrieben, schließlich stammte das Vorwort von Hartmut von Hentig. Revolutionär war das auch damals nicht, denn in den Lehrplänen anderer Bundesländer finden sich längst ähnlich formulierte Lernziele. Allerdings zeugt es nicht von allzu großer Klugheit in Stuttgart, nahezu wörtlich die Ziele einschlägiger Interessengruppen in den neuen Entwurf für den Bildungsplan zu übernehmen.

Bedauerlicherweise geraten damit die mindestens ebenso gravierenden Schwachstellen des Entwurfs aus dem Blick. Schulartenspezifische Lehrpläne soll es in Baden-Württemberg künftig nicht mehr geben, es werden nur noch drei Niveaustufen (grundlegendes, mittleres, erweitertes) unterschieden, wobei die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für die unterschiedlichen Abschlüsse leitend sind. Wie in allen neueren Lehrplänen werden als Unterrichts- und Lernziele „Kompetenzen“ beschrieben. Darüber ließe sich schon streiten, erst recht aber über die Festlegung von „Einstellungen“. Wie eigentlich sollen Einstellungen und Haltungen von Schülern in Prüfungen bewertbar sein?

Allein für die Klassen fünf und sechs werden insgesamt 202 Einstellungen über die Fächer hinweg formuliert, was einigermaßen absurd ist. Für das Fach Deutsch werden allein dreißig Einstellungen genannt, die ersten zwanzig betreffen fast nur kommunikative Fähigkeiten oder das Schreiben, erst dann folgt die Entwicklung von Leseinteresse und Lesefreude. In Mathematik sollen die Schüler Beweisfindung als sinnvolle und lohnende geistige Herausforderung „empfinden“. Im Musikunterricht sollen Schüler „eine Sensibilität gegenüber musikrelevanten Urheber- und Persönlichkeitsrechten“ entwickeln. Was soll das? Wie soll im Mathematikunterricht eine gemeinsam geteilte Empfindung zustande kommen?

Dem pädagogischen Zugriff waren Empfindungen bisher entzogen, und sie sollten es auch bleiben. Oder will man Bildung klammheimlich durch Anpassung ersetzen? Der gesamte Entwurf für den Bildungsplan atmet den Geist eines affirmativen Erziehungsverständnisses, das zum Glück als längst überholt gilt. Er entwirft das Bild eines neuen Menschen nach dem Bild der grün-roten Landesregierung in Stuttgart und deren Landesinstitut für Schulentwicklung. Das ist deshalb so gefährlich, weil Bildungsprozesse auf diese Weise zu einer einzigen Indoktrination werden können, weil die Beschreibung von Einstellungen und Haltungen schlimmstenfalls in schulische Gesinnungsprüfungen ausarten könnten, die es in beiden deutschen Diktaturen schon einmal gab.

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Die evangelischen Religionslehrer haben zu Recht dagegen protestiert, dass ausgerechnet im Religionsunterricht, der sich schließlich nicht als missionarische Veranstaltung missverstehen will, religiöse Einstellungen in irgendeiner Form überprüfbar gemacht sein sollen. Der Oberkirchenrat in Stuttgart hat die Bildungsplankommission deshalb angewiesen, die „Einstellungen und Haltungen“ aus dem evangelischen Plan zu streichen. Vielleicht haben die Religionslehrer ja ein besonders ausgeprägtes Gespür für solche geistigen Übergriffe, die bei ihren Schülern ohnehin auf intuitive Ablehnung stoßen. Sie haben mit ihrer Gegenwehr einiges erreicht. Denn der Religionsunterricht hätte sonst noch mehr unter Ideologieverdacht gestanden als ohnehin schon.

Im Beirat der Bildungsplankommission gab es darüber hinaus äußerst kontroverse Diskussionen über fünf Leitprinzipien. Genannt werden die berufliche Orientierung, die Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention und Verbraucherbildung. Sie sollen einerseits in den Fachplänen verankert werden, andererseits stehen sie als übergeordnete Themen über den Unterrichtszielen aller Stufen. In den fünften und sechsten Klassen spielt die Medienbildung für den Deutschunterricht, die „nachhaltige Entwicklung“ für den Erdkundeunterricht eine Rolle.

Wer das liest, wird sich des Eindrucks kaum erwehren können, dass es sich eher um ein in den Lehrplan umgewandeltes Parteiprogramm handelt als um Bildungsziele. Doch an den Leitprinzipien will die Amtsspitze des Kultusministeriums nicht mehr rütteln lassen. Wenn sie wenigstens in der endgültigen Fassung des Lehrplans nicht mehr in Einstellungen und Haltungen ihren Niederschlag fänden, wäre viel gewonnen. Denn die Einstellungen der Schüler müssen auch in Baden-Württemberg unverfügbar bleiben.

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