Die Öffentlichkeit war lange auf das Schlimmste vorbereitet, aber mehr im Prinzip und nur in der Theorie. Zu den Bildern aus dem Fundus des Schreckens, die die Polizei den Politikern seit dem Anschlag auf New York immer wieder ausbreitet, gehören ein Flugzeugabsturz auf die Wolkenkratzer am Londoner „Canary Wharf“ an der Themse, eine Explosion in einem Nachtklub im verrufenen Westend, ein Selbstmordattentat auf den Flughafen Heathrow.
Doch britisches Phlegma hat lange verhindert, daß aus diesen Vorstellungen eine öffentliche Panik wuchs. Übertriebene Aufregung galt als verpönt. Man reißt sich zusammen, wurstelt sich durch
Gruselige Pläne
Die aktuellen amtlichen Pläne für einen Notfall sehen so gruselig aus, wie die Vorstellung sich nur ausmalen will. Es geht dabei um aufblasbare Leichenhallen, Quarantänestationen, Evakuierungspläne von Stadtteilen oder Städten und dergleichen. Doch sie zielen nicht auf die terroristische Gefahr, sondern auf eine Invasion der asiatischen Vogelgrippe. Noch Ende Januar hatten die Sicherheitsbehörden wissen lassen, das Terror-Risiko sei heute nicht größer als vor einem Jahr. Bedrohung akut und real
Das war freilich nur ein relativer Trost. Die polizeiliche Alarmstufe war Ende 2003 auf „ernst - allgemein“ gehoben worden, das ist die zweithöchste Stufe. Aber sie gilt nur intern. Jedes Ministerium und jedes Bürohaus der öffentlichen Hand hat eine Merktafel nahe dem Eingang, auf der die Alarmstufe verzeichnet wird. Das sollen die Beamten beherzigen. Warnungen an den Rest der Öffentlichkeit, heißt es, würden nur ausgegeben, wenn konkrete Hinweise auf eine bestimmte Bedrohung vorlägen. Das scheint lange nicht der Fall gewesen zu sein.
„Große Anschläge“ verhindert
Es könnte aber auch ein Pokerspiel mit den Mächten der Finsternis gewesen sein. Denn die Regierung, weniger vermutlich die Polizei, hält sich an die Regel, daß jede Warnung, die sich nachträglich als unnötig erweist, nur beitragen würde, die Öffentlichkeit gegen Alarme immun zu machen. Doch in der Nichtöffentlichkeit ist die Bedrohung wahrscheinlich seit Jahren akuter und realer gewesen, als an der Oberfläche sichtbar wurde.Das ist aber nicht nur eine Bilanz der Gefährdungen, sondern auch der Erfolge. Denn die Sondereinheiten von Scotland Yard und ihre Kollegen sind nicht müde geworden, darzulegen, es gebe eine wachsende Zahl von versuchten Anschlägen, die verhindert werden konnten.
Davon sieht die Öffentlichkeit in der Regel nur Indizien. Einmal waren plötzlich Panzer vor der Abfertigungshalle am Flughafen Heathrow aufgefahren, und man weiß bis heute nicht, ob das eine politische Demonstration gewesen sein sollte oder eine Vorbeugemaßnahme. Oft muß der wahre Sachverhalt aus juristischen Gründen geheim bleiben, wenn nämlich ein Gerichtsverfahren zu erwarten ist. Ebensooft bleibt er geheim, weil es diese Aussicht noch nicht gibt und Verdächtige nicht aufgeschreckt werden sollen. Aber zumindest in einem amerikanischen Fernsehinterview hat Sir David Veness, der Leiter der einschlägigen Abteilung in Scotland Yard, einmal bestätigt, daß „große Anschläge“ auf britische Ziele verhindert worden sind.
Basis für die logistische Seite
Nach dem Anschlag in Madrid hatte der Londoner Polizeichef Sir John Stevens bekanntgegeben, es gebe eine „unzweideutige Verbindung“ zwischen den Terroristen, die dieses Attentat verübt hatten, und Gefolgsleuten Al Qaidas in Großbritannien. Genaueres hatte er nicht sagen wollen. Doch es war zu erfahren, daß ein Marokkaner aus dem Kreis der spanischen Attentäter in London gewesen sei, um Geld, logistische und organisatorische Unterstützung aufzutreiben.
Er habe falsche Ausweise, Unterweisung in der Planung des Attentats und Sprengstoff gesucht. Bei seinen Bemühungen soll er „mehrere Nordafrikaner“ kontaktiert haben, die in Großbritannien leben. Die Polizei weiß seit langem, daß Al Qaida Großbritannien als Basis für die logistische Seite des Terrors benützt, also für die Geldbeschaffung, oft mit Hilfe von Betrügereien, oder für die Papierarbeit, sprich die Fälschung von Dokumenten.
Versteckte Angst
Über die Gründe für diese Vorliebe kann man nur spekulieren. Die internationalen Verkehrsverbindungen bringen London jeder Ecke der Welt nahe. Das britische Meldewesen ist nur ein blasser Abglanz dessen, was ein Dunkelmann in anderen Staaten zu gewärtigen hätte; es gibt hier nicht einmal Personalausweise. Polizei und Rechtswesen gelten, aus welchen Gründen und mit welchem Recht auch immer, für „zivilisierter“, sprich leichter zu handhaben.
Das freilich ist schon wieder eine Wirkung in diesem seltsamen Geflecht, nicht ein Grund. Denn Polizei und Gerichte in Großbritannien hatten bisher weniger Gelegenheit als die Behörden in anderen Ländern, Härte zu zeigen, weil Anschläge nach dem Muster von New York oder Madrid seit dem Ende des Krieges gegen die IRA ausgeblieben waren. Man kann sogar die Theorie hören, die Terroristen hätten Großbritannien mit Absicht ausgespart, damit die verhältnismäßige Ruhe der hiesigen Szene nicht aufgestört werde. Aber auch hinter dieser Theorie hat sich immer die Angst versteckt vor dem, was geschehen werde, wenn Terroristen ihre Strategie ändern.