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Großbritannien Londons traurige Erfahrung mit dem Terror

08.07.2005 ·  Vielleicht ist es noch Glück im Unglück. Aber die Londoner Sicherheitsbehörden, Polizei und Nothilfe haben wegen des IRA-Terrors vielleicht die beste Erfahrung mit Anschlägen und Bomben, die Sicherheitskräfte in einer Großstadt haben können.

Von Bettina Schulz, London
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Vielleicht ist es noch Glück im Unglück. Aber die Londoner Sicherheitsbehörden, Polizei und Nothilfe haben vielleicht die beste Erfahrung mit Terroranschlägen und Bomben, die Sicherheitskräfte in einer Großstadt haben können.

Seit 1992 hat die Stadt massive Terroranschläge erlebt und mit jedem Anschlag wurden die Sicherheitsvorkehrungen verbessert, die Polizei und Notfalldienste besser geschult und die Krankenhäuser auf Notfälle besser vorbereitet. Nicht erst seit dem Terroranschlag in Madrid üben die Londoner Sicherheitskräfte Noteinsätze, Evakuierung und Rettungsoperationen in der Londoner Untergrundbahn für den Fall großer Anschläge.

„Ring of steel“

Die gesamte Innenstadt ist mit Kameras ausgestattet. Vor allen öffentlichen größeren Gebäuden wurden massive Barrieren gegen Autobomben errichtet und die Londoner City, das Herz des Finanzzentrums, ist seit langem mit einem Netzwerk von Einbahnstraßen und kontrollierten Straßensperren, dem sogenannten „ring of steel“, geschützt.

Ölpreis fällt nach den Londoner Anschlägen

Zu oft haben die Bomben der IRA das Zentrum des Bankenviertels in die Luft gejagt. Aber nie hat die IRA mit derartiger Brutalität zugeschlagen, wie es London am gestrigen Mittwoch mitten im stärksten Berufsverkehr erleben mußte. Bisher hatten es die Londoner Sicherheitskräfte mit der relativ „rücksichtsvollen“ irischen Untergrundorganisation IRA tun. Die kündigte ihre Terroranschläge vorher in verschlüsselten Meldungen an und inszenierte ihr Chaos zu Tageszeiten, wo die Londoner City menschenleer war.

Bomben der IRA

Die erste große Lastwagenbombe der IRA ging in der Londoner City an einem Freitagabend im April 1992 hoch. Damals wurden drei Menschen getötet, 90 Personen verletzt und 100 Gebäude - viele davon abrißreif - zerstört. Der Schaden belief sich auf damals umgerechnete 1 Milliarde Mark - ganze Straßenzüge waren verwüstet. Anschließend entschuldigte sich die IRA, sie habe leider nicht gewußt, daß so spät abends immer noch Banker in der City arbeiteten.

Für die nächste Autobombe wählte die IRA im April 1993 daher einen Samstagmorgen. Ein Fotograf wurde getötet, 47 Menschen verletzt und 106 Gebäude massiv beschädigt. Wieder entstand ein Schaden von fast einer Milliarde Mark. Die Detonation riß in weiten Straßenzügen sämtliche Fenster aus den Bürotürmen und einige Hochhäuser wurden so schwer beschädigt, daß minutenlang ein Regen aus Glas und Schutt die umliegenden Straßen unter Scherben begrub.

Damals flogen selbst in Liverpool Station - dem gestern ebenfalls von dem Terroranschlag betroffenen Bahnhof - die Fenster heraus. Es war schon damals klar, daß die IRA mit ihrem Terror in der Londoner City die Stadt lahmlegen wollte und maximalen wirtschaftlichen Schaden anrichten wollte.

Kalkulierte Gewalt

Anders jedoch, als die heutigen Terrorgruppen, war die IRA in London nie darauf aus, möglichst viele Verletzte und Tote zu verursachen. Auch wenn sie sich dabei mitunter verkalkulierte. Bei einer massiven Explosion einer Autobombe im Februar 1996, mit die IRA ihren zeitweiligen Waffenstillstand wieder aufkündigte und ihren Kampf um den Anschluß der nordirischen Provinz an die Republik Irland wieder fortsetze, gab es mehr als Hundert Verletzte. Der Lastwagen mit dem Sprengstoff war direkt vor dem Hochhaus Canary Wharfs, des damals höchsten Büroturms Londons, detoniert.

Schon damals wurde die Bevölkerung von den Sicherheitskräften gewarnt. Zahlreiche Unternehmen und Banken ließen die Fenster ihrer Bürogebäude mit durchsichtigen Plastikfolien bekleben, damit die berstenden Scheiben bei einem Anschlag nicht durch die Büros fliegen und die Mitarbeiter verletzen würden. Zahlreiche Banken und Unternehmen lassen aus den Erfahrungen der Bombenanschläge in der Londoner City ihre Daten in ausgelagerten Sicherheitszentren speichern.

In späteren Jahren ging die IRA auf Drohgebärden über. Im April 1997 legten zahlreiche gleichzeitig inszenierte Bombendrohungen der IRA die gesamte Stadt lahm. Große Bahnhöfe und Untergrundstationen wurden geschlossen und die Flughäfen Gatwick, Stanstead, Luton und Teile von Heathrow wurden gesperrt. Fast 2 Millionen Londoner Berufspendler saßen etliche Stunden in Verkehrsstaus, Zügen oder Flughäfen fest. Mehrer Male befeuerte die IRA den Flughafen Heathrow auch mit Mörsern und Raketen, die aber alle nicht „losgingen“ und mehr Schrecken verbreiteten als Tote und Verletzte.

Gefährlicheres Kaliber

Seit dem Terroranschlag des 11. September und dem Anschlag in Madrid wissen die Londoner Sicherheitskräfte und die Londoner Bevölkerung freilich, daß sie es im Zweifel mit einem gefährlicheren Kaliber von Terrorgruppen zu tun haben. Gerade weil es die Anschläge in New York und Madrid gegeben hat und Premierminister Tony Blair in seinem Kampf gegen Terrorismus sehr auf Seiten von George Bush steht und Großbritannien im Irak Krieg beteiligt ist, haben die Londoner lange auf einen Anschlag gewartet.

Es war für viele Londoner absehbar, daß die Untergrundbahn Zielscheibe eines Terroranschlages sein würde. Seit Madrid haben viele Pendler und Londoner daher die Untergrundbahn gemieden. Dennoch ist die Untergrundbahn für Millionen Pendler morgens und abends die einzige Möglichkeit ihren Arbeitsplatz zu erreichen - eine Zwangslage, die die Terroristen am Donnerstag kaltblütig ausnutzten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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