Home
http://www.faz.net/-gpf-nzm0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Großbritannien Blair-Sprecher lästerte über Kelly

05.08.2003 ·  Abfällige Äußerungen eines Regierungssprechers über den verstorbenen Waffenexperten Kelly haben in Großbritannien am Dienstag einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Sprecher entschuldigte sich „vorbehaltlos“.

Artikel Lesermeinungen (0)

Einen Tag vor der Beerdigung des britischen Waffenexperten David Kelly steht die Regierung von Tony Blair im Zusammenhang mit der Affäre um den Selbstmord des früheren UN-Inspekteurs abermals unter Druck. Blair-Sprecher Tom Kelly gab am Dienstag in London zu, David Kelly als wichtigtuerischen Fantasten dargestellt zu haben. Er entschuldigte sich „vorbehaltlos“ für seine Äußerung.

Aus den Reihen von Blairs Labour-Partei und der Opposition wurden umgehend Rücktrittsrufe laut. Ein Downing Street-Sprecherin sagte, daß Blair, der derzeit seinen Urlaub auf Barbados verbringt, informiert worden sei. Über etwaige Schritte wie etwa einen Rücktritt sagte sie jedoch nichts.

„Walter Mitty“-Charakter

Die „Financial Times“ und der „Guardian“ berichteten am selben Tag, daß Tom Kelly in einem Gespräch mit einem Journalisten den früheren Regierungsberater als „Walter Mitty“-Charakter bezeichnet hatte. Dies ist eine in Großbritannien bekannte erfundene Figur, die sich wegen ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit in Fantasien flüchtet, in denen sie ein Held ist. David Kelly habe in einem Gespräch mit einem BBC-Journalisten über die Gefährlichkeit Saddam Hussein übertrieben und mehr erzählt, als er gewußt habe, soll der Pressesprecher als Begründung gesagt haben.

David Kelly war die Hauptquelle für einen BBC-Bericht, wonach die Regierung Blair ein Dossier über vermeintliche Gefahren durch irakischen Massenvernichtungswaffen als Rechtfertigung für den Krieg gegen Saddam Hussein absichtlich aufbauschte. Aus dem Bericht entwickelte sich eine heftige Auseinandersetzung zwischen Downing Street und dem britischen Sender, in dessen Verlauf sich Kelly das Leben nahm. Letztlich führte dies zu einer der schwersten Krisen der Blair-Regierung.

Vom Opfer zum Schurken

Die frühere Ministerin und prominente Labour-Abgeordnete Glenda Jackson beschuldigte die Regierung, sie wolle „aus einem Opfer einen Schurken machen“. Der für die Äußerungen Verantwortliche müsse hinausgeworfen werden, sagte sie. In diesem Sinne äußerte sich auch ein Sprecher der Liberaldemokraten.

Gleichzeitig veröffentlichte die konservative Zeitung „The Times“ die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage, wonach Blairs Labour-Partei im Zusammenhang mit dem Krieg im Irak und der anschließenden Kelly- Affäre weiter an Unterstützung eingebüßt hat. Danach würden derzeit nur noch 34 Prozent der Wähler für Labour stimmen. Dies seien die schlechtesten Werte seit 16 Jahres, hieß es. Doch auch die Konservativen verloren wie Labour zwei Prozentpunkte und kommen auf 32 Prozent. Gewinner sind die Liberaldemokraten, die sich um 4 Prozentpunkte auf 25 Prozent steigern konnten. Sie hatten einen klaren Anti-Kriegskurs vertreten.

Die Leiche des früheren UN-Waffeninspekteurs Kelly war am 18. Juli unweit seines Hauses in Oxfordshire gefunden worden, nachdem sein Name an die Öffentlichkeit gelangte und er vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß teils inquisitorisch befragt worden war.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 5