11.03.2010 · Womöglich sind die Ausschreitungen in Athen nur ein harmloser Vorgeschmack auf Bilder, die künftig noch häufiger zu sehen sein werden. Der schmerzhafte Prozess der finanziellen Gesundung Griechenlands hat gerade erst begonnen. Doch es gibt auch hoffnungsvolle Zeichen.
Von Michael Martens, AthenVor kurzem wagte ein ausländischer Besucher Athens ein Experiment: Er hatte an einem Kiosk Zeitungen erworben, dem Inhaber das Geld ausgehändigt und bat nun um eine Quittung. Der Kioskbesitzer reichte dem verhinderten Kunden daraufhin das Geld mit der Bemerkung zurück, er habe früher keine Quittungen ausgegeben, und er werde das auch künftig nicht tun. Die Episode zeigt, was Ministerpräsident Papandreou noch bevorsteht bei dem Versuch, die Staatsfinanzen Griechenlands zu sanieren.
Es ist eines, radikale Maßnahmen, etwa die Pflicht zur Ausgabe von Quittungen, zu beschließen. Etwas anderes ist es, diese Maßnahmen auch durchzusetzen. Womöglich waren die Ausschreitungen in Athen am Donnerstag nur ein harmloser Vorgeschmack auf Bilder, die künftig noch häufiger zu sehen sein werden. Der schmerzhafte Prozess der finanziellen Gesundung Griechenlands hat gerade erst begonnen. Er wird Jahre dauern und für viele Griechen mittelfristig mit einem sinkenden Lebensstandard verbunden sein. Das dürfte den ohnehin schwach ausgeprägten Zusammenhalt der griechischen Gesellschaft strapazieren. Ob es ihn überstrapazieren wird, ist noch nicht erwiesen.
Einige Bruchlinien sind schon zu erkennen. Seit Wochen wird die Frage gestellt, ob (beziehungsweise wann) es als Folge der Sparpolitik zu einem Konflikt zwischen den großen Gewerkschaftsverbänden, die traditionell der regierenden Pasok nahestehen, und der Regierung kommen werde. Jetzt zeigen sich erste Risse; allerdings nicht zwischen Regierung und Gewerkschaften, sondern zwischen der bisherigen Führung dieser Verbände und der Basis sowie ambitiösen Gewerkschaftern.
In der vergangenen Woche wurde der Vorsitzende des größten Gewerkschaftsverbandes, der Pasok-Mitglied ist und die Politik der Regierung bisher unterstützt hat, während einer Rede angegriffen und musste zu seinem Schutz ins Parlament gebracht werden. Er wird sich künftig wohl überlegen, was ihm lieber ist — Loyalität zur Regierung oder sein Posten an der Spitze der Gewerkschaft.
Doch es gibt auch hoffnungsvolle Zeichen. Viele Griechen wehren sich zwar gegen Veränderungen, weil sie im Staatsdienst stehen. Aber die, die nicht direkt vom Staat leben, bilden immer noch die Mehrheit. Auf sie kann Ministerpräsident Papandreou bisher zählen.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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