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Griechenland : Meister kreativer Buchführung

Zu wenig Euro in der griechischen Staatskasse Bild: dpa

Weil Griechenland über Jahre seine Schuldenkrise durch Nachbesserungen an den Wirtschaftsdaten wegrechnete, wuchs die Wirtschaftsleistung. Rauschgifthandel, Zigarettenschmuggel und Prostitution wurden einfach nicht berücksichtigt.

          Im September 2006 überraschte der damalige griechische Finanzminister, Giorgios Alogoskoufis, die Kassenwarte der anderen EU-Staaten mit einer sensationellen Nachricht. Sein Land habe Nachbesserungen an den Wirtschaftsdaten vorgenommen, durch die sich das Haushalsdefizit maßgeblich verringern werde, so der Politiker von der seinerzeit in Athen regierenden konservativen Volkspartei Nea Dimokratia. Die Regierung gab an, in den Vorjahren seien bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts einige Branchen „vergessen“ worden. Durch die Nachbesserungen wachse die Wirtschaftsleistung, weshalb das Defizit im Verhältnis zu ihr automatisch kleiner sei. Erstaunen verbreitete sich allerdings, als bekannt wurde, welche Wirtschaftszweige die Griechen in früheren Statistiken vergessen hatten. Man werde fortan auch Wertschöpfungen wie Rauschgifthandel, Geldwäsche, Zigarettenschmuggel und Prostitution berücksichtigen, verlautete aus Athen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          In Brüssel und in den anderen Staaten der Eurozone zeigte man sich überrascht. Dass Mitgliedstaaten ihre Wirtschaftsdaten überarbeiteten, sei nichts Ungewöhnliches, sagte eine Sprecherin von Währungskommissar Almunia. Dass sich dabei Änderungen von einem oder zwei Prozentpunkten ergäben, komme ebenfalls vor. Aber im Falle Griechenlands, das seine Wirtschaftsleistung um sagenhafte 25 Prozent nach oben revidiert hatte, handele es sich doch um eine recht bedeutsame Änderung, die überprüft werden müsse. Almunia sagte, angesichts der „besonderen Geschichte“ von Griechenlands Datenrevisionen habe er die europäische Statistikbehörde Eurostat gebeten, die Angaben genau zu prüfen. In Athen versuchte man zu beschwichtigen - die Schattenwirtschaft habe an der Revision nur einen geringen Anteil, der weitaus größere Rest sei auf angepasste Berechnungsmethoden zurückzuführen.

          Gebaren der vergangenen Jahre unter der Lupe

          Mehr als drei Jahre und einen Regierungswechsel später beschäftigen Griechenlands Berechnungsmethoden die Europäer noch immer. Der neue Finanzminister Papakonstantinou von der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) hat in seinem Hause eine Kommission eingesetzt, die das Gebaren der vergangenen Jahre unter die Lupe genommen hat. Der Bericht wurde bereits dem Parlament übergeben. Aus ihm geht hervor, dass die Vorgängerregierung unter Ministerpräsident Kostas Karamanlis ihr nicht genehme Zahlen einfach unter den Tisch fallen ließ, um die Statistik nicht damit zu belasten. Zusammen mit dem griechischen Bericht vermittelt eine schon im Januar bekannt gewordene Analyse von Eurostat das Bild einer regelrechten Fälscherwerkstatt. In manchen Fällen wurden dort dreiste Falsifikate hergestellt, in anderen gingen die Verantwortlichen mit geradezu Kujauschem Geschick vor.

          Im Oktober vergangenen Jahres, wenige Tage nach der Niederlage der Nea Dimokratia bei der Parlamentswahl, korrigierte Athen die Eurostat noch von der alten Regierung gemeldeten Defizitzahlen für 2008 von 5 auf 7,7 Prozent nach oben. Für 2009 wurden statt der erwarteten 3,7 nun mehr als 12 Prozent gemeldet. Bei Eurosta war man solche Überraschungen aus Griechenland schon gewohnt. In ihrem Bericht für die europäischen Finanzminister haben die Fachleute der EU-Behörde zwei grundsätzliche Mängel dafür verantwortlich gemacht. Zum einen beklagten sie „methodologische Schwächen“ bei der Erhebung und Verarbeitung von Daten durch die Nationale Statistikbehörde sowie die ihr zuarbeitenden Stellen. Vor allem aber fielen den Prüfern von Eurostat bei ihren zahlreichen Reisen nach Athen Mängel auf, die mit technischen Kriterien nichts zu tun hatten.

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