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Gorch Fock Der Seelsorger segelt mit

 ·  Nach dem unglücklichen Tod einer Kadettin und zwei schwierigen Jahren des Umdenkens und Umstrukturierens ist die Gorch Fock erstmals wieder zu einem Ausbildungstörn in See gestochen. Künftig sollen Militärgeistliche für die Kadetten da sein.

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© dapd Vor der Fahrt mit neuem Konzept: Hauptgefreiter im November in Kiel an Bord der Gorch Fock

Die Gorch Fock ist für die deutsche Marine nicht irgendein Schiff. An Bord des 90 Meter langen Großseglers werden Offiziers- und Unteroffiziersanwärter für die künftigen Aufgaben als militärische Führer ausgebildet. Zugleich soll die schwimmende Ausbildungsstätte ein „Botschafter in Blau“ sein, sich also - wie ein Bundespräsident - aus dem operativen Geschäft heraushalten und mit den besten Grüßen der Bundesrepublik im Gepäck nach Übersee segeln. Der Ruf dieser Elitewerkstatt unter Segeln hat in den vergangenen zwei Jahren indes Schaden genommen. Den traurigen Höhepunkt bildete der unglückliche Tod einer Kadettin. Die Marine überprüfte darauf die Ausbildung und legte ein neues Konzept vor, zu dem auch die ausgebaute Präsenz eines Militärgeistlichen auf der Gorch Fock gehört.

Anders als verschiedene Nachrichtenagenturen berichtet haben, werden in Zukunft ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer aber nicht „ständig“ an Bord sein, sondern lediglich „häufiger“, so der Militärdekan im Marinekommando, Rainer Schadt. Außerdem sollen sich die zwei Geistlichen abwechseln. „Jedes Mal, wenn sie anlegt, sind wir da“, sagt Monsignore Schadt. So sehe das Idealbild aus.

Die seelsorgerische Betreuung beginnt, bevor das Schiff in See sticht, an der Marineschule in Flensburg-Mürwick. Neben Nautik werden dort die angehenden Offiziere auch in Ethik unterrichtet. Allein der Eid, den sie schwören, markiere einen erklärungsbedürftigen „hohen ethischen Anspruch“, erläutert Schadt. Hinzu kommt die Beschäftigung mit den natürlichen Gefahren des Soldatenberufs, die auf hoher See nicht in der Fülle lauern wie auf dem Land. Der Tod ist dennoch auch dort ein denkbares Ende eines soldatischen Arbeitstags. Dazu muss kein Schuss abgegeben worden sein. Denn Soldaten bewegen sich in gefährlichen Lagen und gehen mit sensiblen Materialien um. Da passieren Unfälle. „Wir stehen sofort zur Verfügung, wenn ein Unglücksfall passiert“, versichert Schadt.

Seit mehr als 55 Jahren gibt es die katholische und evangelische Militärseelsorge in der Bundeswehr. Die Kirche begleitet die Schiffe der Marine seit 1961. Im Soldatengesetz heißt es: „Der Soldat hat einen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung. Die Teilnahme am Gottesdienst ist freiwillig.“ Seither haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert. Die Säkularisierung und Individualisierung treffen die Bundeswehr genauso wie die zivile Gesellschaft.

Auf der Jubiläumsfeier „50 Jahre Militärseelsorge im Norden“, die im April 2006 in Hamburg stattfand, hatte der damalige Militärgeneralvikar Walter Wankenhut festgestellt: „Unsere Armee ist keine Armee von Christen, die sie 1956 einmal war.“ Seit der politischen Wende in Europa und der deutschen Einheit bildeten Nichtchristen oder Nicht-mehr-Christen zusammen die stärkste Gruppe in der Bundeswehr. Das mache sich bemerkbar, wenn es um das Verständnis von Kirche und kirchlichem Auftrag gehe. Viele verstünden die Sprache der Kirche nicht mehr. Sie sei ihnen fremd, unbekannt. Trotzdem, berichtet Schadt, nutzten die Soldaten weiter die Gottesdienste und die Spendung der Sakramente.

Der Dekan verantwortet 19 Dienststellen der Katholischen Militärseelsorge in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern sowie an den Stützpunkten Wilhelmshaven und Bremerhaven. Zehn von ihnen sind für die Marine zuständig; sie betreuen 5000 katholische und 15000 evangelische Soldaten. Weitere 30000 sind konfessionslos. Denn viele Marinesoldaten stammen aus den neuen Bundesländern, wo meist keine rege religiöse Sozialisation stattgefunden hat.

Geistliche mit „physischen Kompetenzen“

„Seine“ Pfarrer, die als Schiffsgeistliche auch „physische Kompetenzen“ mitzubringen haben, reisen für mehrere Wochen ans Horn von Afrika zu den deutschen Booten der Atalanta-Mission und zum deutschen Unifil-Kontingent vor die libanesische Küste. Rainer Schadt spricht in Anspielung auf die Schiffsfarbe der Fregatten und Korvetten von den grauen Einheiten. Dort herrschten „völlig andere Anforderungen“ als auf der Gorch Fock. Dort wird, ausgestattet mit einem völkerrechtlichen Mandat, zuweilen scharf geschossen.

Die Militärseelsorge sieht sich gleichwohl mit Besonderheiten der Seefahrt konfrontiert, die für ein Segelschulschiff wie eine Fregatte gelten. Auf Kriegsschiffen ist es eng. „Das Auf-sich-Geworfensein einer Besatzung ist intensiver als in einem Heeresverband“, heideggert der leitende Militärdekan. „Man muss das wollen.“ An Bord sei es für die Soldaten deshalb ungleich wichtiger, einen Ansprechpartner zu haben, von dem sie wüssten: „Der hält die Klappe.“ Dieses Schweigegelübde ist nach internationalem Maßstab keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Während die deutschen Seelsorger nicht in die militärische Hierarchie eingebunden sind, tragen andernorts die Geistlichen Dienstgradabzeichen, etwa in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Polen. Die Schulterklappen der Bundeswehrpfarrer hingegen zeigen ein Kreuz. „Wenn ich den Soldaten mit meinen Kreuzen gegenübertrete, ist das etwas anderes“, sagt Schadt.

Die Kreuzträger in Uniform können dabei durchaus im Sinne der Inneren Führung wirken. Die räumliche Enge über oder unter Deck ermögliche es dem Pfarrer, „Schwingungen“ zu empfangen, so Monsignore Schadt, der selbst in Somalia, dem ehemaligen Jugoslawien und in Afghanistan im Einsatz war. Ein Bordgeistlicher könne diese Schwingungen dem Kommandanten mitteilen, ohne Namen nennen zu müssen.

Der neue Kapitän der Gorch Fock, Helge Risch, hatte Ende November, kurz bevor der Großsegler zu einer Ausbildungsreise Richtung Gran Canaria aufbrach, bekundet, wegen der großen Verantwortung angespannt zu sein. Der Offizier muss mit dieser Anspannung aber erst einmal alleine zurechtkommen. In Las Palmas, wo im Januar 2013 die Ausbildung mit 220 Offiziersanwärtern aufgenommen wird, wirdk ein Militärpfarrer auf ihn und seine Crew warten, denn der vorgesehene Geistliche ist erkrankt. Erst beim übernächsten Halt soll es so weit sein. An diesem dritten Advent segelte die Gorch Fock noch ohne Seelsorger auf hoher See.

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