K.F. Wenn Präsident Chirac in der armenischen Hauptstadt Eriwan die Türkei auffordert, den Völkermord an den Armeniern einzugestehen, dann verfolgt er nicht nur innenpolitische Absichten. Chiracs Aufforderung dringt über das nationalistische Echo in der Türkei auch in die EU-Beitrittsverhandlungen ein. So kommt zu den schon an sich komplizierten Fragen der Übernahme des europäischen Rechtsbestands historisches und religiös-kulturelles Konfliktpotential hinzu - unter den Reaktionen auf die Vorlesung des Papstes fielen türkische Stimmen ihrer Aggressivität wegen besonders auf. Und da ist noch der Spezialfall Zypern. An ihm kann sich vordergründig entscheiden, ob die Verhandlungen mit Ankara auf Eis gelegt werden. Aber das wäre nur ein Grund; die Unzufriedenheit über den schleppenden Gang der türkischen Reformen wäre ein weiterer. Es gibt europäische Regierungen, die sich hinter Zypern verstecken die und insgeheim hoffen, daß die Türkei die an sie gerichteten Forderungen nicht erfüllt. Sie scheuen sich, öffentlich zu sagen, daß die EU-Mitgliedschaft die falsche Wahl ist, um der türkisch-europäischen Partnerschaft eine Form zu geben. So bleibt es bei Unaufrichtigkeit und beim Gefühl der Türken, daß man es nicht ehrlich mit ihnen meine. Stimmt. Frau Merkel wird sich am Donnerstag in Ankara auf eine gereizte Stimmung einzustellen haben.