09.10.2005 · wgl. Seit einiger Zeit fällt auf, daß jene, die öffentlich zu sprechen haben, auf eine neue Weise mehr scheinen wollen, als sie sind. Nicht mehr die alten Griechen und Römer, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind und ausgedient ...
wgl. Seit einiger Zeit fällt auf, daß jene, die öffentlich zu sprechen haben, auf eine neue Weise mehr scheinen wollen, als sie sind. Nicht mehr die alten Griechen und Römer, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind und ausgedient haben, zitiert man, sondern man gibt sich naturwissenschaftlich gebildet. Das begann vor Jahren schon mit dem "Quantensprung" in dieser oder jener Entwicklung, der eigentlich nur ein Schritt nach vorne, vielleicht ein großer war. Aber die normale, übliche Benennung der Dinge genügte nicht mehr; sie machte nichts mehr her. Seit dem 18. September ist sogar die Mathematik in die Politikersprache vorgedrungen, obschon sich die meisten Politiker (wie Bürger) mit diesem Fach schwergetan haben. Wo man früher in Koalitionsgesprächen schlichte Gemeinsamkeiten suchte, müssen es nun "Schnittmengen" sein. Georg Cantor, der sich mit den Paradoxien des Unendlichen herumschlug, hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn er gewußt hätte, daß seine Mengenlehre einmal eine ganze Generation von Schülern quälen würde; und daß die Politiker (und andere) ausgerechnet seine Begrifflichkeit verwenden würden, um damit öffentlich Eindruck zu machen.