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Glosse Politik Abenteuer Jemen

wgl. Muß man seine Ferien im Jemen verbringen? Natürlich nicht. Doch auch nach der vier Tage währenden und Gott sei Dank glimpflich verlaufenen Entführung des ehemaligen Staatssekretärs Jürgen Chrobog und seiner Familie werden wieder ...

wgl. Muß man seine Ferien im Jemen verbringen? Natürlich nicht. Doch auch nach der vier Tage währenden und Gott sei Dank glimpflich verlaufenen Entführung des ehemaligen Staatssekretärs Jürgen Chrobog und seiner Familie werden wieder viele Touristen in die Südwestecke Arabiens aufbrechen, um sich an den natürlichen und kulturellen Schönheiten dieses noch weitgehend archaischen Landes zu erfreuen. Der westliche Wohlstandsmensch hat dazu eine nicht geringe Neigung, erscheint ihm doch seine eigene, in vielem wohlgeordnete, von Thedor Wiesengrund Adorno als "verwaltet" charakterisierte Welt - die er andererseits nicht missen mag - als fade und wenig spektakulär. Die Rückkehr zum geordneten Dasein ist ja im allgemeinen auch pauschal garantiert. So wird nach einigen Stornierungen bei den Reiseveranstaltern, die dem ersten Schrecken geschuldet sind, der Strom der Jemen-Pilger demnächst wohl wieder anschwellen - wie die Welle derjenigen, die Thailand oder Sri Lanka besuchen. Die alten Griechen sprachen von einem "Strom des Vergessens", wenn sie beschreiben wollten, wofür die Göttin Lethe tätig war.

Immer im Jemen leben müssen hingegen seine Bewohner, die noch weitgehend in Stämmen organisiert sind. Wenn sie Leute entführen und als Geiseln halten, was relativ häufig vorkommt, sind das Verbrechen, die der jemenitische Staat, repräsentiert durch die Regierung in Sanaa und ihre Institutionen, ahnden will und muß. Doch genau hier liegt der springende Punkt: In der Stammesgesellschaft des Landes ist es noch immer schwer, das Rechts- und Gewaltmonopol des Staates durchzusetzen. So wie der einzelne nach wie vor mit Stolz seinen Dolch im Gewande trägt, weil er den Mann und seine Wehrhaftigkeit auszeichnet, so beanspruchen die Stämme das Recht, Konflikte nach traditionellen, an Stammesvorstellungen oder am religiösen Recht orientierten Regeln in eigener Regie zu lösen. Dies gehört mit zum Hintergrund der Chrobog-Entführung, aber auch anderer Fälle in der Vergangenheit. Der Jemen steht mit diesem Konflikt zwischen dem Staat und den Stämmen keineswegs allein da in der arabischen Welt, er zeigt sich dort nur am sichtbarsten, weil das Land länger als andere in Isolation verharrte. Selbst in Ägypten, das sich schon im neunzehnten Jahrhundert der Moderne öffnete, werden in manchen Gegenden Verbrechen von den Clan-Oberhäuptern an der staatlichen Gerichtsbarkeit vorbei "gesühnt". Im Jemen kommt hinzu, daß dieses nach vielen Jahren der Unruhe und der Teilung wiedervereinigte Land selbst von einer fähigeren Regierung schwer zu beherrschen wäre.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2006, Nr. 1 / Seite 10

 
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