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Gewaltbereite Jugendliche Auf der Suche nach dem Ich

24.08.2007 ·  Rechtsradikale Gesinnungen sind unter ostdeutschen Jugendlichen nicht verbreiteter als unter westdeutschen. Der Unterschied liegt vielmehr in der Gewaltbereitschaft. Das misslungene Lösen von Bezugspersonen ist dabei häufig ein großes Problem.

Von Heike Schmoll
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Rechtsradikale Gesinnungen sind unter ostdeutschen Jugendlichen nicht verbreiteter als unter westdeutschen. Das belegen soziologische Studien der jüngsten Vergangenheit; sie korrigieren damit ein spezifisch westdeutsches Vorurteil. Der entscheidende Unterschied zwischen Ost und West liegt vielmehr in der Gewaltbereitschaft. Jedenfalls verweist darauf die vor drei Jahren erschienene Studie Klaus Schroeders sowie die 1997 vorgelegte Arbeit von Gerhard Schmidtchen.

Der Züricher Soziologe Schmidtchen, der die Gewaltbereitschaft in den neuen Bundesländern mit 34 Prozent gegenüber 19 Prozent im Westen angab, verwies auch darauf, dass sie nicht etwa durch gestörte Familienbeziehungen oder eine Krippenvergangenheit verursacht wird. Vielmehr lasse sich zeigen, dass das emotionale Einverständnis mit den Eltern und die Familienbeziehungen bei diesen Jugendlichen in der Tendenz besser funktionierten als bei anderen.

Politische Analphabetentum äußerst weit verbreitet

Dass das Bildungsniveau bei der Entstehung von Rechtsradikalismus eine erhebliche Rolle spielt und er unter Haupt- und Gesamtschülern sowie Berufsschülern stärker verbreitet ist als unter Gymnasiasten, bestätigen alle Studien. Doch verweisen neuere Untersuchungen auch darauf, dass das politische Analphabetentum selbst unter ostdeutschen Gymnasiasten erschreckend verbreitet ist. Desinteresse, Politikfeindlichkeit und Ablehnung der westlichen Demokratie verbinden sich gerade bei ostdeutschen Schülern mit dem Bewusstsein, einer Moralelite anzugehören.

Selbst Jugendliche mit bürgerlich-akademischem Hintergrund sagen, sie hätten sich vom Osten verabschiedet, seien aber im Westen noch nicht angekommen - es fehlten ihnen jegliche „Bindungen“ zu diesem Land und zu seinem politischen System. Häufig ersetzt die Gesinnungsethik gerade bei diesen Jugendlichen den rationalen Zugang, der am ehesten noch im früheren Bürgerrechtlermilieu zu finden zu sein scheint. Ähnlich irrational sind auch die Befürchtungen vor Überfremdung, vor dem Fremden, mit dem keine Verständigung möglich ist. Der Ausländeranteil wird von der Bevölkerung in Ost wie West erheblich überschätzt.

Woher kommt die viel höhere Gewaltbereitschaft?

Richard Schröder hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass es schon zu DDR-Zeiten eine gewalttätige Skinhead-Szene gab und selbst Offiziere der Volksarmee an Hitlers Geburtstag Nazi-Parolen grölten. Diese Skinhead-Szene habe sich nach der Wende regelrecht befreit gefühlt und die neuen Freiheiten zu nutzen gewusst, indem sie permissive Toleranz und Meinungsfreiheit für sich in Anspruch nahm. In der DDR, so schreibt Schröder, gab es keine Erfahrungen mit Ausländern, weil sie in eigenen Brigaden und Wohnheimen gettoisiert waren.

Selbst wenn es Unterschiede in der politischen Sozialisation im Osten und im Westen geben sollte, erklärt das noch nicht die wesentlich höhere Gewaltbereitschaft ostdeutscher Jugendlicher, die sich weder mit politischem Aktionismus noch mit einem „Kampf gegen rechts“ bewältigen lässt. Auch die häufig überwiegend kleinbürgerliche Herkunft und die niedrige Bildung der Täter, eine höhere Jugendarbeitslosigkeit, geringes Einkommen, männlich dominierte Gruppen und die Beobachtung, dass rechtsradikale Gewalt sich meist in ländlichen Gebieten ereignet, führen nicht wesentlich weiter.

Adoleszenter Entwicklungsprozess ist ein Balanceakt

Plausibler erscheinen Erklärungsmodelle, die Schwierigkeiten adoleszenter Ablösung von Eltern und alten Autoritäten in Verbindung bringen mit Sündenbocktheorien. Gerade weil viele ostdeutsche Jugendliche über stabile familiäre Bindungen verfügen, verschonen sie Eltern aus kindlicher Loyalität und richten ihre Gewalt gegen Fremde.

Der Frankfurter Psychoanalytiker und Traumaforscher Werner Bohleber hat darauf hingewiesen, dass Weltanschauung und politische Ideologien die konfliktgeladene Auseinandersetzung mit mächtigen Eltern-Bildern nach außen verlagern. Dadurch ist es für die Jugendlichen möglich, infantile Identifizierungen zu verlassen. Ein glückender adoleszenter Entwicklungsprozess ist ein Balanceakt. Bohleber erläutert, dass die adoleszente Psyche auf dem Wege zu einer gelingenden seelischen Integration besonders gefährdet ist und in Sackgassen oder in Zusammenbrüche der Entwicklung mit selbst- und fremddestruktiven Handlungen führen kann.

„Zu wem gehöre ich?“ anstatt „Wer bin ich?“

Löst sich der Jugendliche von den Bezugspersonen seiner Kindheit, sucht er den Rückhalt in Gruppen Gleichaltriger und in Größenphantasien. Solange das Selbstwertgefühl nicht durch Erfolgserlebnisse und Beziehungen gefestigt wird, nehmen solche Identifikationen eine Brückenfunktion, die jene Kluft zwischen innerer und äußerer Welt verschleiert.

An die Stelle des mühsamen Individualisierungsprozesses und die Frage „Wer bin ich?“ treten die Frage „Zu wem gehöre ich?“ und die Gruppenideologie, die über gut und böse entscheidet. „Die Inthronisation eines kollektiven nationalistischen Ideals entlastet den Jugendlichen vor der konfliktbelasteten Aufgabe, eine eigenständige Identität auszubilden“, schreibt Bohleber. Indem der Einzelne die anderen Mitglieder der Gruppe als Spiegelbilder des eigenen Selbst wahrnehme, werde die Gleichheit in der Gemeinschaft zu einem Fetisch. Das führe zu einer Entwertung von Individualität und Differenz und zu Hass auf alles, was den Wunsch nach Verschmelzung störe.

„Und willst du nicht mein Bruder sein...“

Ideologische Ideale von Gleichheit, Reinheit und Einheit seien stets mit Gewalt verquickt. Die individuellen und andersartigen Eigenschaften eines fremden Menschen könnten wie etwas Unreines den Zustand von Reinheit stören und in einen plötzlichen Hass gegen alles, was anders aussieht, ausbrechen lassen. „Das Anderssein muss ausgeschaltet werden, entweder aus der Wahrnehmung durch Verleugnung oder durch die psychische Entfernung der anderen Person“, meint Bohleber. „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein“, formuliere beispielhaft die hier vorliegende Dynamik.

Als eine der wichtigsten Ursachen für die Gewaltbereitschaft Jugendlicher sieht Bohleber anhaltende Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen. Mit ihrer ersten Gewalttat erlebten solche Jugendliche häufig ein nicht gekanntes Gefühl der Macht und Selbstachtung. Eine fragile männliche Identität werde durch wiederholte Gewalttätigkeit aufrechterhalten. Häufig fürchteten sie selbst, wieder entwertet und verachtet zu werden, und lehrten deshalb andere das Fürchten.

Ende der Pubertät ohne Chance auf eigene Identität

„Ihr neues aufkeimendes, auf Gewalt gründendes Selbstverständnis möchten sie nicht mehr missen und Gewalt wird damit auf Dauer gestellt und zu einer positiven Eigenschaft ihres Selbstbildes“, schreibt Bohleber und verweist auf tiefe narzisstische Kränkungen, die nicht immer im Verhältnis zu den Eltern zu suchen sind. Das würde zumindest erklären, dass Schulen und spezielle Programme gegen Rechtsradikalismus so wenig fruchten.

Denn auf diese Weise lösen die Jugendlichen nicht ihr Problem: sie beenden ihre Pubertät nicht mit der Ablösung von den nächsten Bezugspersonen und sind nicht in der Lage, eine eigenständige Identität aufzubauen. Erschwert wird ihnen dies durch fehlende Vorbilder und männliche Autoritätspersonen. Deshalb müssen Hilfsprogramme gezielt bei der Persönlichkeit der Täter ansetzen.

Quelle: F.A.Z., 25.08.2007, Nr. 197 / Seite 8
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Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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