12.10.2009 · Bei vielen Gewalttaten spielt Alkohol eine wichtige Rolle. Er wird seit langem akzeptiert und von den meisten beherrscht. Trinker werden als Opfer betrachtet, Verbote als unliberal, ja undemokratisch. In anderen Ländern hingegen ist Alkohol im öffentlichen Raum tabu.
Von Philip EppelsheimBevor Markus S. mit einem Freund Dominik Brunner in München zu Tode prügelte, hatte er den Nachmittag mit Saufen verbracht. Bevor die vier Jugendlichen in Berlin Ende 2008 einem Mann die Schädeldecke einschlugen, hatten sie sich mit Alkohol vollgepumpt, die leere Wodka-Flasche anschließend als Wurfgeschoss gegen ihr Opfer eingesetzt. Bevor drei junge Frauen am Mittwoch in Frankfurt einen Fahrgast schwer verletzten, hatten sie Alkohol getrunken. Auch bevor eine Gruppe Heranwachsender am Freitagabend in Stuttgart auf einen Busfahrer losging, war der Alkohol die Kehlen heruntergeflossen.
Der Alkohol ist oft dabei. Jeden Tag, wenn es irgendwo zu einer Gewalttat kommt, Schnaps- und Bierflaschen auf den Köpfen der Opfer zertrümmert werden, Jugendliche und Heranwachsende auf ihre am Boden liegenden Opfer eintreten. Der Alkohol bestärkt die Verlierertypen – welche die jugendlichen und heranwachsenden Schläger ohne Ausnahme sind –, entfesselt ihren Hass und bewirkt, dass die letzten Hemmungen fallen. Zusammen mit den Tätern hat der Alkohol sich des öffentlichen Raums bemächtigt: Auch das ist ein Ergebnis unserer Leserbefragung, eine markante Gemeinsamkeit ihrer Erfahrungen. Wenn es zu Gewalt im öffentlichen Raum kommt, ist fast immer Alkohol im Spiel.
Alkohol bestärkt Verlierertypen
Angesichts der betrunkenen Gruppen, die durch die Straßen ziehen und die öffentlichen Plätze zu ihrem Territorium erklären, schweigt man, weicht ihnen aus, macht, aus berechtigter Angst, einen weiten Bogen um sie. Und wenn dann doch ein Bundesland wie Baden-Württemberg beschließt, ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot einzuführen, oder Städte wie Freiburg den Alkohol und mit ihm die hemmungslose Gewalt von ihren Plätzen verbannen wollen, dann erklingt der Schrei nach Freiheit in der Republik. Dann wird darüber diskutiert, ob die Probleme dadurch nicht nur von einem Ort an den anderen verschoben würden, ob man es sich nicht zu einfach mache. Und es kommt das vermeintliche Argument der Argumente: Solche Verbote seien nicht liberal, gar undemokratisch. Denn schließlich bestehe die Freiheit des Bürgers auch darin, zu trinken, wann und wo er will.
Aber hier geht es nicht um das Bier im geselligen Kreis, das Glas Wein am Abend, das Zeltfest. Es geht, zunächst einmal, um das Benehmen in der Öffentlichkeit. Ein altmodisches Wort. Eine altmodische Sache? Die Gewalt springt ja nicht aus dem Nichts empor. Die Dämme sind schon zuvor gebrochen. So wird in einem Land, in dem der Alkohol seit langem akzeptiert und von den meisten beherrscht wird, der Trinker eher als Opfer betrachtet, nicht als ein Mensch, der irgendwann einmal die Wahl hatte. Schon gar nicht als Täter, der sein Leben und nicht selten die Leben anderer weggeworfen hat.
In solchen Angelegenheiten gibt es keine wehrhafte Demokratie. Und so nehmen wir die alltäglichen Gewalttaten, bei denen Alkohol im Spiel war, einfach hin, verdrängen zumindest eine ihrer unübersehbaren Ursachen. Der Sache ins Gesicht zu sehen könnte ja zu unliebsamen Konsequenzen führen. Nach tödlichen Überfällen wie in München wird über die sozialen Missstände in unserem Land diskutiert, über Elternhäuser und Bildungschancen. Aber man sollte auch erwägen, ob sich die Gewalt im öffentlichen Raum nicht eindämmen ließe, indem der Alkohol von den Wegen und Plätzen und aus dem öffentlichen Nahverkehr verbannt würde. Warum ist Saufen in der U-Bahn erlaubt? Darf man das fragen?
Alkohol hat nichts im öffentlichen Raum verloren
Laut Polizeistatistik stand im vergangenen Jahr rund ein Drittel der Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten unter Alkoholeinfluss. Dem Alkohol folgt die Gewalt. Was also hat er im öffentlichen Raum zu suchen? Was haben die stolz zur Schau getragenen Schnaps- und Bierflaschen im Nahverkehr und auf Straßen und Plätzen verloren? Nichts. Außer jedermann die zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft vor Augen zu führen, die Angst in den Alltag zu bringen.
Andere Länder sind da wesentlich rigider. In den Vereinigten Staaten ist öffentlicher Alkoholkonsum tabu, wer mit der Bierdose in der Hand auf der Straße angetroffen wird, riskiert eine Nacht im Gefängnis. Der Demokratie tut das durchaus keinen Abbruch. Den meisten Menschen muss man nicht verbieten, in der S-Bahn Bier zu trinken, sie würden sich schämen. Denen, die sich dessen nicht schämen, sollte man es allerdings untersagen.
Das ist am Ende eine Sicherheitsfrage, auch eine des Verständnisses von Öffentlichkeit: Die Räume, die wir alle teilen, teilen müssen, brauchen zivilisatorische Standards, und diese Standards müssen durchgesetzt werden. Es ist ein gleichgültiger Irrglaube, dass das von selbst geschieht. Wer hier kein Recht schafft, verhilft dem Recht des Stärkeren zum Durchbruch. Dem Recht des Brutaleren. Des Enthemmten. Des Betrunkenen.
Wie soll ein Alkoholverbit durchgesetzt werden?
Alexaner Bohn (ktulu)
- 12.10.2009, 17:43 Uhr
Der Alkohol ist oft dabei...
schwele johannes (joschwele)
- 12.10.2009, 17:43 Uhr
Volksdroge Nr. 1
Heinrich Ilsen (Ilsenheinz)
- 12.10.2009, 17:56 Uhr
Recht auf Suff
Bernd Hofmann (Bernd25647)
- 12.10.2009, 18:01 Uhr
USA als Vorbild? NEIN DANKE!!
Heiko Loh (jlupsycho)
- 12.10.2009, 18:09 Uhr
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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