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Gewalt im öffentlichen Raum Mit der Bierflasche auf den Kopf

12.10.2009 ·  Fast jeder Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel in Deutschland hat Pöbeleien, Gewalt und Schlägereien erlebt. Doch viele fühlen sich mit der Bedrohung alleingelassen, die meisten schweigen darüber. Ein kleiner Ausschnitt aus Berichten unserer Leser.

Von Philipp Eppelsheim, Frankfurt
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Die vergangene Woche hat wieder gezeigt: Der Angriff auf Dominik Brunner war kein Einzelfall. Am Freitag überfiel eine Gruppe von bis zu zwanzig Schlägern an einem Busbahnhof in Teuchern in Sachsen-Anhalt vier Jugendliche und einen Erwachsenen. Ohne ersichtlichen Grund wurde auf die Opfer, vermutlich mit Baseballschlägern, eingeschlagen und ihnen Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Am Dienstag schlugen zwei vorbestrafte jugendliche Gewalttäter, 16 und 19 Jahre alt, an einer Münchner U-Bahn-Haltestelle auf ein junges Paar ein. Sie traten dem Mann gegen den Kopf, als dieser am Boden lag, und ließen erst von ihm ab, als sich ein Passant einmischte. Am Mittwoch griffen drei junge angetrunkene Frauen an einer Frankfurter U-Bahn-Station einen 51 Jahre alten Mann an, als dieser versuchte, einem anderen bedrängten Fahrgast zu helfen. Auch hier traten die Frauen ihrem Opfer gegen Kopf und Oberkörper. Mehrere Personen gingen achtlos vorbei. Am Freitag prügelten Jugendliche in Stuttgart auf einen Busfahrer ein, nachdem dieser sie zurechtgewiesen hatte, weil sie gepöbelt und getrunken hatten.

Jeden Tag kommt es zu brutalen Überfällen auf Straßen, Wegen und Plätzen, im Nahverkehr. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hatte daher nach dem Fall Brunner ihre Leser aufgerufen, von ihren Erlebnissen im öffentlichen Raum zu berichten. Zahlreiche Leser haben geschrieben und von Gewalterlebnissen, bedrohlichen Situationen und mangelnder Zivilcourage erzählt. Von Erlebnissen, von denen kaum jemand erfährt, die nicht für Aufsehen gesorgt haben wie die Überfälle seit dem Angriff auf Dominik Brunner. Einige ihrer Geschichten:

Wachmann: „Das ist nicht meine Aufgabe!“

Ein Mann berichtet von einer nächtlichen Fahrt mit der S-Bahn von Frankfurt nach Darmstadt. Schon am Bahnsteig seien ihm vier Jugendliche mit Migrationshintergrund aufgefallen. „Die Gruppe war deutlich alkoholisiert, jeder hatte eine Bierflasche in der Hand und eine Zigarette im Mund.“ In der Bahn, so die Schilderung des Lesers, prügelten zwei der Jugendlichen auf einen anderen Jugendlichen ein. „Ich rief die Jugendlichen dazu auf, die Schlägerei zu beenden. Obwohl der Wagen voll besetzt war, unterstützte mich dabei nur ein einziger anderer Fahrgast. Unsere Ablenkung erlaubte es dem Angegriffenen, sich in den hinteren Teil des Wagens zu flüchten. Dafür richtete sich der Zorn der Angreifer nun auf mich.“ Die Jugendlichen hätten ihn und den anderen Fahrgast beleidigt. „Die Stimmung wurde immer aggressiver, zumal sich ausnahmslos alle Fahrgäste von uns abwandten. Da ich und der andere Fahrgast sich nun einer Übermacht von 4:2 gegenübersahen, beschlossen wir, an der nächsten Station in den Triebwagen der S-Bahn zu wechseln. Als wir den Bahnsteig betraten, setzte mir einer der Jugendlichen nach und schlug mir mit der Bierflasche auf den Kopf.“ Dann habe der Jugendliche mit der Faust zugeschlagen. „Ich hatte Glück, dass ich bei dem Kampf nicht zu Boden ging. Schließlich ließ er von mir ab. Die Jugendlichen kehrten in ihren Wagen zurück, während ich und der andere Fahrgast in den Triebwagen flüchteten. Im Triebwagen fanden wir einen Wachmann der Bahnsicherheitsgesellschaft. Ich wies den Wachmann darauf hin, dass im hinteren Wagen Schläger die Fahrgäste verprügelten und er dort doch für Ordnung sorgen sollte. Er antwortete nur: ,Das ist nicht meine Aufgabe!' und begnügte sich damit, den Lokführer zu verständigen.“ Die Schläger seien dann geflohen.

Die Polizei erklärte sich für nicht zuständig

Eine Frau erzählt, was sie auf dem S-Bahnhof in Birkenwerder erlebt hat. Auf einem Bahnsteig hätten zwei Jugendliche Bier getrunken. „Beide Jugendlichen schienen bereits leicht angetrunken. Kurz darauf kamen weitere Jugendliche hinzu.“ Schließlich seien es sechs bis acht Jugendliche gewesen, einer habe einem anderen ein Bier über den Kopf gegossen. „Daraufhin eskalierte die Situation. Beiden fingen an zu rangeln. Dann warf der eine den anderen auf das Bahngleis. Als dieser versuchte, wieder auf den Bahnsteig zu gelangen, schlug der andere plötzlich mit einem Schlagstock auf ihn ein. Schließlich gelang es dem so Geprügelten doch noch, auf den Bahnsteig zu gelangen. Dort warf er mit voller Wucht eine Bierflasche nach seinem Peiniger.“ Die Bahnhofsaufsicht habe von dem Vorfall anscheinend nichts mitbekommen, so die Frau. „In der S-Bahn selbst sah ich sofort (bevor die S-Bahn losfuhr) einen BVG-Angestellten, was an seiner Kleidung erkennbar war. Ich sprach ihn an und bat ihn, etwas zu unternehmen. Immerhin waren drei der Jugendlichen, die wichtige unbeteiligte Zeugen waren und die beiden Täter offensichtlich kannten, noch im Zug. Er erklärte mir daraufhin, dass er - da S-Bahn - nicht zuständig sei. Ein junger Mann, der das Gespräch mit anhörte, gab mir daraufhin sein Handy und bat mich, den Notruf der Polizei anzurufen. Ich habe das dann getan. Die Polizei war zwar nett, erklärte sich jedoch ebenfalls für nicht zuständig. Sie sei ja Landespolizei, und für das Bahngelände sei die Bundespolizei zuständig.“

Schädelbruch, Gesichtsfraktur, Hirnblutung

Ein junger Mann schreibt, wie er und ein Freund kurz vor einem Taxistand in Frankfurt „Opfer sinnloser Gewalt“ geworden seien. Drei Angreifer hätten den Freund niedergeschlagen, ihm mehrere Brüche im Gesicht zugefügt. „Die drei Angreifer schlugen mich nieder und schlugen mit einer Flasche auf meinen Schädel ein. Ich erlitt einen Schädelbruch, eine Gesichtsfraktur und lag mit Hirnblutungen im Krankenhaus.“ Die Angreifer hätten noch auf ihn eingetreten, als er bereits bewusstlos am Boden gelegen habe.“ Die Tatverdächtigen seien drei Wochen später bei einem ähnlichen Vorfall erwischt worden.

Ein anderer Leser berichtet von einem Erlebnis in der Karlsruher Straßenbahn: „Mir gegenüber saß ein Halbwüchsiger, etwa 18 Jahre alt und verpasste mir aus heiterem Himmel eine Ohrfeige. Die Überwachungskamera in der Straßenbahn konnte mir in der Situation leider nicht behilflich sein - Personal hätte behilflich sein können.“

Keine Einzelfälle

Doch sind solche Übergriffe nicht doch nur Einzelfälle? Wenn es nach den Erfahrungen der Leser geht, sind sie es nicht. Einer schreibt: „Aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich Ihnen bestätigen, dass es in Deutschland Gebiete des öffentlichen Raums gibt, insbesondere an Bahnhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo man sich unsicher fühlt. Ich habe drei Situationen im Rhein-Main-Gebiet erlebt, in denen ich Opfer von Gewalt wurde, wovon ich zwei kurz schildern möchte. Zum einen wurde ich als Schüler vor einigen Jahren in einem Zug von 2 Jugendlichen mit einem Messer überfallen und ausgeraubt. Ein anderes Mal wurde ich in einer U-Bahn-Station von 3 Jugendlichen getreten, da ich kein Geld für Zigaretten zu geben bereit war.“ Ein anderer Leser schreibt: „Ich bin im Großraum Frankfurt groß geworden und zur Schule gegangen. Dort war Jugendgewalt immer ein Thema, Freunde von mir sind in der S-Bahn bedroht worden, und ihnen wurde das Portemonnaie abgenommen.“

Doch es sind nicht nur die Gewalttaten, von denen Leser berichten. Manchmal ist es auch das Gefühl der Bedrohung, entstanden durch die Mitfahrenden oder durch den Vandalismus: „Aus den letzten Jahren auf mehreren unbesetzten Bahnhöfen und Haltepunkten: Tag 1: Es ist Nacht. Kapuzenbedeckte Gestalten überqueren die Gleise. Die Leuchtstoffröhre im Wartehäuschen ist zerbrochen worden. Es ist stockfinster. Man sieht nur die leuchtenden Zigarettenspitzen und hört das Gegröle. Tag 2: Die Scheibe des Aushangkastens ist eingeschlagen. Tag 3: Der Fahrplan liegt zerknüllt am Boden. Tag 4: Der Fahrplan ist abgefackelt worden. Kleine verbrannte Teile und Asche sind noch zu sehen. Tag 5: Die gläserne Seitenwand des Wartehäuschens ist zerschlagen worden. Tag 8: Die Plastikteile des Fahrkartenautomaten sind verbrannt. Tag 9: Der Fahrkartenautomat ist unbrauchbar gemacht worden. Jeden Morgen liegen mehr zerbrochene Bierflaschen auf dem Bahnsteig. Die Berufstätigen müssen durch die Scherben waten. Keiner von ihnen tut etwas, sagt etwas.“

Eine Frau erzählt von einem Erlebnis an einem frühen Abend in der Berliner U-Bahn. Ein betrunkener Mann, Mitte vierzig, sei eingestiegen, habe mit einer Bierflasche vor den Mitfahrenden rumgefuchtelt. „,Wat willste?', ruft er. ,Ich schlitze dir gleich den Hals auf.' Jeden in seinem Umkreis bedroht er auf diese Art. Keiner hat gewagt, etwas zu sagen oder zu tun. Ich war erleichtert, dass ich bald aussteigen konnte. Ich hatte aber ein schlechtes Gewissen, nichts gegen diesen Aggressor getan zu haben. Aber welche Chance habe ich gegen jemanden, der eine Glasflasche als Waffe einsetzt?“

Konsequenz: Fahrrad statt Bahn

Und ein anderer Leser schreibt, wie er während einer Busfahrt zwei Jugendlichen begegnet sei: „Belangloses genügte, damit sich die beiden immer weiter in aggressives, auch andere Fahrgäste belästigendes verbales Verhalten hineinsteigerten. Die Situation wurde mir unerträglich, und ich ermahnte sie, sich zu beherrschen. Daraufhin machte einer der beiden mir Frechheiten und Drohgebärden. Ich verwarnte ihn nochmals und drohte mit einem Gang zum Busfahrer, womit er sich in die Schranken weisen ließ. Die beiden blieben im Bus, als ich kurz darauf ausstieg.“

Manche haben Konsequenzen gezogen: „Seit anderthalb Jahren fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, insgesamt 20 Kilometer am Tag . . . Viele meiner Freunde halten es ebenso. Nach ähnlichen Erlebnissen vermeiden sie wenn möglich Busse und Bahnen und nehmen stattdessen das Rad oder das Auto.“

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