03.04.2006 · „Man muß nach Stärken suchen, statt nach Schwächen zu fahnden“: Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer geht der Frage nach, wie es zu der neuen Art von Aggression an Schulen kommen konnte.
Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer geht der Frage nach, wie es zu der neuen Art von Aggression an Schulen kommen konnte.
Eine Schule steht unter Polizeischutz: Was ist in Neukölln in der Rütli-Schule schiefgelaufen, daß es soweit kommen konnte?
Daß es bei bestimmten Gruppen Integrationsprobleme gibt, ist ja seit einiger Zeit bekannt. Die Stichworte sind: Desintegration und räumliche Verdichtung. Für vieles kennen wir die tatsächlichen Ursachen nicht. Aber solch ein Fall wie jener der Rütli-Schule in Neukölln muß einem schon zu denken geben. Wobei die Maßnahmen, die jetzt ergriffen worden sind, sicherlich mit großer Vorsicht zu betrachten sind.
Worin liegt die neue Qualität dieser Gewalt?
Wenn die Beschreibung der Lehrer zutreffend ist, dann ist die Qualität der Gewalt sicherlich eine andere. Denn dort sind offensichtlich bestimmte Normen, in diesem Fall die Unversehrtheit der Lehrer, nicht mehr gültig. Das hat natürlich wiederum Gründe.
Was für Gründe?
Daß Normen wie die Unversehrtheit von anderen Menschen befolgt werden, ist immer auch von der Anerkennung der eigenen Person abhängig. Dieses Wechselverhältnis ist möglicherweise bei einem Teil der Jugendlichen aus Migrantenfamilien nicht intakt.
Weil diese Anerkennung nicht stattfindet?
Die Jugendlichen gerade in Hauptschulen und in solchen Problemgebieten sehen, daß sie keine Chance haben. Was haben sie also zu verlieren? Dabei haben sie ja auch große Ambitionen für die Zukunft, besonders die jungen Männer. Da kann sich sehr schnell eine Gangkultur herausbilden. Für die Anerkennung reicht es schließlich, ein entsprechendes Drohpotential zur Verfügung zu haben. Denn wenn die gesellschaftliche Anerkennung verschlossen zu sein scheint, wird die eigene Anerkennung in der Subkultur um so bedeutsamer. Diese Subkulturen aber beziehen ihre Anerkennung ja gerade durch die Verletzung der Normen.
Wer Schläge austeilt, ist also anerkannt . . .
. . . Gewalt ist dafür sogar das effektivste Mittel . . .
. . . ja, aber wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?
Das ist die große Frage. Die meiste Gewalt spielt sich doch - unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit - in der Familie ab und wird nicht von Jugendlichen auf der Straße ausgeübt. Wenn also Gewalt als alltägliches Mittel in der Familie erfahren wird, sie Teil des normalen Verhaltens ist und gleichzeitig erkannt wird, daß Gewalt effektiver ist als Alltagsarbeit oder „normale“ Kommunikation - dann stehen wir vor einer sehr schwierigen Situation.
Die Gewalt an Schulen kann also noch zunehmen?
Zunächst ist die Entwicklung in der Forschung umstritten. Aber trotzdem: Schule geht von einem völlig falschen Paradigma aus. Man muß nach Stärken suchen, statt nach Schwächen zu fahnden. Schule geht in der Regel aber anders vor. Wir müssen uns jedoch überlegen, woher diejenigen ihre Anerkennung bekommen, die den Satz des Pythagoras nicht rauf- und runterbeten können, die nicht alle Pisa-Erwartungen erfüllen, wie es neuerdings verlangt wird. Es gibt angeblich schon ein Bundesland, in dem Schulen nur noch die Pisa-Aufgaben trainieren. Das ist schon absurd. Von daher muß sich Schule sicherlich neu ausrichten und dabei besonders diejenigen im Blick haben, die mit Sprachschwierigkeiten in die Schule kommen. Das ist in der Tat ein großes Problem. Aber: Wenn Sprache so betont wird wie derzeit, kann sie auch zu einem neuen Ausgrenzungskriterium werden, statt, wie plötzlich behauptet wird, ein Integrationsinstrument. Wir sind also in einer sehr schwierigen Lage.
Sie meinen, die Schule muß sich mehr den Schülern anpassen?
Vor solchen Formen der Gewalt, wie wir sie aus der Rütli-Schule beschrieben bekommen haben, kann man natürlich nicht zurückweichen. Denn in unserer Gesellschaft gelten wenigstens zwei grundlegende Normen, nämlich die Gleichwertigkeit von Menschen und die physische wie psychische Unversehrtheit von Menschen. Alles, was diese Grundnormen verletzt, ist nicht verhandelbar. Die Polizei kann dabei allerdings nur wenig ausrichten, denn Konfliktpartner, hier also Schülergruppen und Polizei, lernen voneinander, und Jugendliche sind erfinderisch. Und immer wieder neue Bestrafungen sind zwar verführerisch und in dieser Gesellschaft durchaus an der Tagesordnung. Aber je öfter bestraft wird, desto normaler wird die Bestrafung, und um so eher verliert sie an Wirkung.
Wer in traditionellen muslimischen Familien nicht dem Vater, nicht dem älteren Bruder folgt, wird bestraft.
Darüber, welche Ausmaße dies hat, wissen wir relativ wenig. Daß Väter oder Brüder, die keine Arbeit haben und die Familie nicht ernähren können, auch ihre Ehre verlieren können, spielt möglicherweise eine viel größere Rolle. Dies gilt auch für deutsche Familien. Denn das heißt, daß den Vätern und Brüdern auch der Respekt der Jüngeren nicht mehr garantiert ist.
Die Jüngeren holen sich dafür Respekt in der Subkultur.
Eine Gangbildung ist hoch gefährlich, weil sie oft in dauerhafte kriminelle Karrieren mündet. Problematisch sind die Intensivtäter. Ein Bruchteil dieser Intensivtäter wiederum ist sehr ernst zu nehmen, weil die Lehrer offensichtlich nur noch mit Handys in die Klassen gehen, wie die Lehrer der Rütli-Schule geschrieben haben.
Wie kann man die Eltern dieser Intensivtäter erreichen?
Da gibt es ganz wenig Erfolge, was auch mit Sprachschwierigkeiten und Bildungsdistanz zu tun hat. Das ist eine ganz schwierige Aufgabe.
Haben wir all das nicht viel zu lange hingenommen?
Was heißt wir?
Die Gesellschaft.
Das ist zu unspezifisch. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, was Desintegrationsprozesse alles anrichten können. Wer nicht integriert ist, verschafft sich seine Anerkennung auf andere Art. Dann ist es nicht die gesellschaftliche Integration, sondern die Integration eben in die Subkultur.
In einer Ihrer Untersuchungen stellen Sie eine unübersehbare Spaltung zwischen Mehrheit und muslimischer Minderheit in Deutschland fest. Wird diese Spaltung mit solchen Geschehnissen nicht jeden Tag tiefer?
Das kann schon sein. Da haben natürlich die Medien eine große Verantwortung. Denn die Dramatisierung hilft niemandem, nicht einmal der Auflagenentwicklung . . .
. . . Kapitulation hilft auch niemandem . . .
Nein, die Problemfelder müssen sehr viel intensiver bearbeitet werden. Es müssen die Anerkennungschancen früh verbessert werden. Und es müssen auch die Anforderungen an die Communities der Migranten präzisiert werden. Das ist keine Frage. Wobei insbesondere Selbstkritik aus diesen Gemeinden mit auf die Waagschale gelegt gehört. Auch das ist keine Frage. Es ist auch nicht neu, daß die multiethnische Gesellschaft kein immerwährendes Straßenfest ist, sondern eine Konfliktgesellschaft mit ethnischen Grenzziehungen. Diese Grenzen werden um so schärfer gezogen, je mehr Bedrohungsgefühle sich auf allen Seiten einnisten.