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Geschichtstag im Auswärtigen Amt

01.12.2010 ·  Wie Staatssekretär Ammon mit der Fischerkommission "zusammengebrochen" ist / Von Rainer Blasius

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Eine glänzende Idee hatte der Beauftragte des Auswärtigen Amts für die im Sommer 2005 von Außenminister Fischer (Grüne) eingesetzte "Unabhängige Historikerkommission": Er ließ die Diskussion mit aktiven und ehemaligen Diplomaten unter Leitung von Staatssekretär Ammon im Europasaal in Berlin am 29. Oktober nicht nur "live" in den Weltsaal nach Bonn übertragen, sondern auch auf DVD aufzeichnen. Ergänzend zur Lektüre von "Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik" lässt sich der persönliche Auftritt der Kommissionsmitglieder Eckart Conze (Jena), Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (Evanston) und Moshe Zimmermann (Jerusalem) sowie der mancher Kritiker erleben: stimmungsvolle Bilder eines Geschichtstags am Werderschen Markt mit bühnenreifen Sequenzen.

Ammon sagte zum Auftakt, das Buch komme ein halbes Jahrhundert zu spät. Die deutsche Außenpolitik sei in den vergangenen "50 Jahren so ungeheuer erfolgreich gewesen" (nicht 60 Jahre?) und man wolle die Wahrheit nicht unter den Teppich kehren. Dies sei wichtig für das Selbstverständnis des auswärtigen Dienstes, wie überhaupt die Frage, wann Widerspruch angebracht sei. Danach äußerten sich die Mitglieder der Kommission über die Ergebnisse ihrer Recherche- und Schreib-Truppen. Conze meinte, das vom "schleichenden Funktionsverlust" befallene AA habe während der Zeit des Nationalsozialismus die eigentliche Unentbehrlichkeit durch Kooperation mit der Gestapo demonstrieren wollen. Demgegenüber stellte Zimmermann abwägende allgemeine Überlegungen an. Im Vergleich zu anderen Staaten stehe Deutschland bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit "relativ positiv da". Es komme darauf an, "Spielräume innerhalb einer Diktatur" herauszuarbeiten: Der eine sei eben bereit gewesen, zu hundert Prozent nationalsozialistische Politik zu betreiben, der andere habe versucht, "eher bremsend und zurückhaltend" zu agieren: "Wo ist man über die Grenze hinausgegangen?" Diese Frage sei schwer zu beantworten.

Hayes sprach über die Funktionselite in der Nachkriegszeit und davon, dass "dubiose Figuren" ihre Karrieren fortsetzen konnten wegen des im Wilhelmstraßenprozess 1948/49 verbreiteten Bildes vom "sauberen Kern" der deutschen Diplomatie im "Dritten Reich". Tief beeindruckt zeigte sich Frei von der medialen Aufmerksamkeit und vom Interesse im AA selbst an dem Buch, das "nur Teil einer fortdauernden Auseinandersetzung" darstelle. Für das AA habe mit dem Wilhelmstraßenprozess die "Selbstentschuldung" begonnen. Im neuen auswärtigen Dienst seien "Nichtkonforme" und "Widerständige" im Zweifelsfall eher ausgegrenzt worden; sie galten in Bonn als "ein lebendiger Beweis, dass man sich anders hätte verhalten können".

Im Anschluss durften Fragen gestellt, Meinungen geäußert werden. Manche Kritiker des Buchs nahmen Anstoß an der Behauptung, dass man im AA noch heute glaube, die Wilhelmstraße sei ein Hort des Widerstands im "Dritten Reich" gewesen; diesen Mythos gebe es längst nicht mehr. Andere wiesen darauf hin, dass Außenminister von Brentano bereits 1960 durch "unabhängige Historiker" die Vergangenheit des AA habe beleuchten lassen - mittels der Serie E der "Akten zur deutschen auswärtigen Politik". Der Personalratsvorsitzende Michael Schmidt-Edinger zog als Lehre aus der Geschichte das Remonstrationsrecht und die Remonstrationspflicht der Beamten heran. Und er blickte diesbezüglich zufrieden zurück auf die "Visa-Affäre" von 2004/2005, als es eine "Remonstrationswelle in Richtung Zentrale" gegeben habe.

Botschafter a.D. Heinz Schneppen störte sich daran, wie seine Kollegen Franz Krapf (1911-2004) und Erwin Wickert (1915-2008) im Buch biographisch abgekanzelt würden; Wolfram und Ulrich Wickert seien "empört über die Behandlung des Vaters". Schneppen beklagte sich zudem - wie mehrere andere auch - über die negative Bewertung des Politischen Archivs des AA durch die Kommission, im Buch und in den Medien. Ein Referatsleiter aus der Zentrale erkundigte sich danach, warum sein Großvater im Buch als NSDAP-Mitglied ausgewiesen sei. Gebhard Seelos (1901-1984) sei nie in Hitlers Partei gewesen und sogar 1944 "ganz aus dem Dienst geflogen". Daher forderte er von der Kommission, für ihre Behauptung "entsprechende Belege" beizubringen. Andere Ungereimtheiten und Fehler kamen zur Sprache, zu denen Conze "nur sehr, sehr wenig sagen" konnte. So räumte er ein, im Lichte neuerer Dokumente die Thesenbildung überprüfen zu wollen.

Als letzter Fragesteller erhielt Frank Walter das Wort - ein Mann des einfachen Dienstes, wie es im Behördenjargon heißt. Der echte Berliner hielt sich an die einführende Bemerkung des Staatssekretärs und meldete Widerspruch an: "Ich bin Mitarbeiter im Politischen Archiv." Er sei "in den letzten Tagen ziemlich schockiert" über das, was er über seine Arbeitsstelle gehört habe, "insbesondere von Herrn Conze". Daher wolle er wissen, ob sich dessen Kritik "auf eigene Erfahrung, auf den 7. 10. 2009" bezöge, auf den "einen Tag", an dem Conze und Frei in den vergangenen Jahren das Archiv benutzt hätten. "Öfter waren Sie nicht da", meinte er an die Adresse der Ordinarien. Was für ein Amt, das wenigstens über solche Amtsmeister verfügt! Wegen vieler geäußerter Verdächtigungen gegen das Archiv legte Walter nach. Er kenne "keinen im Referat, der irgendwas Braunes an sich hat oder unter den Teppich kehren will". Dies alles wurde vom Publikum mit mildem Applaus, sogar mit Lachen quittiert.

Conze erwiderte, dass es eine interne Angelegenheit der Kommission sei, wie sie ihre Arbeit organisiere; dies gehöre zur zugebilligten Unabhängigkeit. Dem schloss sich Frei an, der die "Betroffenheit" der Mitarbeiter des Archivs ansprach. Es gebe dort "sehr hilfsbereite Kollegen". Diese seien im Nachwort von "Das Amt" nicht persönlich "benannt" worden, weil die Kommission das "Gefühl" gehabt habe, "das könnte am Ende gar nicht zu deren Vorteil sein". Auf diese Unterstellung entstand etwas Unruhe.

Zum Schluss verkündete der Staatssekretär, zwischen der Wilhelmstraße und dem Werderschen Markt gebe es "keine gemeinsame Tradition", "keine Brücke, und es darf auch keine geben". Es habe bis 1945 nur wenige Kollegen gegeben, die heldenhaft "ihr Leben riskiert und geopfert" hätten. Und er tröstete die Damenwelt mit dem Zusatz, es seien "leider nur Männer gewesen". Verdienst und Schuld könnten "immer nur individuell sein". In seiner Dienstzeit habe er viel Loyalität erlebt und viel Pflichtbewusstsein, jedoch habe "nie irgendwo braunes Gedankengut eine Rolle gespielt". Für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des AA empfahl Ammon eine "radikale Strategie der Offenheit". Auch das Politische Archiv müsse "radikal offen sein". Als er vor zwei Jahren erstmals mit der Historikerkommission "zusammengebrochen, äh zusammengetroffen" sei, habe er signalisiert, bei Problemen mit dem Archiv einzugreifen: "Dieses Angebot ist allerdings nie abgerufen worden." Sodann erinnerte er an die von seinem Vorgänger Scharioth formulierte Aufgabe für die Kommission, den durch die geänderte Nachrufpraxis 2005 entbrannten "Streit im Amt zu befrieden". Daher bat Ammon die Behörde eindringlich, "dieses Ergebnis anzunehmen und diesen Frieden herzustellen".

Einen Monat danach urteilte der Zeithistoriker Daniel Koerfer in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass "Das Amt" kein Buch der Versöhnung, sondern "ein Buch der Rache" sei: "Und die Kommission hat sich dafür instrumentalisieren lassen. Joschka Fischer hat bei der Vorstellung des Bandes in der Berliner Kongresshalle fast triumphierend gesagt: ,Jetzt haben die Herren den Nachruf bekommen, den sie verdienten.'" Doch statt sich mit dem Inhalt des Buches kritisch auseinanderzusetzen, hat Ammon kurz nach der AA-Präsentation verfügt, in den Auslandsvertretungen "Ahnengalerien" (Fotos der Leiter) nur noch von 1951 an zuzulassen; Ausnahmen bilden etwa Bismarck und Humboldt. Ob sich darauf Widerspruch regt? Immerhin hat das AA die Möglichkeit, etwas von den Kosten für die Kommission einzuspielen. Es kann jetzt den Hype um "Das Amt" mit seiner DVD zum Buch im Weihnachtsgeschäft nutzen.

Ungereimtheiten, zu denen Conze nur "sehr, sehr wenig" sagen konnte, kamen auch zur Sprache.

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