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Veröffentlicht: 23.08.2016, 08:52 Uhr

70 Jahre Wie durch eine Zwangsheirat NRW entstand

Seit 70 Jahren gibt es das „Kunstland“ Nordrhein-Westfalen. Es war der Grundstein für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Und hätte es die Briten nicht gegeben, wäre alles vielleicht ganz anders gekommen.

von , Düsseldorf
© dpa Ruhrgebietspanorama: Ein Teil Rheinland, ein Teil Westfalen (Zeche Herten).

Der Stahlhof in der Düsseldorfer Bastionstraße ist ein Statement der Macht. Als die „Stahlwerkverband Aktien-Gesellschaft“, der Zusammenschluss der mächtigen Ruhrbarone, 1904 entschied, seine Geschäfte künftig von Düsseldorf aus zu führen, ließ er sich einen Steinwurf von der Königsallee entfernt einen prächtigen Verwaltungstempel bauen. Überlebensgroße Reliefs recken sich aus der roten Sandsteinfassade: muskulöse Arbeiter, eine Mutter mit ihrem Kind, Unternehmer, Soldaten. Grimmig blicken Adler-Skulpturen in die Straßen der Düsseldorfer Altstadt. Hoch über dem Hauptportal steht auf dem Giebel in goldenen Jugendstil-Buchstaben „Stahlhof“. Seit es den Stahlhof gibt, gilt Düsseldorf, das ein gutes Stück vom Ruhrgebiet entfernt ist, als „Schreibtisch des Ruhrgebiets“.

Reiner Burger Folgen:

Der Stahlhof blieb über alle Wechselfälle hinweg ein wichtiger Ort. Im Ersten Weltkrieg wurden von dort aus die Lieferungen der Eisen- und Stahlindustrie an das Militär koordiniert; als 1923 französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschierten, residierte im Stahlhof einige Monate lang der französische Generalstab; im Zweiten Weltkrieg steuerten die Nationalsozialisten die gesamte deutsche Walzstahlerzeugung vom Stahlhof aus. Und 1945 wählte die britische Militärregierung den Hof zu ihrer Kommandozentrale am Nordrhein.

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Das hatte weniger damit zu tun, dass das Ruhrgebiet von Beginn an im Zentrum der besatzungspolitischen Absichten der Briten stand. Der Hof war ganz einfach eines der wenigen Verwaltungsgebäude in Düsseldorf, die den Bombenkrieg beinahe unversehrt überstanden hatten. Und so wurde der Stahlhof im Sommer 1946 zum Geburtsort des Landes Nordrhein-Westfalen. In dem Gebäude fanden die entscheidenden Besprechungen statt, die zur Einsetzung der ersten nordrhein-westfälischen Landesregierung unter dem parteilosen Rudolf Amelunxen führten. Auch wurde im Stahlhof die Verordnung Nummer 46 verfasst. Sie gilt als „Geburtsurkunde“ Nordrhein-Westfalens. Weil sie am 23. August 1946 veröffentlicht wurde, ist der 23. August der „Geburtstag“ des Landes.

Stahlhof in Düsseldorf © dpa Vergrößern Der Stahlhof in Düsseldorf

„Geburtszimmer“ Nordrhein-Westfalens

Patrick Schauenburg empfängt seinen Besuch im Foyer des Stahlhofs. Der Fußboden ist mit Marmor ausgelegt, von der Decke hängen prächtige Leuchter. Schauenburg ist einer von rund hundert Richtern des Verwaltungsgerichts Düsseldorf, das seit 1971 seinen Sitz im Stahlhof hat. Als vor zehn Jahren die Entscheidung fiel, das Gebäude von Grund auf denkmalgerecht zu sanieren, machte der Gerichtspräsident den jungen Richter zum Beauftragten für die Bauleitung. Kaum jemand kennt sich so gut mit der Geschichte des Hauses aus wie Schauenburg. Gelegentlich führt der Richter Besuchergruppen durch den Stahlhof, zeigt ihnen den Ölgemälde-Zyklus „Der Weg der Schiene“, führt sie durch die Bibliothek, aufwendig getäfelte Säle, in denen die Stahlbarone einst ihre Absprachen trafen.

Das „Geburtszimmer“ Nordrhein-Westfalens kann Schauenburg leider nicht zeigen. Alle Etappen der Stahlhof-Geschichte sind gut dokumentiert, doch die Unterlagen aus der Besatzungszeit nahmen die Briten mit, als sie Mitte der fünfziger Jahre aus dem Stahlhof auszogen. „Wir können also leider nur spekulieren, in welchem Raum die Gründung Nordrhein-Westfalens vor 70 Jahren besiegelt wurde“, sagt Schauenburg. Der Richter hält das Speisezimmer mit dem wuchtigen offenen Kamin für einen möglichen Ort. „Oder natürlich das Büro von William Asbury. Aber leider wissen wir noch nicht einmal, wo der Landesbeauftragte der Briten sein Büro hatte.“

„Operation marriage“

Die Grundsatzentscheidung, den Nordteil der preußischen Rheinprovinz mit der ebenfalls preußischen Provinz Westfalen zusammenzufügen, war schon am 21. Juni 1946 in London im Overseas Reconstruction Commitee gefallen, einem Kabinettsausschuss unter Vorsitz von Premierminister Clement Attlee. Der britischen Labour-Regierung ging es darum, in der umstrittenen Ruhrfrage vollendete Tatsachen zu schaffen. Das Ruhrgebiet sollte wie ein Juwel schützend umfasst werden. Indem die Briten mit ihrer kühnen „Operation marriage“ das „Kunstland“ Nordrhein-Westfalen schufen, schoben sie den Ansprüchen Frankreichs und der Sowjetunion einen Riegel vor. Frankreich wollte sicherstellen, dass Deutschland nie mehr in der Lage sein würde, einen Krieg zu beginnen. Deshalb forderten die Franzosen die Abtrennung der „Waffenschmiede des Reichs“ von Deutschland. Das Ruhrgebiet sollte zu einem völkerrechtlich neuartigen, von den Siegermächten regierten „Ruhrterritorium“ werden.

Prinz Andrew verabschiedet britische Soldaten © Picture-Alliance Vergrößern Bye bye: Prinz Andrew verabschiedet im Juli 2013 die letzten britischen Soldaten in Münster.

Die Briten lehnten das strikt ab, weil sie erkannten, dass Deutschland auf diese Weise wirtschaftlich destabilisiert und zum Kostgänger werden würde. Und auf diese Weise würden die Deutschen dem Kommunismus und also der Sowjetunion in die Arme getrieben werden, befürchteten die Briten, bei denen längst sicherheitspolitische Überlegungen Vergeltungs-Gedanken in den Hintergrund treten ließen. Tatsächlich hatte es auch die Sowjetunion auf das Ruhrgebiet abgesehen. Sie forderte seine Internationalisierung zum „Viermächterevier“, um sich Einfluss auf das wichtigste europäische Industriegebiet zu sichern. Die Briten waren höchst beunruhigt, wie rigoros die Sowjets die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Einflussgebiet umgestalteten. Besonders alarmierte sie die Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der sowjetisch besetzten Zone im April 1946. Dadurch sahen sie sich endgültig in ihrer Auffassung bestärkt, dass das Ruhrgebiet Teil eines wirtschaftlich und politisch ausgewogenen Landes werden müsse.

Grundstein für westdeutsches Wirtschaftswunder

Ziel war es, das rheinisch-westfälische Industrierevier mit ausreichend großen agrarischen Gebieten zu verbinden, um so die Versorgung der menschenreichen Städte an Rhein und Ruhr mit Lebensmitteln sicherzustellen. Dass Frankreich im Sommer 1945 nachträglich Teile der amerikanischen und der britischen Zone zugeschlagen bekommen hatte und dabei auch die alte preußische Rheinprovinz zerteilt worden war, führte in der britischen Regierung zur Überlegung, das Ruhrgebiet dann eben mit den agrarischen Gebieten des Münsterlands und Ostwestfalens zu verbinden.

Die Briten legten mit ihrer „Operation marriage“ den Grundstein für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Denn binnen kurzer Frist wurde Nordrhein-Westfalen zum Kraftraum für (West-)Deutschland. Dass Bonn 1949 Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland wurde, unterstrich die Bedeutung des Landes zusätzlich. Ohne die Briten hätte es Nordrhein-Westfalen nicht gegeben. Ohne Nordrhein-Westfalen wäre die Entwicklung im Westen Deutschlands anders verlaufen, und vermutlich hätte es ohne die Gründung Nordrhein-Westfalens mit der Kernregion Ruhrgebiet nicht die Montanunion und auch nicht die europäische Integration gegeben.

42015297 © Landesarchiv NRW Vergrößern Zum ersten Mal tagt der Landtag von Nordrhein-Westfalen.

Vor 70 Jahren gab es auch in Großbritannien Gegner der „Lösung NRW“. Der britische Deutschland-Minister John B. Hynd wies seine Regierung während der geheimen Planungen darauf hin, dass die Zerschlagung Preußens eines der zentralen Ziele der Siegermächte sei, mit Nordrhein-Westfalen nun aber ein „neues Preußen im Westen“ entstehe, weil das neue Land das preußische Industriekapital an Rhein und Ruhr übernehmen würde. Doch Hynd wurde überstimmt. Auch auf deutscher Seite, die am 17. Juli in Berlin informiert wurde, rief der Plan unterschiedliche Reaktionen hervor. Der CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer befand ihn für gut, deckte er sich doch weitgehend mit seinen eigenen Vorstellungen, Frankreich aus dem Ruhrgebiet herauszuhalten. Zudem erkannte Adenauer, dass der territoriale Zuschnitt dazu führen würde, dass „aller Wahrscheinlichkeit nach die CDU die Mehrheit“ in dem neuen Land haben würde, wie er am 1. August formulierte. Tatsächlich blieb die CDU in Nordrhein-Westfalen bis Mitte der sechziger Jahre die klar dominante politische Kraft.

„Nationalpolitisch gesehen eine Katastrophe“

Doch es gab auch vehemente Gegner der Vereinigung der beiden Westprovinzen. Der prominenteste unter ihnen war Kurt Schumacher, der Vorsitzende der SPD in den westdeutschen Besatzungszonen. Er argumentierte, ein solches Land „würde das Werden eines Gesamtdeutschland nicht fördern, sondern entscheidend behindern“. Die Pläne seien „nationalpolitisch gesehen eine Katastrophe“. Auch Rudolf Amelunxen, damals Oberpräsident der Provinz Westfalen, hielt nichts von den Plänen der Briten. Er hoffte auf ein eigenes Land Westfalen. Es war ein kluger Schachzug der Briten, ausgerechnet Amelunxen zum ersten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten zu machen. Kaum war Amelunxen ernannt, warb er mit Verve für das neue Land. Bei der Feier zur ersten Sitzung des ersten nordrhein-westfälischen Landtags am 2. Oktober im Düsseldorfer Opernhaus bezeichnete er die Bürger Nordrhein-Westfalens wie selbstverständlich als „rheinisch-westfälisches Volk“.

42015277 © Stadtarchiv Münster Vergrößern Einzug der britischen Soldaten in einer Parade auf dem Münsteraner Prinzipalmarkt.

Es war damals verwegen und ist es auch heute noch. Denn noch immer gibt es in Nordrhein-Westfalen keine spezifische Identität. Immer wieder ergeben Umfragen, dass das Landesbewusstsein der Bürger nirgendwo so gering ausgeprägt ist wie in Nordrhein-Westfalen. Die Leute, die im bevölkerungsreichsten Bundesland leben, fühlen sich als Rheinländer, Westfalen, Sauerländer oder in Lippe (das 1947 als dritter Landesteil freiwillig zu Nordrhein-Westfalen stieß) selbstverständlich als Lipper. Vielleicht hat der Mangel an Landesbewusstsein damit zu tun, dass die Leute in den unterschiedlichen Landesteilen keine gemeinsame wirtschaftliche Erfolgsgeschichte verbindet wie die Bürger im erstaunlich inhomogenen Bayern oder in Baden-Württemberg, das einst wie Nordrhein-Westfalen aus Raumbausteinen zusammengefügte wurde.

70 Jahre NRW © dpa Vergrößern Sonderration Kartoffeln: Bergarbeiter treten 1945 zur Extraschicht an.

Geschichtsvergessen

Vielleicht liegt es daran, dass in Nordrhein-Westfalen bisher alle Versuche, das Landesbewusstsein zu stärken, kläglich gescheitert sind. Während es in Baden-Württemberg schon seit Jahren ein Haus der Landesgeschichte gibt, versandeten in Nordrhein-Westfalen bisher alle Anläufe, eine Landesausstellung oder ein „Haus der Geschichte“ aufzubauen. Wie geschichtsvergessen das offizielle Nordrhein-Westfalen ist, zeigt sich auch am Beispiel Stahlhof. Nur eine winzige Metallplatte mit einer kaum lesbaren Aufschrift erinnert verklausuliert daran, dass in dem Gebäude im Sommer 1946 Nordrhein-Westfalen gegründet wurde.

Richter Schauenburg ist mit seinem Besuch wieder im Foyer des Stahlhofs angekommen. Er deutet auf die Inschrift in einem Gewölbebogen. „Wo wi to hoop hew stahn, hät uns noch nüms wat dahn“, heißt es dort auf Plattdeutsch. Schauenburg übersetzt: „Wo wir zusammen gestanden haben, hat uns noch niemand etwas getan.“ Vor mehr als 100 Jahren war es das Motto der selbstbewussten Ruhrbarone. Heute könnte es das gemeinsame Motto für Rheinländer, Westfalen und Lipper sein. Als der Stahlhof saniert wurde, sei unter den Richterkollegen die Befürchtung aufgekommen, das Land könnte dem Verwaltungsgericht das schöne repräsentative Gebäude wegnehmen, um es für eine große Landesausstellung zu nutzen, oder die Staatskanzlei dorthin verlegen, erzählt Schauenburg.



Die Ängste sind vollkommen unbegründet. Es ist noch gar nicht lange her, da ist auch der jüngste Anlauf für ein Haus der Landesgeschichte gescheitert – das trotz aller Strukturbrüche noch immer starke Nordrhein-Westfalen sieht sich nicht in der Lage, es zu finanzieren. Zudem macht sich das Land mit der Wahl seiner Gebäude – abgesehen vom 1988 bezogenen Parlament – in seiner Hauptstadt auf geradezu aufreizende Weise unsichtbar. Die Staatskanzlei befindet sich – zur Miete – in einem technisch-kühlen Büro-Glashaus. In dessen Eingangsfoyer neben der Rolltreppe, Zahnarztpraxis und Bankfiliale will Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) an diesem Dienstag die Ausstellung „Schwarz-weiß wird bunt – 70 Jahre NRW“ eröffnen, die dort neun Tage lang zu sehen sein wird, bevor sie ins Düsseldorfer Rathaus wandert. Einen Auftritt mit „pomp and circumstance“ gibt es am runden Landesgeburtstag aber doch: Prinz William kommt als Ehrengast am Ehrentag. Wie gut, dass es die Briten gibt!

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Von Jasper von Altenbockum

Wenn es um Recht und Politik geht, leiden Christen und Muslime gleichermaßen unter Realpolitik. Allerdings, wie der Kirchentag in Berlin zeigt, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Mehr 29

Quelle: wahlrecht.de
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