Home
http://www.faz.net/-gpf-pl2a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Gerhard Schröder „Wir waren die Asozialen"

In jüngster Zeit läßt der deutsche Kanzler die Öffentlichkeit mehr und mehr über seine Jugend erfahren. Es zeichnet sich ein Bild ärmster Verhältnisse weit abseits des Wirtschaftswunders.

© REUTERS Vergrößern Gerhard Schröder nach dem Besuch des Grabs seines Vaters

Bei einer Bundestagswahl wird nicht der Kanzler gewählt, und in der Politik geht es nicht um Personen, sondern um Sachen. Soweit die Theorie. Die Praxis findet in der Wahlkabine statt. Dort gilt immer noch der Satz: Auf den Kanzler kommt es an. Deshalb wird die Politik, wenn der Wahltag naht, persönlicher. Und der Kanzler wieder greifbarer.

Volker Zastrow Folgen:  

Bisher wußte man wenig mehr über Gerhard Schröders frühe Jahre, als daß er aus einfachen Verhältnissen kommt und zusammen mit einer älteren Schwester und drei jüngeren Halbgeschwistern in Ostwestfalen von einer Kriegerwitwe großgezogen wurde, die ihre Familie als Putzfrau über die Runden brachte. Schröder hat Ehrerbietung für seine Mutter wiederholt zum Ausdruck gebracht, er nennt sie „Löwe“.

„Spiel nicht mit den Schröder-Kindern!“

Nun erfahren die Deutschen, daß Gerhard Schröder in seiner Kindheit zu den Ärmsten der Armen zählte, daß er am Rande der Gesellschaft lebte. Der Armutsbegriff von damals war ein anderer als der heutige. „Spiel nicht mit den Schröder-Kindern!“: Mit diesem Titel hat die Illustrierte „Stern“ eine gründliche Geschichte über Schröders junge Jahre aufgemacht und zugleich an Degenhardts Lied von den Schmuddelkindern erinnert.

In der Sprache der fünfziger Jahre wurde das Milieu, in dem Schröder aufwuchs - und aus dem er sich durch Abendschulkurse löste - mit einem unguten Wort belegt. Der Kanzler sagt es unverblümt: „Wir waren die Asozialen.“

Daß gesellschaftliche Ausgrenzung in Schröders Kindheit und Jugend eine große Rolle gespielt haben muß, kam bisher in den Schilderungen seiner frühen Jahre nicht vor. Dort wurden vornehmlich seine sportlichen Leistungen als Mittelstürmer (Spitzname „Acker“) im TuS Talle hervorgehoben.

„Jahrelang Fensterkitt gefressen“

Mit Mutter, Großmutter, Geschwistern und dem arbeitslosen und kranken Stiefvater lebte Schröder 1957, da war er dreizehn, im westfälischen Osterhagen in einer Zweizimmerwohnung auf kaum mehr als dreißig Quadratmetern. Am „Wirtschaftswunder“, dem damals schon zügig wachsenden Wohlstand, hatte die Familie nicht teil, sie war auf Fürsorge angewiesen.

Schröder besuchte vom ersten bis zum siebenten Schuljahr die zweiklassige Volksschule in Bexten. Auf sein Schulbrot kam nicht Wurst, sondern Zucker. Seine Kleider stammten aus der Kleiderstube der Fürsorge. Schröders Satz, er habe „jahrelang Fensterkitt gefressen“ (traditionell aus Kreide und Leinöl), darf man zumindest soweit wörtlich nehmen, daß ihm der Hunger nicht fremd gewesen sein kann - für Essen arbeiteten die Kinder auf dem Hof mit, in dessen Gesindehaus sie wohnten.

„Das bin doch ich“

Zur Welt gekommen ist Gerhard Schröder am Karfreitag, dem 7. April 1944, auf einem Bauernhof in Mossenberg, östlich von Detmold. Dorthin war seine Mutter zusammen mit einer Freundin vor den Bomben der Alliierten geflohen. Seinen Vater, den Kirmesarbeiter Fritz, hat Gerhard Schröder nie gesehen; Fritz Schröder fiel im Herbst des Jahres als Soldat auf dem Rückzug aus Rußland.

Schröder hat im vergangenen August bei beträchtlicher öffentlicher Anteilnahme das erst spät aufgefundene Grab seines Vaters bei Ceanu Mare in Rumänien besucht. Aus dieser Zeit kennt auch er selbst erst das Bild seines Vaters: „Das bin doch ich“, soll der Kanzler zu dem Foto des ernsten Gesichts unter dem Stahlhelm gesagt haben.

Wohnscheune einschlägig bei der Polizei bekannt

Nach dem Krieg kam Erika Schröder mit ihren beiden Kindern in eine Baracke auf dem Sportplatz in Wülferbesten bei Bad Salzuflen. Mit dem Melker Paul Vosseler, den sie im Kino kennengelernt hatte, zog sie 1947 in eine 1599 errichtete Schafsscheune, an die Behausungen für Landarbeiter angebaut worden waren. Dort lebten auf engstem Raume mehrere Familien, bis zu zwanzig Personen, ohne Strom, Bad und Wasser; im Erdgeschoß gab es zwei Kanonenöfen.

Die Kohlen zum Heizen beschaffte die Mutter in einer nahegelegenen Ziegelei, im Kramladen wurde angeschrieben, aber nicht bezahlt. „Der Vosseler“, den Erika Schröder später heiratete, faßte nicht Fuß, war untreu und trug auch vor dem Ausbruch seiner Tuberkulose wenig zum Überleben bei.

Bei der Polizei war die „Villa Wankenich“, wie die Scheune genannt wurde, einschlägig bekannt. Schröder erzählte später dem Journalisten Günter Gaus: „Ich habe darunter gelitten, daß bestimmte Alterskollegen, Mädchen wie Jungs, nicht mit mir gespielt haben.“

Einmalige politische Laufbahn

Gerhard Schröders Aufstieg ist demnach einzigartig. Selbst Willy Brandts oft beschriebene Herkunft als uneheliches Kind Herbert Frahm, das vom Großvater aufgezogen wurde, ähnelt der seinen nicht wirklich. Brandt wuchs im Lübecker Proletariat und dem bezugsstarken Milieu der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung auf; er genoß ideellen und sozialen Halt sowie persönliche Förderung, konnte sogar als Stipendiat das Lübecker Johanneum besuchen.

Schröder dagegen mußte auf der Treppe seines Aufstiegs zumindest die ersten, schwierigsten Stufen selbst mauern: eine in der Bundesrepublik einmalige politische Laufbahn, mit der auch der Aufstieg Joschka Fischers aus der selbstverschuldeten Unbändigkeit keineswegs zu vergleichen ist.

"Ich habe darunter gelitten, daß bestimmte Alterskollegen, Mädchen wie Jungs, nicht mit mir gespielt haben."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 3

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Putins Spiel

Von Berthold Kohler

Der Kreml schickt einen Konvoi in die Ukraine, die Kanzlerin sich selbst. Doch wer hat den längeren Atem? Mehr 66

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden