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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2006, 15:18 Uhr

Gerhard Schröder „Buchen Sie den Weltstaatsmann!“

Langeweile muß Gerhard Schröder nicht fürchten. Neben Beraterjob, Aufsichtsratsmandat und dem Schreiben seiner Memoiren wagt sich der Altkanzler jetzt auch in den internationalen Rednerzirkus. Ein lukratives Geschäft.

von , London
© picture-alliance/ dpa/dpaweb Mit dem nötigen Kleingeld buchbar

Langeweile muß Gerhard Schröder nicht fürchten. Neben Beraterjob, Aufsichtsratsmandat und dem Schreiben seiner Memoiren peilt der Altkanzler jetzt auch noch eine Karriere als Redner auf internationalem Parkett an. Schröder hat sich von der renommierten New Yorker Redner-Agentur „Harry Walker“ unter Vertrag nehmen lassen. Die preist den Neuzugang bereits heftig als „führenden Weltstaatsmann und international anerkannte Autorität für weltweite Beziehungen, wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Wandel“ sowie als „charismatische Führungspersönlichkeit“ an.

Claudia Bröll Folgen:

In seiner neuen Rolle befindet sich Schröder in guter Gesellschaft. Die Agentur, die sich als weltweit führend bezeichnet, vermittelt die früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, Jimmy Carter und Gerald Ford. Auch der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak, die ehemalige pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto, Ex-UN Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali und die jordanische Königin Noor gehören zu dem illustren Kreis.

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Das nötige Kleingeld

Daß Volksvertreter nach ihrer politischen Laufbahn in das Geschäft mit Vorträgen und Dinneransprachen einsteigen, ist auch in Deutschland üblich - allerdings geschieht es in der Regel im stillen. Über die in London ansässige europäische Agentur „Celebrity Speakers Limited“ (CSA) beispielsweise kann man Helmut Kohl und Helmut Schmidt ebenso für Auftritte gewinnen wie Hans-Dietrich Genscher, Oskar Lafontaine oder den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth.

Voraussetzung ist ein üppiges Veranstaltungsbudget. Denn billig ist die Politprominenz nicht zu haben. Stars des Rednerzirkus wie Clinton, der auf der ganzen Welt auf Jubiläumsfeiern, Kongressen, Dinnerparties und Fernsehgalas auftritt, verdienen hohe sechsstellige Dollar-Gagen für jeden Gang zum Rednerpult. Ehemalige Minister fordern oft einen fünfstelligen Betrag; mit diesen Summen müssen sich auch die ehemaligen Staatschefs kleinerer Staaten zufriedengeben. Schröder werde wohl mit 50.000 bis 100.000 Dollar je Einsatz einsteigen, schätzt Dagmar O'Toole, Mitinhaberin von „Celebrity Speakers“. Später könnte es mehr werden. Die Nachfrage bestimmt das Geschäft.

Das Rampenlicht reizt

Allein wegen des Geldes touren jedoch die wenigsten durch Ballsäle und Kongreßzentren. Vor allem die älteren unter den einstigen Staatslenkern schätzen es, wieder im Rampenlicht zu stehen, Applaus zu erhalten und sich mit anderen altgedienten Kollegen zu treffen. Der ehemalige französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing beweist sogar so viel Idealismus, daß er alle Honorare automatisch an eine Kinderhilfsorganisation überweisen läßt.

Für die Agenturen ist die Vermittlung prominenter Gastredner ein Milliardengeschäft. In der Regel verdienen sie 20 bis 30 Prozent der Gage. Dafür schließen sie die Verträge und kümmern sich um jedes Detail des Auftritts, von der Limousine am Flughafen bis zur Verabschiedung am Abend. Auf Spezialwünsche sind sie vorbereitet. Margaret Thatcher soll etwa darauf bestanden haben, bei ihren Auftritten persönlich von Mitarbeitern der Agentur begleitet zu werden.

Vorreiter Amerika

Auf dem amerikanischen Rednermarkt werden jährlich 16 Milliarden Dollar umgesetzt, in Europa 850 Millionen Dollar. Dankt ein Staatsmann, Minister oder Zentralbankchef ab, geht der Wettstreit los, welcher der großen internationalen Dienstleister den Zuschlag erhält. Meistens machen, wie im Fall Schröder, die Amerikaner das Rennen. „Sie können weitaus mehr Veranstaltungen mit einem viel größeren Publikum bieten als wir“, sagt O'Toole. Seit Schröder aus dem Rennen ist, richten sich alle Blicke in der Szene auf Alan Greenspan und Joschka Fischer. Beide sollen bereit sein, beide sollen schon Angebote erhalten haben, aber festgelegt hat sich noch keiner, heißt es.

Eine Karriere als Politiker prädestiniert aber noch lange nicht zum Erfolg auf der Rednertribüne. Anders als im Parlament oder in Elefantenrunden nach der Wahl darf man hier nicht aggressiv und parteiisch auftreten. „Ein guter Redner muß witzig sein und darf niemanden im Saal verärgern“, erklärt die CSA-Direktorin. Viele Politiker müßten das erst lernen. Manchem komme der neue Job aber auch zugute. John Major, dem in seiner Zeit als Premierminister das Etikett „farblosester und langweiligster Politiker Großbritanniens“ angeheftet wurde, habe sich nach seinem Auszug aus Downing Street Nummer 10 so gemausert, daß er heute ein großes Publikum in den Bann ziehe.

Schröders mangelnde Sprachkenntnisse

Ob Gerhard Schröder großer Erfolg beschieden sein wird und er es mit Bill Clinton aufnehmen kann, läßt sich nur schwer vorhersagen. Auch wenn der Ex-Kanzler jüngst einen Sprachurlaub in einem walisischen Dorf verbracht hat, bleibt ein Handicap bestehen: seine Englischkenntnisse. Bisher soll es der Altkanzler ablehnen, Vorträge auf englisch zu halten. Das schränkt die Zahl möglicher Engagements deutlich ein. Trotz der Sprachbarriere international begehrt zu sein, schaffte bisher nur einer: Michail Gorbatschow.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite 4

 

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