03.10.2008 · Michael hält sich mit 400-Euro-Jobs über Wasser, Isabel macht eine Umschulung zur Diätassistentin, Ralf arbeitet seit kurzem in Prag. Alle drei sind Kinder der Wendeverlierer und haben eins gemeinsam: Sie sehnen sich nach einem Staat, den sie kaum kennengelernt haben. Eine Bestandsaufnahme von Lydia Harder.
Der Tag, an dem Ralf Wipper Sömmerda den Rücken kehrt, ist ein trüber Tag. Vor einem achtstöckigen Neubaublock im Wohngebiet „Neue Zeit“ bleibt er stehen. „Zu DDR-Zeiten war das die beste Adresse in ganz Sömmerda“, sagt der 28 Jahre alte Mann. Die Bewohner der thüringischen Kleinstadt nannten sie „Wohnscheibe“. Ralf durfte als Kind darin wohnen, weil sein Vater Offizier der Nationalen Volksarmee war. Und weil man Gleichgesinnte gern unter sich hielt.
Von der Rolle der Eltern im System der DDR hing ab, wo die Familie wohnte, wo sie Urlaub machte, welche Ausbildung die Kinder erhielten. Die Vergangenheit der Eltern bestimmte die Zukunft der Kinder - und sie tut es bis heute, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Viele DDR-Privilegierte sehen sich heute auf der Verliererseite und mit ihnen ihre Kinder. Selbst jene Generation, die bloß ein paar Jahre zur „sozialistischen Schule“ ging, empfindet die DDR oft als verlorene Heimat.
Nachbarskinder aus Kuba und Moçambique
Ralf konnte schon als Kleinkind das Wort „Antifaschismus“ aussprechen. Als seine Eltern ins Heim der Privilegierten zogen, tauschten sie ihr altes Einfamilienhaus gegen einen neuen Lada Shiguli. Die symbolische Monatsmiete in der „Wohnscheibe“ betrug dreißig Mark. Dort spielte Ralf mit Nachbarskindern aus Kuba und Moçambique. Im Militärferienlager schlief er in Kasernen, hisste die Flagge zum Morgenappell und stampfte auf Nachtwanderungen im Gleichschritt durch den Wald.
Ralf nahm auch die anderen Seiten des Sozialismus wahr: etwa die heimlichen Telefonate mit dem Großvater, der im Ruhrgebiet lebte, den der Vater aber nicht sehen durfte, weil er „Geheimnisträger“ war, als Offizier und später als Volkspolizist. Stärker aber blieben die schönen Erinnerungen haften. An den Urlaub in den Gewerkschafts-Bungalows im Vogtland und an die Spielzeuge, die seine Mutter beschaffte, die bei der staatlichen Handelsorganisation arbeitete.
Im Studium den Dialekt abtrainiert
Als die DDR aufhörte zu existieren, war Ralf zehn Jahre alt. Mit der Wende veränderte sich das Leben der Familie Wipper für immer. Der Vater hatte kaum noch Zeit für Ralf und seinen jüngeren Bruder. Abend für Abend ging er von Tür zu Tür und verkaufte Versicherungen. Er hätte sich auch in die Westpolizei eingliedern lassen können. „Aber das war jahrelang der Klassenfeind gewesen“, sagt Ralf, „dem konnte er sich nicht unterordnen.“
Schließlich gründete die Familie einen Autohandel. Auch Ralf musste helfen. „Seit ich 15 bin, stehe ich jeden Samstag im Laden.“ Bald konnte er einen Wagen auf Dänisch, Italienisch, Holländisch und Litauisch verkaufen. Weg konnte er nicht, weil der Vater ihn im Geschäft brauchte. Also studierte Ralf im nahen Weimar Medienkultur, ein Fach mit einem Numerus Clausus von 1,2. Im Studium trainierte er sich den Thüringer Dialekt ab. Er lernte Kommilitonen aus dem Westen kennen, doch die Distanz blieb.
Lukratives Jobangebot aus dem Westen
Mit den „Luxusproblemchen der Chefarzttöchter“, wie er sie nennt, konnte er nichts anfangen. Seine Studienfreunde stammten meist aus einem Umkreis von fünfzig Kilometern. „Man findet automatisch immer wieder zu den eigenen Leuten, mit denen man eine gewisse Prägung teilt.“ Nach dem Diplom blieb Ralf in Thüringen. Er fühlte sich im Osten einfach wohler. Ein lukratives Jobangebot in Aachen lehnte er ab.
Nicht alle in Ralfs Bekanntenkreis teilten die Skepsis gegenüber dem Westen. Ein Großteil seiner Jahrgangsstufe wanderte ab. Sömmerda verwaist, gebaut werden hier vor allem Altersheime. Im Bäckerei-Café in der Fußgängerzone trifft man die letzten Daheimgebliebenen. Vor dem Eingang stehen viele Kinderwägen. Wer hier bleibt, gründet meist früh eine Familie. Im Stadtrat von Sömmerda hat die Linkspartei mehr Stimmen als CDU und SPD zusammen.
Zu viel Arbeit und zu wenig Zeit zum Leben
„Die Zeit vergeht schnell im Kapitalismus“, sinniert Ralf im Wohnzimmer des Einfamilienhauses, das die Wippers 2003 in einem Neubaugebiet errichteten. Der großzügige Raum ist mit cognacfarbenen Kirschholzvitrinen und einer Ledercouchecke eingerichtet, an der Wand hängen Imitate historischer Pistolen. Der Vater stimmt dem Sohn zu: „Vor lauter Arbeit bleibt kaum noch Zeit zum Leben. Urlaub ist einfach zu riskant.“ Der Vater sagt, dass er, zur Verwunderung seiner Bekannten, sehr wohl gleichzeitig Unternehmer und Wähler der Linkspartei sein könne. „Ich wünsche mir vor allem eine gerechtere Gesellschaft.“ In Thüringen würden die Leute durchschnittlich am längsten arbeiten und dafür den niedrigsten Lohn bekommen. „Der Westen mit seiner Siegermentalität interessiert sich nicht für uns!“
So beschreibt der Vater einen tiefen Graben, die ihn und seinen Sohn nicht nur von Westdeutschen, sondern auch von vielen Ostdeutschen trennt: Die einen sehen in der Freiheit eine Chance (und ziehen in den Westen), die anderen bleiben zurück, eine verlorene Generation. Die Verlierermentalität ist ihr schwerstes Erbe.
Mit 25 eine „verkrachte Existenz“
Obwohl sie erst 25 Jahre alt ist, wurde Isabel in der Arbeitsagentur eine „verkrachte Existenz“ bescheinigt. „Man wird nur noch über die Arbeit definiert.“ Sie wohnt mit ihrem 29 Jahre alten Freund Michael in einer Einzimmerwohnung in Halle. Der Raum ist in schwarze Tücher gehüllt, getrocknete Rosen hängen an der Wand, auf dem Tisch stehen Kerzen. Isabel hat braunes, hüftlanges Haar und trägt Schwarz. Mit „Gothic“-Konzerten und -Abenden in der Hallenser Bar „Black Angel“ lenkt sie sich vom Alltag ab. Zur Zeit lässt sich Isabel zur Diätassistentin ausbilden, 215 Euro hat sie im Monat zur Verfügung. „Das ist weniger, als ein Hartz-IV-Empfänger bekommt. Da überlegt man doch, was man wert ist.“
Isabel wuchs mit ihren drei Brüdern in Dresden auf, die Eltern waren bei einer LPG angestellt. Nach dem Mauerfall verloren beide ihre Anstellung. „In der Wendezeit habe ich vor allem mitbekommen, wie meine Eltern gegen Arbeitslosigkeit und Armut kämpften.“ Solche Niederlagen haben sie stärker beeindruckt als die neuen Autos aus dem Westen. Das Essen in der Schulkantine, einst eine Selbstverständlichkeit, konnte sich die Familie kaum mehr leisten. Heute arbeitet Isabels Vater als Heilpfleger in Bayern, ihre Mutter bastelt Tipi-Zelte und knüpft Kissen. „Sie ist ein Blümchenkind“, schwärmt Isabel.
Burgfräulein auf Mittelaltermärkten
Nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Ergotherapeutin schlug sich Isabel eine Zeitlang als Burgfräulein auf Mittelaltermärkten durch, wo sie in Leinenkleid und Haube Kindern die Kunst des Buchdrucks erklärte. Gelegentliche Besuche in Bayern wirkten auf sie wie eine „kalte Dusche“. Im Osten dagegen herrsche noch „menschliche Wärme“. Isabel setzt in keine Partei große Hoffnungen. Um die Rechtsextremen zu überstimmen, würde sie aber bei der nächsten Bundestagswahl eher die Linkspartei wählen - oder Angela Merkel, zu der sie durchaus Vertrauen hat.
Isabels Freund Michael legt ein Album der Dark-Wave-Band „Goethes Erben“ auf und zündet die Patchouli-Räucherstäbchen an, die einen süßlich-erdigen Geruch verströmen. Er hat das krause Haar zum Zopf gebunden, trägt ein üppiges Kinnbärtchen sowie ein halbes Dutzend Kreuzketten auf der Brust und ein Nietenband am Handgelenk. Seitdem er das Philosophiestudium abbrach, hält sich der gelernte Bürokaufmann mit 400-Euro-Jobs über Wasser. Er wirkt, als habe er sich irgendwie arrangiert - und lebt sich in der Gothic-Szene aus, die in Halle zum Stadtbild gehört.
Im-Nu-Malzkaffee und Knusperflocken
Michael hat nicht so düstere Erinnerungen an die Wendezeit. „Deine Eltern hatten ja auch Arbeit“, hält ihm Isabel vor. Ihre Mutter pflege zu sagen, den jüngsten Sohn hätte sie im Kapitalismus auf keinen Fall mehr zur Welt gebracht. „Ein Leben wäre dann einfach weg“, sagt Isabel. Ihre Stimme bebt dabei, halb vor Bitterkeit, halb vor Zynismus. Die Stimmung hellt sich erst wieder auf, als die Rede auf jene Ostprodukte kommt, die in der Ostalgiewelle zurück in die Supermärkte gefunden haben. Man sei eben stolz, wenn man Im-Nu-Malzkaffee und Knusperflocken kaufe und wenn das Sandmännchen im Fernsehen laufe.
Ralf aus Sömmerda wollte den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen. Nach dem Studium baute er ein Netzwerk im Internet auf, das wie die Freundschaftsforen Facebook oder StudiVZ funktioniert - nur, dass hier alle Registrierten einen Teil der Werbeeinnahmen bekommen sollten. „Werbung ist okay, wenn jeder etwas davon hat“, findet Ralf. Dshini.net heißt die Seite, auf der sich, ganz nach sozialistischer Idee, alle ein Guthaben teilen, für das am Ende aber doch nur einer bezahlt: Ralf. Zwei Drittel seines Einkommens fließen jeden Monat in das virtuelle Netzwerk. Auch das passt ins Weltbild von Vater Wipper. Sein Sohn habe eine tolle Idee gehabt, aber Großverlage wie Bertelsmann fräßen den kleinen Projekten das Futter weg. Mutter Wipper fordert Ralf im Vorbeigehen auf: „Sag doch, was du uns immer sagst. Dass du in diese Welt keine Kinder setzen willst.“
„Es gab noch Gerechtigkeit im Kleinen“
Die DDR habe funktioniert, weil sich die Leute untereinander solidarisierten - da ist sich Familie Wipper einig. „Es gab noch Gerechtigkeit im Kleinen“, sagt der Vater, im exakt gleichen Wortlaut, wie kurz zuvor sein Sohn. „Stimmte etwas nicht, konnte man eine Eingabe machen und sicher sein: Das Ministerium liest es und schreibt zurück.“ Natürlich habe es auch Leute gegeben, die darauf aus waren, sich mit dem System anzulegen, sagt Ralf. Einige landeten im Gefängnis, was natürlich nicht in Ordnung gewesen sei. „Aber sie haben doch genau gewusst, was sie riskierten.“
Die Wippers blättern noch einmal alte Fotoalben durch. Ralf bei der Einschulung. Der Vater in Uniform. Der erste Trabant. „Wenn man einigermaßen konform lief, hatte man ein gutes Leben“, sagt Ralfs Vater und betont die „Grundsicherheit“, die es in der DDR gegeben habe, sowie die hohe Beschäftigungsquote unter Frauen. „Was das soziale Miteinander angeht, sind wir ganz klar Wendeverlierer.“ Viele seien nach der Wiedervereinigung nicht mehr klargekommen. Er beschwört die hohen Selbstmordraten im Osten - und meint damit nicht die Suizidrekorde der DDR. „Heute darf man alles sagen, aber keiner hört mehr zu“, ergänzt Ralf.
In Prag fühlt sich Ralf zuhause
Ralf hat das Land inzwischen verlassen, in das er keine Kinder setzen will. Er hat seine Kartons in den Mazda gepackt, um mit seiner slowakischen Freundin Anna nach Prag zu ziehen. Dort wird er für eine Dienstleistungsfirma arbeiten und Gehaltsabrechnungen für Mitarbeiter der britischen Telekom vorprozessieren, die dann im indischen Chennai weiterbearbeitet werden. Auch in Sömmerda ist die Globalisierung angekommen. Dort steht ein Werk der Firma Fujitsu-Siemens - ein Grund dafür, dass die Einwohnerzahl trotz der Massenabwanderung in den Westen halbwegs stabil blieb. Ein Freund von Ralf, der bei Fujitsu-Siemens arbeitet, hilft gerade in China beim Aufbau eines neuen Werkes.
„Prag ist doch auch Osten“, sagt Ralf gutgelaunt. Da fühle er sich jetzt schon zu Hause, und außerdem verstehe er dank seiner Russischkenntnisse die tschechische Sprache ganz gut. Vielleicht lässt der Auswanderer ja auch das Erbe jener Generation zurück, die selbst kaum etwas verloren hat, aber das Verlieren mit auf den Weg bekam.
Einseitige Darstellung über die Einstellungen ein paar weniger Ostdeutschen
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Andreas Kromelt (AnKro)
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Werner Kastor (wkastor)
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Harald Fritzsch (drfri)
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