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Dienstag, 14. Februar 2012
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George W. Bush Der Mann der Zukunft

18.01.2005 ·  Bushs Wiederwahl war kein Versehen, kein kollektiver Aussetzer. Es war eine sehr amerikanische Entscheidung. Womöglich stehen wir am Anfang einer republikanischen Epoche: Selbst an der Baby-Front liegt Bush vorn.

Von Heinrich Wefing
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Noch nie ist ein amerikanischer Wahlkampf außerhalb der Vereinigten Staaten so aufmerksam verfolgt worden wie das Duell zwischen George W. Bush und John Kerry am 2. November vergangenen Jahres.

Legionen ausländischer Journalisten folgten den Kandidaten durchs Land; Tonnen Papier wurden bedruckt, um dem globalen Publikum das vertrackte Wahlrecht zu erklären; die deutschen Fernsehanstalten inszenierten den Wahlabend wie das Finale einer Fußball-WM, und es hat nicht einmal an Stimmen gefehlt, die - allenfalls halb unernst - forderten, dem Rest der Menschheit müsse bei dieser Entscheidung von universeller Bedeutung doch irgendein Mitspracherecht eingeräumt werden. Um so erstaunlicher, wie radikal das nervöse Mitfiebern in allgemeine Teilnahmslosigkeit umgeschlagen ist. Als senke die Welt beschämt die Augen, als schaue sie angewidert weg, erlosch das Interesse an amerikanischer Politik am 3. November.

Moralische Werte

Angesichts der in europäischen Augen manifesten Dummheit der Wahl schien auch eine sorgfältige Analyse entbehrlich. So konnte sich in den Köpfen die schon in der Wahlnacht verbreitete Interpretation festsetzen, Bushs Wiederwahl sei ein Triumph der religiösen Rechten in Amerika. Der allseits zitierte Beleg für diese Einschätzung war eine Umfrage, die ergeben hatte, daß für gut zwanzig Prozent der Wähler „moralische Werte“, „moral values“, den Ausschlag bei der Stimmabgabe gegeben hätten. Daß diese vermeintliche Erkenntnis aus denselben Wählerbefragungen gleich nach Verlassen der Wahllokale, den „exit polls“, stammte, die am Nachmittag des 2. November noch eine solide Mehrheit für Kerry prognostiziert hatten, irritierte nicht.

Ausgiebige Nachwahl-Untersuchungen belegen mittlerweile, daß längst nicht alle, die sich auf „moralische Werte“ beriefen, damit Abtreibung, Waffenbesitz oder die Homosexuellenehe meinten, die klassischen Themen der Konservativen also. In einer Erhebung des renommierten Instituts Zogby bezeichneten mehr als vierzig Prozent der Wähler den Krieg im Irak als moralische Frage, und immerhin fast ein Drittel nannte Armut das größte moralische Problem Amerikas.

Kein Rechtsruck

Die „Wiedergeborenen Christen“, zu denen Bush selbst sich zählt, stimmten zwar fast wie ein Mann für den Präsidenten - aber das hatten sie auch schon vor vier Jahren getan, und auffällig gewachsen ist diese Gruppe nicht. Bernhard Kornelius von der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim hat denn auch unlängst bündig festgestellt, von einem Rechtsruck in der amerikanischen Bevölkerung könne keine Rede sein, „ein forciertes Bekenntnis zu Religion und Moral“ habe „nicht stattgefunden“.

Bush junior hat beileibe keinen Erdrutsch-Sieg errungen wie Reagan oder Clinton bei ihren Wiederwahlen; er bleibt ein polarisierender Präsident, und die Vereinigten Staaten sind tief geteilt zwischen Rot und Blau, Liberalen und Konservativen, zwischen „Metro“ und „Retro“, wie ein griffiger Slogan behauptet. Trotzdem hat Bush seine Mehrheit ausbauen können. Stimmen hinzugewonnen hat er praktisch überall, bei fast jeder ethnischen, soziologischen, regionalen Gruppe: gleichermaßen bei Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, im Nordosten wie im Süden und Südwesten, bei Gebildeten wie bei Ungebildeten, Alten und Jungen, „bei Erstwählern, Konfessionslosen und Kirchgängern“, wie Kornelius schreibt, „und sogar bei denjenigen Amerikanern, die keine Waffe besitzen“.

Trügerische Hoffnungen

Alle Hoffnungen der Demokraten, aus Immigranten und Intellektuellen eine neue Koalition schmieden zu können, haben sich als trügerisch erwiesen. Die „sich entwickelnde demokratische“ Mehrheit, „The Emerging Democratic Majority“, die ein vielzitierter Buchtitel von Ruy Texeira und John B. Judis schon im Oktober 2002 versprochen hatte, ist eine Schimäre. Gerade bei den Latinos und Asiaten konnte Bush erheblich Terrain gutmachen.

Mehr noch, den Demokraten mißlang es nicht nur, stark hispanisch geprägte Staaten wie Arizona oder Nevada zu erobern, sie verloren auch noch New Mexico mit seiner hispanischen Bevölkerungsmehrheit, seinen massiven Wirtschaftsproblemen und einem populären Gouverneur aus dem Lager der Demokraten. Gerade der Umstand, daß arme Zuwanderer im Südwesten und das weiße Proletariat im Süden der Vereinigten Staaten in großer Zahl für Bush - und damit scheinbar so evident gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen - stimmten, wird in Europa und bei den Liberalen Amerikas gern als Beweis für die Torheit der Massen angeführt.

Bedrohliche Aussicht

Aber es gibt auch abweichende Auffassungen. Tom Mertes etwa fragte kürzlich in der Zeitschrift „New Left Review“ einigermaßen wütend, wer es denn den Unterschichten verdenken könne, republikanisch zu wählen, wenn die Demokraten mit John Kerry ausgerechnet einen Mann zu ihrem Kandidaten machten, der reicher sei als alle Bewerber ums Weiße Haus seit George Washington? Weitaus bedrohlicher noch als die Erkenntnis, daß ihre erträumte Mehrheit nicht zustande gekommen ist, muß für die Demokraten die Aussicht sein, daß dies kein Ausrutscher war, den sie beim nächsten Mal leicht korrigieren könnten. Manches spricht dafür, daß die Basis der Demokraten weiter schrumpft, während die der Republikaner kontinuierlich wächst: Womöglich stehen wir am Anfang einer republikanischen Epoche.

Mindestens drei der Großgruppen, auf die demokratische Präsidentschaftskandidaten zählen können: Schwarze, Gewerkschafter, Großstadtbewohner, befinden sich auf dem Rückzug. Die Farbigen werden in absehbarer Zeit von den Latinos als zahlenmäßig stärkster Minderheit Amerikas abgelöst werden; kaum mehr dreizehn Prozent der amerikanischen Industriearbeiter sind überhaupt in Gewerkschaften organisiert, in manchen Südstaaten sogar nur drei Prozent; und die liberalen Metropolen verlieren kontinuierlich an Einwohnern, San Francisco zum Beispiel, aber auch John Kerrys Heimatstadt Boston.

2,11 „rote“ Kinder pro Frau

Der Linksliberale Michael Lind hat in der jüngsten Nummer der Zeitschrift „Prospect“ sogar vorgerechnet, daß die „blauen“ Staaten, die also, die für Kerry gestimmt haben, eine Geburtenrate auf europäisch niedrigem Niveau haben, während die „roten“ Staaten des Bush-Landes stolze 2,11 Kinder pro Frau vorweisen können. Selbst an der Baby-Front liegt Bush vorn.

Kurioserweise scheinen die amerikanischen Konservativen ganz allgemein von Dynamik, Wachstum, Veränderung zu profitieren. Die vier laut einer Umfrage des „Inc. Magazine“ erfolgreichsten Boomregionen - Atlanta, Georgia; Riverside, Kalifornien; Las Vegas, Nevada; San Antonio, Texas - sind allesamt in republikanischer Hand. Und von den hundert Gemeinden Amerikas, die am schnellsten wachsen, hat Bush nicht weniger als 97 gewonnen. Viele dieser Siedlungen hat es vor fünf Jahren noch gar nicht gegeben. Es sind Instant-Orte, städtebauliche Readymades, die David Brooks, Kolumnist der „New York Times“, der „Lieblingskonservative der Liberalen“, wie er mitunter genannt wird, in seinem neuen Buch „On Paradise Drive“ als „Exurbia“ beschrieben hat.

Wachsendes Wählerreservoir

Ohne Bush oder den Irak je zu erwähnen, dafür aber mit einem Witz, der für Neo-Konservative untypisch ist, skizziert Brooks die Bewohner von Exurbia, das wachsende Wählerreservoir der Republikaner. Es sind Menschen, die, wie der Publizist im Untertitel seines Buches süffig formuliert, immerfort „im Futur leben“, den Blick fest in die Zukunft gerichtet, auf den Weg nach vorn: „Über-Moms“, ehrgeizige Mütter, die schon ihre ungeborenen Kinder mit Mozart beschallen, um ihnen einen Vorsprung in der Musikschule zu sichern; College-Studenten, die vor lauter Kursen und außeruniversitären Aktivitäten gar keine Zeit mehr finden, sich zu verlieben; mittlere Manager, die wie besessen Bonusmeilen sammeln und ihr Leben der Perfektionierung einer einzigen, winzigen, profitträchtigen Innovation zu widmen bereit sind.

Ideengeschichtlich hat „On Paradise Drive“ gewiß Schwächen; manche Thesen sind simpel, und zu oft opfert Brooks die Präzision des Arguments einer guten Pointe. Aber in der Quintessenz seines Buches, in der These von der uramerikanischen „future mindedness“, der Zukunftszugewandtheit, steckt etwas Erhellendes, das vielleicht noch wichtiger für die Erklärung von Bushs Erfolg ist als alles Grübeln über die „moral values“. Auch David Gelernter aus Yale hat in einem langen Aufsatz in „Commentary“ über das Gegenteil des Anti-Amerikanismus, den „Amerikanismus“, gerade noch einmal daran erinnert, daß die tief in der christlichen Überlieferung wurzelnde Gewißheit, Amerika sei die letzte, edelste Hoffnung der Menschheit und das Beste liege noch vor der Nation, für das amerikanische Denken konstitutiv ist.

Republikanischer Optimismus

Es könnte nun sein, daß George W. Bush eben diese Grundkonstante der amerikanischen Befindlichkeit: einen schwer zu erschütternden Optimismus, Risikobereitschaft, Veränderungswillen, Entschiedenheit, erfolgreich für die Republikaner besetzt hat. In scharfem Gegensatz zu Kerry, der im Wahlkampf viel von der Vergangenheit sprach, zumal seiner eigenen in Vietnam, konnte Bush sich das Image zulegen, seine Perspektive weise nach vorn, mit dem Fluchtpunkt in einem nebeligen, aber perfekten Futur.

Und wenn ein schwer zu erschütternder Optimismus, ein enthusiastischer Veränderungswille, der Glaube an den Garten Eden hinter der nächsten Highway-Kreuzung tatsächlich zur Nationalreligion vieler Amerikaner zählen, dann lassen sich auch manche politische Entscheidungen durch amerikanische Augen ganz anders betrachten als durch europäische: Wer die Hoffnung hat, er selbst, spätestens aber seine Kinder würden zu den Reichen gehören, der hat gegen Steuersenkungen für die Oberklasse wenig einzuwenden.

Wer die Verteidigung des Status quo gleichsam habituell ablehnt, der findet leichter Sympathie für Umbauprojekte in der Krankenversicherung oder der Sozialhilfe. Und selbst der Krieg im Irak läßt sich durch die Brille der „futuremindedness“ anders betrachten: als radikaler, riskanter, durchaus utopischer Neubeginn im Nahen Osten nämlich nach Jahrzehnten gescheiterter Oslo-Prozesse. Bushs Wiederwahl war kein Versehen, kein Komplott, kein kollektiver Aussetzer. Es war eine sehr amerikanische Entscheidung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2005, Nr. 15 / Seite 35
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