19.07.2001 · Unter dem Motto „Genua verhindern“ formieren sich deutsche Autonome. Ihr Widerstand soll „so global wie der Kapitalismus“ werden.
Begleitet von aggressiver Musik bildet sich der Schriftzug „Wir sind überall“. Dann folgen Bilder von Krawallen der Globalisierungsgegner in Seattle, Prag und Davos. Und es erscheint der Aufruf, mitzumachen bei den militanten Aktionen in diesem Sommer. „Genua verhindern“ lautet das Ziel schlicht. Mit der Website „www.gipfelsturm.net“ organisieren die deutschen Autonomen ihre Aktionen gegen das G8-Gipfeltreffen in der italienischen Hafenstadt am kommenden Wochenende.
Nach den militanten Protesten beim EU-Gipfel im schwedischen Göteborg und dem Weltwirtschaftsforum im österreichischen Salzburg soll der Widerstand „so global sein wie der Kapitalismus“, fordert ein Flash-Trailer auf der Homepage der „Gipfelstürmer“.
Im Berliner „Köpi“, einem mit revolutionären Graffitis bedeckten, besetzten Haus im Alternativen-Stadtteil Kreuzberg, halten die Macher des „Gipfelsturms“ jeden Sonntag ein Vorbereitungstreffen für ihre Aktionen beim G8-Gipfel ab: Gemeinsamer Nenner sei „die Ablehnung hierarchischer Strukturen“, so ein Mitglied der Gruppe, das anonym bleiben möchte.
Wichtigste Demonstration der letzten Zeit
„Wir organisieren Soli-Konzerte, um Geld für Repressionskosten zu sammeln, planen Workshops, um Erste Hilfe zu lernen und organisieren Busse, um es Menschen relativ billig zu ermöglichen, in Genua an den Protesten teilnehmen zu können.“ Nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung ist Berlin auch die Hauptstadt des gewaltbereiten linken Spektrums in Deutschland. 1500 Linksextreme leben hier, das sind 21 Prozent des bundesweiten Potenzials. Den Großteil unter den Anarchisten, Marxisten oder Leninisten machen allerdings rund 1200 Autonome aus, die jegliche Bindung an eine Organisation ablehnen, nicht aber die Gewalt.
Wie zahlreich deutsche Linksextreme bei internationalen Protestaktionen sein können, zeigte sich Mitte Juni beim EU-Gipfel in Göteborg, als 37 Randalierer aus der Bundesrepublik festgenommen wurden. Ein Deutscher war auch unter den drei Verletzen, die beim Zusammenstoß mit der Staatsgewalt von Polizeikugeln getroffen wurden. Nun setzt die Szene auf den G8-Gipfel in Genua: Es sei die wichtigste Demonstration in der letzten Zeit, heißt es auf der Homepage der Gipfelstürmer.
Freiheit der Reise und der Kapitalströme
Die deutsche Filiale der globalisierungskritischen Bewegung Attac hat sich mit anderen militanten Organisationen verbündet und bundesweit 20 Reisebusse organisiert, um rund 1000 deutsche Demonstranten nach Genua zu bringen. Die Busse sollen gemeinsam über die schweizerische Grenze nach Italien fahren. „Wir hoffen, dass wir von der Polizei nicht aufgehalten werden“, sagt Felix Kolb vom deutschen Attac-Ableger. Schließlich lebe man ja im freien Europa mit Reisefreiheit für die Bürger und freier Zirkulation der Kapitalströme, fügt er ironisch hinzu.
Ob die Busse durchkommen, wird sich zeigen: Am vergangenen Freitag kündigten die italienischen Behörden an, ihre Grenzen dichtzumachen. Österreich hatte mehrere Tage vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Salzburg Kontrollen an den Grenzen zu Deutschland und Italien aufgenommen und so größeren Krawalltourismus verhindert.
Von Pfefferspray und Schlagstöcken
Unterdessen geht die Mobilisierung im Internet weiter. Auf der Seite der Gipfelstürmer finden sich unter anderem Augenzeugenberichte jener drei Tage in Göteborg, die „Europa erschüttert“ haben. Die Seite bietet praktische Ratschläge, wie sich die Gegner des Treffens ausrüsten sollten - und sie warnt vom Pfefferspray über Schlagstock bis hin zu Gummigeschossen detailliert vor dem Waffenarsenal der Polizei. „Auf nach Genua!“ schlagen die Demonstranten vor.