19.04.2004 · Seit Sonntag gelten in der ganzen EU Vorschriften, die einen kleingedruckten Hinweis für genetisch veränderte Produkte vorschreiben. Die Lebensmittelbranche fürchtet, daß gekennzeichnete Produkte die Verbraucher verschrecken.
Von Christian SchwägerlDie Angst vor der Angst der Verbraucher sitzt in der Lebensmittelindustrie tief. Seit Sonntag gelten in der ganzen EU Vorschriften, die besagen, daß fast alle Produkte, bei deren Herstellung gentechnische Verfahren eingesetzt wurden, den kleingedruckten Hinweis "Genetisch verändert" tragen müssen. Den Stichtag 18. April haben die Lebensmittelproduzenten aber nicht für Öffentlichkeitsarbeit pro Gentechnik genutzt. Vielmehr sind sie in die Defensive gegangen und haben, wie mehrere Unternehmen mitteilen, eine "Vermeidungsstrategie" verfolgt. Die Branche fürchtet, daß gekennzeichnete Produkte die Verbraucher verschrecken. Sie scheut daher die öffentliche Auseinandersetzung um Chancen und Risiken der Gentechnik.
"Wer meint, am Montag wären die Regale voll mit gekennzeichneten Produkten, der irrt sich", sagt Gerd Spelsberg, Leiter des von der Verbraucherinitiative getragenen Informationsdienstes "transgen.de". Die meisten Hersteller hätten akribisch recherchiert und sich vorsorglich mit Zutaten eingedeckt, bei denen keine Gentechnik zum Einsatz gekommen sei. Ging das nicht, wurden die Rezepturen verändert. "Den Unternehmen liegt viel daran, eine Kennzeichnung zu vermeiden", sagt Spels.
Verbraucher skeptisch
Peter Loosen, Leiter der Brüssel-Vertretung des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, einer Vereinigung der Ernährungswirtschaft, teilt diese Einschätzung: "Gekennzeichnete Produkte werden die absolute Ausnahme sein", sagt er. Obwohl die Gentechnik in der Branche als Zukunftstechnologie eingestuft werde, die Qualität und Umwelteffekte der Lebensmittelherstellung verbessern könne, wolle keiner der Hersteller der erste sein, der gekennzeichnete Produkte vermarkte. Bisher war noch jedes Gentech-Produkt, ob "Butterfinger" von Nestle oder die "Flavr-savr-Tomate" ein Flop, weil die Verbraucher keinen Vorteil für sich erkennen konnten und Gegner der Technologie Ängste weckten.
Die Kennzeichnungspflicht, über die in Brüssel schon fast fünfzehn Jahre lang debattiert worden ist, soll eigentlich der Wahlfreiheit der Verbraucher dienen. In der Praxis führt die Kennzeichnung aber offenbar dazu, daß Gentechnik-Produkte vom Markt verschwinden. Schon bisher bestand eine Kennzeichnungspflicht, wenn das verkaufte Produkt selbst ein genetisch veränderter Organismus war. Neu ist von Sonntag an, daß die gesamte Herstellungskette in die Kennzeichnung einbezogen wird.
Greenpeace kritisiert Ausnahmen
Selbst solche Endprodukte müssen gekennzeichnet werden, in denen sich gar kein verändertes Erbgut mehr aufspüren läßt. Es reicht schon, wenn in einer beliebigen Vorstufe genetisch veränderte Organismen beteiligt waren, etwa bei Pflanzenölen, die in raffinierter Form kein Erbgut mehr enthalten. Nur Fleisch- und Milchprodukte, die mit Hilfe von genetisch verändertem Tierfutter erzeugt wurden, sind ausgenommen, was die Umweltorganisation Greenpeace heftig kritisiert.
Die "Vermeidungsstrategie" ist für die Wirtschaft enorm aufwendig und teuer. Proteinreiches Soja zum Beispiel, das als Vorprodukt oder Zusatzstoff vielfach benötigt wird, mußte in den vergangenen Monaten im gentechnikfreundlichen Amerika abbestellt und in Brasilien geordert werden, wo ein Teil der Ernte noch ohne gentechnisch veränderte Sorten erzeugt wird. Doch offenbar werden die Kosten der Vermeidung niedriger eingeschätzt als die Kosten möglicher Konsumverweigerung. Dauert der Boom gentechnisch veränderter Pflanzen in aller Welt allerdings an, könnte es für die Hersteller allerdings schwierig werden, der Kennzeichnung auszuweichen.
Angst vor Boykott-Aufrufen
Als lautester Kritiker der Gentechnik tritt Greenpeace in Erscheinung. Die Angst der Wirtschaft vor Boykottaufrufen der Organisation ist groß. Die Zerstörung von Versuchsfeldern und symbolträchtige Proteste mit "Killer-Kürbis" gehören zum Standardrepertoire des Protests. Am Freitag durchsuchten nun "Gen-Detektive" des Vereins einen Hamburger Supermarkt. In einer Auflage von 860000 Exemplaren vertreibt Greenpeace eine Broschüre, die verzeichnet, welche Firmen gezielt auf Gentechnik verzichten, welche Firmen sich um einen Verzicht bemühen und welche Produkte der Verbraucher meiden solle. Für ein rotes Warnzeichen reicht schon aus, daß ein Hersteller der Gentechnik nicht ausreichend negativ gegenübersteht oder auf die Anfrage des Vereins nicht geantwortet hat. Bundesverbraucherministerin Künast (Grüne) bezeichnet die Broschüre als "Kultprodukt", ihr Staatssekretär Berninger (Grüne) ärgert sich, daß die Regierung nicht selbst auf diese Idee gekommen sei.
„Ratten-Gen“ im Salat
Greenpeace sieht sich in der Offensive und scheut im Kreuzzug gegen die neue Technik vor wenig zurück. So beginnt die "Kult-Broschüre" mit der wenig appetitanregenden Frage: "Was sucht ein Ratten-Gen im Salat?" Der Eindruck wird erweckt, Salat mit Ratten-Genen gehöre zur Produktpalette der Lebensmittelindustrie. Dabei denkt kein Salatproduzent daran, dem Verbraucher so etwas zuzumuten. Allein in der Grundlagenforschung wurden entsprechende Untersuchungen vorgenommen, weil Nagetiere sehr effektiv Vitamin C produzieren und die Forscher herausfinden wollten, welche Wege es gibt, den Vitamingehalt von Salat zu erhöhen. Die Forscher hatten ausdrücklich betont, daß ihr Verfahren nicht in der Lebensmittelherstellung zum Einsatz kommen wird - doch die Versuchung, mit dem "Ratten-Salat" den Igitt-Reflex der leicht zu verunsichernden Konsumenten auszulösen, war für Greenpeace offenbar zu groß.
Bisher sind keine neuartigen Gesundheitsrisiken bekannt, die von den derzeit benutzten gentechnischen Verfahren in der Lebensmittelherstellung ausgehen. Gestritten wird über die Umweltauswirkungen der Technik, etwa die Frage, ob sich künstlich erzeugte Merkmale auch bei Wildpflanzen ausbreiten könnten.