21.03.2007 · Einst regierte er mit den Kanzlern Schmidt und Kohl. Die bewegendste Stunde seines politischen Lebens erlebte er im September 1989 auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag. An diesem Mittwoch wird Hans-Dietrich Genscher 80 Jahre alt. Günther Nonnenmacher gratuliert.
Von Günther NonnenmacherAuf den Fotos von dem Augenblick, den Bundeskanzlerin Merkel in einer Würdigung den Höhepunkt seiner Laufbahn nennt, ist Hans-Dietrich Genscher nicht zu erkennen: In der nächtlichen Szenerie vor der Deutschen Botschaft in Prag am 30. September 1989 ist auf dem Balkon des Gebäudes, der aus dem Inneren des Raumes spärlich erleuchtet wird, nur schattenhaft eine Gruppe von Personen zu sehen.
Der Schluss des Satzes, mit dem der Außenminister den rund 5000 Flüchtlingen aus der DDR, die mehr als fünf Wochen im Garten der Botschaft ausgeharrt hatten, verkündete, dass sie nun ausreisen könnten, ging im Jubel der Menge unter. Es sei die bewegendste Stunde seines politischen Lebens gewesen, hat Genscher später gesagt - und selbst wer diesen Moment nur am Fernsehgerät erlebt hat, wird ihm das ohne weiteres abnehmen.
„Nehmen wir Gorbatschow beim Wort“
Der wahrscheinlich wichtigste Satz, den Genscher in seinem politischen Leben gesagt hat, war zweieinhalb Jahre zuvor gefallen, am 1. Februar 1987 in Davos: „Nehmen wir Gorbatschow beim Wort.“ Das war zu einer Zeit, als im Westen darüber gestritten wurde, ob Gorbatschows Politik von „Glasnost“ und „Perestrojka“ nur ein weiterer erfolgloser Versuch zur Reform des Sowjetsystems sei oder gar Schlimmeres, nämlich ein Täuschungsmanöver. Überdies fiel der Satz, wenige Wochen nachdem Bundeskanzler Kohl in einer unglücklichen Interviewäußerung die Namen Gorbatschow und Goebbels in einen Zusammenhang gebracht hatte.
Hartnäckig versuchte Genscher seinen zweifelnden Koalitionspartner - Kohl bekennt in seinen Memoiren, er habe erst 1988 festgestellt, dass seine Einschätzung des sowjetischen Generalsekretärs falsch gewesen sei - und die deutschen Partner im westlichen Bündnis auf diese Linie zu bringen. Der „Genscherismus“, ein Wort, das abschätzig-kritisch gemeint war, um eine neue Variante deutscher Schaukelpolitik zwischen West und Ost zu kennzeichnen, trug für jeden sichtbar am 9. November 1989 den Sieg davon. Das wenige Wochen später von Kanzler Kohl vorgetragene „Zehn-Punkte-Programm“, von dem Genscher vorab nicht unterrichtet worden war, wurde dann zur Ouvertüre für die Verhandlungen über die deutsche Einheit (“zwei plus vier“). Sie wurden auch die Krönung von Genschers Zeit als Außenminister, die bei seinem selbstgewählten Ausscheiden 1992 achtzehn ereignisreiche Jahre überspannte.
1972 die „schrecklichste Erfahrung“
Dass Genscher, wie Friedrich Karl Fromme in der F.A.Z. vor zehn Jahren schrieb, sich stets „durch die genaue Witterung des Kommenden“ auszeichnete, hatte er, bevor er 1974 Außenminister in der ersten Regierung Helmut Schmidts wurde, schon in der Partei- und Innenpolitik gezeigt. 1965 saß er für die FDP erstmals im Deutschen Bundestag und wurde gleich zum Parlamentarischen Geschäftsführer seiner Fraktion gewählt, auf einen Posten, dessen Bedeutung über seinen Bekanntheitsgrad hinausgeht.
Es kam die Große Koalition, die mit der Wahl 1969 und der für die Union schockierenden Wendung der FDP zu den Sozialdemokraten ihr Ende fand. Genscher wurde Innenminister unter Kanzler Brandt. Damals festigte sich sein Ruf als mit allen Wassern gewaschener Taktiker. Im Innenamt achtete er, gerade wegen des „sozialliberalen“ Zeitgeistes, darauf, dass die innere Sicherheit nicht zu kurz kam. 1972 machte er nach eigenen Worten „die schrecklichste Erfahrung meiner ganzen Amtszeit als Mitglied der Bundesregierung“: die Ermordung der israelischen Sportler durch ein Palästinenserkommando während der Olympischen Spiele in München.
Legendäres Reisepensum
Als Außenminister, dessen Reisepensum zur Legende wurde, war Genscher bald allgegenwärtig. Schnell arbeitete er sich auch in hochkomplizierte Materien ein, etwa in der Europa-Politik; mit seiner Bonhomie gewann er viele Kollegen für sich. Doch sein größtes Interesse galt den multilateralen Bemühungen zur Entschärfung des Ost-West-Konfliktes: der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE), den diversen Abrüstungsverhandlungen.
Das hatte nicht nur taktische Gründe, wie überhaupt Genschers Beweglichkeit oft den Blick dafür verdeckte, dass seine Politik durchaus von Prinzipien geleitet war: Dem Angehörigen der Flakhelfergeneration, der auch noch kurz zur Wehrmacht eingezogen worden und in Gefangenschaft geraten war, dem Politiker, dessen Geburtsstadt Halle auf der anderen Seite der Mauer lag, war alles Militärische fremd und verdächtig: Entspannung als Methode der Friedenssicherung lag ihm geistig wie gefühlsmäßig näher als die Abschreckungspolitik unter dem Zeichen wechselseitig gesicherter Vernichtung.
Der „Genschman“
Nach dem fliegenden Koalitionswechsel im Oktober 1982, den auch seine guten persönlichen Kontakte zum Oppositionsführer Kohl vorbereitet hatten, und nach der Wahl im März 1983 hat Genscher auch die Unionsparteien Schritt für Schritt auf seinen Entspannungskurs gebracht. Zwar knirschte es öfter im Gebälk, wenn sich die FDP besonders prononciert als „Friedenspartei“ von ihrem Koalitionspartner abzuheben trachtete. Aber die über viele Jahre intakte Beziehung Genschers zu Kohl und die für beide vorrangige Raison des Machterhalts hielten die Regierung doch zusammen.
In seinen letzten Amtsjahren wurde der Außenminister Genscher zur populären Figur („Genschman“). Der Jurist, der die diplomatische Kunst des bedeutungsvollen Nichtssagens zu höchster Perfektion entwickelt hatte, ist im kleineren Kreis ein anregender Gesprächspartner und witziger Erzähler von Anekdoten. Obwohl er, der schon als Jugendlicher mit einer schweren Krankheit zu kämpfen hatte, auch in den letzten Jahren immer wieder gesundheitlich angeschlagen war, ist er als Berater und Vortragsreisender, als Buchautor und in Ehrenämtern nach wie vor aktiv. An diesem Mittwoch wird Hans-Dietrich Genscher, dessen Rekordzeit als Bundesminister so bald niemand schlagen dürfte, 80 Jahre alt.