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Genreis Die Wanderung von „Liberty Link 601“

15.09.2006 ·  Wie gentechnisch veränderter Reis in deutsche Lebensmittel kam, ist noch unklar. In jedem Fall aber sorgt der angeblich ungefährliche Genreis für reichlich Wirbel auf beiden Seiten des Atlantiks.

Von Christian Schwägerl, Berlin
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Bei Edeka Südwest und Kaufland ist Reis entdeckt worden, der Anteile einer nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Sorte aus Amerika enthält. Der Reis wurde in Louisiana entwickelt. Angeblich ist er ungefährlich.

Ungezählte Jahrtausende schlummerte ein Gen namens „Bar“ unbemerkt im Erbgut eines Bodenbakteriums. Seit August aber treibt es neben vielen anderen auch dem Pflanzenzüchter Steven Linscombe den Angstschweiß auf die Stirn. Er leitet die Reisforschungsstation an der Universität von Louisiana. „Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, daß das hier passiert sein soll“, sagt Linscombe im breiten Akzent des amerikanischen Südens. Schon seit 1909 entwickeln Wissenschaftler der Universität nördlich der Kleinstadt Crowley neue, leistungsfähigere Reissorten. Doch nun ist ihr guter Ruf in Gefahr.

Ergebnisse anderer Zuchtstationen stehen noch aus

Die Reisbauern der Südstaaten finanzierten die Station bisher dankbar mit, denn nur mit stetig besseren Sorten, die auch gegen neuartige Schädlinge resistent sind, können sie ihre Marktposition behaupten. Die Station steht jetzt aber im Verdacht, sie sei die Quelle für einen sogenannten „Genreis“, der zur Zeit in Europa fast überall auftaucht, wo Behörden suchen. Nur aus Crowley gibt es bisher ein Indiz dafür, wie der gentechnisch veränderte Forschungsreis „Liberty Link 601“ ohne amtliche Zulassung in die Lebensmittelkette und bis nach Europa gelangt sein könnte. Untersuchungsergebnisse von anderen Zuchtstationen stehen noch aus.

Im August fiel Linscombe nach seinen eigenen Worten aus allen Wolken, als Spuren des gentechnisch veränderten Forschungsreises dort gefunden wurden, wo sie nie hätten hingelangen dürfen: Im kostbaren und ohne Gentechnik gezüchteten „Basis-Saatgut“ seiner Station aus dem Jahr 2003.

Das ist ein Hochleistungsreis, den Linscombe nach langen Vorarbeiten alljährlich in relativ kleinen Mengen an Agrarfirmen liefert. Er steht ganz am Anfang eines Prozesses, der vom Züchter über den Saatguthändler zum Bauern und schließlich zum Verbraucher führt. Die Abnehmer des Basis-Saatguts züchteten aus der Lieferung wie gewohnt massenweise Saatgut und verkauften es an Landwirte für den kommerziellen Anbau weiter.

Pflanzen sehen aus wie gewöhnlicher Reis

Befinden sich im Basis-Saatgut auch nur einige fremde Saatkörner, werden diese im Lauf der Saatgutherstellung mitvermehrt, können in vielen Gegenden angebaut werden und schließlich dank globaler Warenströme überall landen. Deshalb gelten eigentlich strenge Sicherheitsvorkehrungen zur Reinhaltung des Basis-Saatguts. „Ich war sprachlos“, sagt der Forscher über die Entdeckung von Anfang August. Wenige Reiskörner eines Basis-Saatguts aus dem Jahr 2003 enthielten tatsächlich Erbgut aus einem längst abgelaufenen Forschungsprojekt. Alle anderen Proben fielen bislang negativ aus.

Woher kam die Verunreinigung? Gemeinsam mit Forschern der Bundesstaaten Mississippi und Arkansas sowie aus Puerto Rico testete Linscombe zwischen 1999 und 2001 für das Agrarunternehmen Aventis zwei neue Reissorten namens „Liberty Link 601“ (LL601) und „Liberty Link 62“ (LL62). Ihre Pflanzen sehen aus wie gewöhnlicher Reis. In das Erbgut haben Biotechnologen aber das isolierte Gen „Bar“ des Bodenbakteriums Streptomyces hygroscopius eingefügt, um die Pflanze mit einem neuen Eiweiß auszustatten.

Gefahren für die Gesundheit bisher nicht bekannt

Das Gen und sein Eiweißprodukt machen die Pflanzen resistent gegen ein spezielles Unkrautvernichtungsmittel der Firma. Die Nutzpflanzen nehmen beim Spritzen nicht selbst Schaden, weil das Eiweiß die Substanz abbauen kann. Das ermöglicht es, während der gesamten Anbauperiode gegen Wildwuchs vorzugehen und nicht nur am Anfang. Derart verändert werden in Amerika Weizen, Raps, Soja und Baumwolle auf riesigen Flächen angebaut. Ob dadurch tatsächlich insgesamt weniger Herbizide zum Einsatz kommen, ist umstritten, aber mögliche Gefahren für die menschliche Gesundheit sind bisher nicht bekannt. „Liberty Link“-Pflanzen werden in Amerika in riesigen Mengen zu Lebensmitteln weiterverarbeitet.

Das Vorhaben aber, auch den amerikanischen Reisanbau mit Hilfe der Gentechnik effizienter zu machen, blieb in der Anfangsphase stecken. Eine der beiden Sorten, LL62, durchlief noch erfolgreich das amtliche Zulassungsverfahren in Amerika, bei dem die Regierung mögliche Gefahren für Mensch und Umwelt untersucht.

Amerikanische Reisbauern verklagen Bayer

Im Jahr 2002 übernahm dann aber der deutsche Bayer-Konzern die Geschäfte von Aventis und stellte jegliche Kommerzialisierung von gentechnisch verändertem Reis zurück - wohl auch wegen der in Europa weitverbreiteten Ablehnung gegenüber solchen Produkten. Und so interessierte sich niemand mehr für die beiden Sorten. Auch Steven Linscombe hatte die Versuche längst abgehakt. Bis just der LL601-Forschungsreis im Januar dieses Jahres fernab von Crowley auftauchte, bei einem kommerziellen Kunden des größten amerikanischen Reisherstellers, „Riceland Foods“, also in Lebensmitteln.

Im Mai ließ „Riceland Foods“ im ganzen amerikanischen Reisanbaugebiet nach LL601 suchen. „Bei einer erheblichen Zahl von Lagerstätten für kommerziell angebauten Reis fielen die Proben positiv aus“, sagt Unternehmenssprecher Bill Reed. So kam ins Rollen, was inzwischen amerikanische Reisbauern um ihre Exportmärkte fürchten läßt, Gentechniker um die Zukunft ihrer Technologie und Verbraucher um die Lebensmittelsicherheit. Der Fall beschäftigt auch die Justiz: Amerikanische Reisbauern haben Bayer Crop Science, die das Patentrecht an dem Reis hält, auf Schadensersatz verklagt.

Perfektion ist nur schwer zu erreichen

In Europa taucht die Mutation in jeder fünften Reisprobe auf. Wie Biotechnologen das Gen aus dem Bakterium in die Pflanze eingebaut haben, ist ausführlich dokumentiert. Wie es aber aus den Forschungspflanzen in deutsche Supermarktregale gelangt sein könnte, stellt Gentechniker und Behörden vor Rätsel: Was könnte in Crowley oder an einem anderen der Forschungsstandorte von Aventis im Süden Amerikas falschgelaufen sein?

Über Details darf sich der Pflanzenzüchter Linscombe auf Anweisung des Agrarministeriums nicht äußern, weil es sich um eine laufende Ermittlung handelt. „Wir suchen mit unseren Agrarbehörden nach möglichen Fehlern“, sagt er. Genaustausch zwischen Pflanzen ist eine ganz natürliche Sache, doch in Zuchtstationen ist eigentlich alles darauf angelegt, ihn zu kontrollieren. Perfektion ist aber nur schwer zu erreichen.

Überbleibsel gefunden und vernichtet

Untersucht wird nun zum Beispiel, ob Pollen von den Forschungspflanzen auf Pflanzen für das Basis-Saatgut geflogen sein und sich eingekreuzt haben könnten. Das erscheint eher unwahrscheinlich, denn im Gegensatz zu anderen Gräsern schickt der Reis seinen Pollen nicht auf Reise, er bestäubt sich selbst. Den vorgeschriebenen Abstand zu Nachbarfeldern von zehn Metern habe man bei dem Projekt sogar noch vergrößert und die verschiedenen Sorten zeitversetzt gepflanzt, damit sie nicht gemeinsam blühen, sagt Linscombe.

Plausibler erscheint es, daß auf einem Areal versehentlich nicht alle Reiskörner von den Forschungspflanzen abgeerntet wurden. Einige könnten im Boden gelandet und im nächsten Jahr inmitten ganz anderer Pflanzen unbemerkt herangewachsen sein. Äußerlich sind die Pflanzen nicht unterscheidbar, nur durch einen Gentest. In Unterlagen, die Bayer Crop Science nun dem amerikanischen Agrarministerium ausgehändigt hat, heißt es, an mehreren Forschungsstandorten seien solche Überbleibsel gefunden und vernichtet worden - vielleicht nicht alle? „Unser Unternehmen will sich wegen der laufenden Ermittlungen zu möglichen Ursachen derzeit nicht äußern“, sagt eine Sprecherin, „wir tun aber alles, um den Fall mit den Behörden aufzuklären.“

Transgener Reis ohne Erlaubnis weitergegeben

Als dritte Möglichkeit kommt in Betracht, daß es im Samenlager von Crowley oder an einem anderen Forschungsstandort nicht ordentlich zugegangen ist, so daß sich die Samen verschiedener Sorten vermischen konnten. Und schließlich ist es auch denkbar, daß jemand den Forschungsreis abgezweigt und weiterverkauft hat, so wie das kürzlich in China passiert ist, wo transgener Reis ohne Erlaubnis von einer Universität an Landwirte weitergegeben wurde.

Noch mehr als die möglichen Fehler interessiert die Verbraucher jetzt, ob Reis mit Spuren von LL601 vielleicht gefährlich ist. Hier treten die Unterschiede zwischen Amerika und Europa im Umgang mit der Gentechnik offen zutage: In Amerika werden gesundheitliche und ökologische Risiken intensiv geprüft, doch Produkte mit zugelassenen gentechnischen Zutaten müssen mangels (bekannten) Gefahren nicht extra gekennzeichnet werden.

„Warum haben Europäer Angst vor Gentechnik?“

Binnen weniger Wochen erteilten die Prüfer der amerikanischen Behörden nun der Sorte LL601 ein vorläufiges Unbedenklichkeitstestat. Der Reis sei mit der intensiv geprüften und zugelassenen Schwestersorte LL62 beinahe identisch, Gesundheitsgefahren durch das Bakteriengen und sein Protein seien weder bekannt noch zu erwarten, urteilten auch die Fachleute der Nahrungsmittel- und Medikamentenverwaltung (“Food and Drug Administration“). Somit ist es wahrscheinlich, daß der Reis in Amerika bald legal verkauft werden darf.

In Europa dagegen ist die Skepsis gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln grundsätzlich groß. Unabhängig von Risiken müssen Lebensmittel gekennzeichnet werden, enthalten sie mehr als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Zutaten. LL601 wurde bisher nur in Spuren von etwa 0,06 Prozent gefunden. Doch weil in Europa weder LL62 noch LL601 zugelassen ist, reagierte die EU-Kommission mit harten Maßnahmen. Amerikanischer Reis darf nur nach Europa importiert werden, wenn bewiesen ist, daß er keine LL601-Spuren enthält.

In Crowley fährt Steven Linscombe derweil die diesjährige Reisernte ein und hofft, daß der entscheidende Fehler anderswo passiert ist. Der Professor ist in der Spätsommerhitze selbst mit einer Sichel und kleinen Tüten auf den Feldern unterwegs, um die wertvollen Körner einzusammeln. „Gentechnisch veränderte Sorten haben wir in diesem Sommer nicht angebaut“, sagt er erleichtert. Beim nächsten Mal werde man noch vorsichtiger sein. Am Ende des Gesprächs stellt er selbst zwei Fragen: „Warum haben die Europäer eigentlich soviel Angst vor der Gentechnik - und geht die Angst weg, wenn LL601 hier zugelassen ist?“

Quelle: F.A.Z., 15.09.2006, Nr. 215 / Seite 3
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