http://www.faz.net/-gpf-si05
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.09.2006, 17:28 Uhr

„Gender Mainstreaming“ Der kleine Unterschied

Die EU und Deutschland haben sich dem „Gender Mainstreaming“ verpflichtet. Dieser Politik liegt die Behauptung zugrunde, Geschlechtsrollen seien nur erlernt. Propagiert und durchgesetzt hat das der Feminismus, doch am Anfang steht ein Menschenversuch, schreibt Volker Zastrow.

von
© Anke Feuchtenberger

Am 22. August 1965 kamen im kanadischen Winnipeg, einer Stadt etwa so groß wie Frankfurt, Zwillinge zur Welt. Ein seltenes und freudiges Ereignis - auch für die Wissenschaft. Denn eineiige Zwillinge haben dasselbe Erbgut. Also kann man dessen Einfluß an ihnen erforschen, was im 20. Jahrhundert auch überreich geschah. Bruce und Brian Reimer dienten als Beweis dafür, daß die Erbanlagen das Geschlecht eines Menschen nicht bestimmen. Weiblichkeit und Männlichkeit sind keine biologischen Identitäten, sondern psychische: So lautet die Annahme, die heute als Grundlage des „Gender Mainstreaming“ in die Politik eingegangen ist. „Man kommt nicht als Frau auf die Welt“, hieß das bei Simone de Beauvoir, „man wird dazu gemacht.“

Volker Zastrow Folgen:

Bruce Reimer kam nicht als Frau auf die Welt, aber er sollte dazu gemacht werden. Sieben Monate nach der Geburt des Jungen wurde sein Penis bei einer Beschneidung vom Arzt mit einem elektrischen Instrument so stark verbrannt, daß das Glied sich schwärzte und bald vollständig abfiel. Keiner der hinzugezogenen Mediziner konnte den Eltern einen Weg aufzeigen, diesen Schaden wenigstens einigermaßen zu beheben. Die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie reichten nicht so weit. Im Februar 1967 sahen Ron und Janet Reimer dann in einer Fernsehrunde einen Doktor aus den Vereinigten Staaten, der ihnen wieder Hoffnung gab. Es war John Money, ein Psychiater vom Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore.

Mehr zum Thema

Weitreichende seelische Konsequenzen

Money behauptete in der Sendung, man könne aus Männern ohne weiteres Frauen machen. Er hatte eine Blondine mitgebracht, die in kurzem Rock und enger Jacke, mit Stöckelschuhen, langen Wimpern, schwarz umrandeten Augen, Lippenstift und Make-up einen betont femininen, ja aufreizenden Eindruck machte: einen Transsexuellen, der sagte, er fühle sich nach seiner operativen Geschlechtsumwandlung vollständig als Frau, „körperlich und geistig“. Die Eheleute Reimer erblickten darin die Lösung ihrer Probleme. Sie schrieben an Money, nicht ahnend, daß sie umgekehrt auch ihm etwas boten, was er dringend benötigte: die Chance, mit einem Experiment seine radikale Theorie zu beweisen.

John Money kam 1921 in Neuseeland zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er in die Vereinigten Staaten und beendete dort seine Ausbildung zum Psychiater. Sein Lebensthema wurde die Sexualität, wobei er sich zunächst vorwiegend mit Inter- und Transsexuellen beschäftigte. Intersexuelle (oder Hermaphroditen) besitzen wegen vorgeburtlicher Entwicklungsstörungen keine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit. Ihre Genitalien stehen in mehr oder weniger starkem Widerspruch zu ihrem chromosomalen Geschlecht. Für die Betroffenen hat das natürlich auch weitreichende seelische Konsequenzen. Als transsexuell werden dagegen Personen bezeichnet, die trotz eindeutigen körperlichen Geschlechts den Wunsch verspüren, dem anderen Geschlecht anzugehören, sich entsprechend zu kleiden und oft auch umoperieren zu lassen.

Der lebende Beweis

John Moneys Arbeitsgebiet war also eher entlegen. Doch seine Schlußfolgerungen haben weite Kreise gezogen. Er hat die Begriffe „gender identity“ und „gender role“ geprägt, und er wurde zugleich der einflußreichste wissenschaftliche Wegbereiter der Gender-Theorie, der zufolge das soziale Geschlecht (gender) dem Menschen willkürlich zugewiesen wird und daher vom biologischen Geschlecht (sex) bis zur vollständigen „Diskordanz“ abweichen kann: daß man also erfolgreich einen Jungen zu einer Frau oder ein Mädchen zu einem Mann erziehen könne.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mörder von Elias und Mohamed Makabre Details im Fall Silvio S.

Der Mann, der zwei kleine Jungen ermordet hat, schickte den Eltern des einen eine Beileidskarte. Nicht das einzige irritierende Detail, das am zweiten Prozesstag bekannt wurde. Mehr Von Julia Schaaf, Potsdam

21.06.2016, 16:40 Uhr | Gesellschaft
Europameisterschaft Robert Lewandowskis Wurzeln

Sein erster Trainer erinnert sich an einen kleinen schmächtigen Jungen mit großem Herzen, bei der Fußball-EM in Frankreich könnte er für die polnische Nationalmannschaft den Unterschied machen: Robert Lewandowski hat als Kind auch dann noch weiter trainiert, wenn es seinen Mannschaftskameraden zu anstrengend wurde. Mehr

30.06.2016, 16:31 Uhr | Sport
Pennsylvania Ehepaar verschenkte Tochter an älteren Mann

Der 51 Jahre alte Lee Kaplan hat mit zwölf Mädchen zusammengelebt. Mit dem ältesten zeugte er zwei der Kinder. Die Polizei klärt derzeit, woher die anderen Kinder stammen. Mehr Von Christiane Heil, Los Angeles

20.06.2016, 15:38 Uhr | Gesellschaft
Im Wald ausgesetzt Vermisster Junge in Japan nach einer Woche wiedergefunden

Ein vermisster Junge ist in Japan nach fast einer Woche wiedergefunden worden. Die Eltern hatten ihren siebenjährigen Sohn zur Strafe in einem Waldstück zurückgelassen, weil er mit Steinen auf Autos geworfen hatte. Besonders pikant: in dem Wald leben auch wilde Bären. Die Eltern kehrten zwar fünf Minuten später zurück, der Junge war aber verschwunden. Mehr

03.06.2016, 12:10 Uhr | Gesellschaft
Zwölf Stämme Prügelnde Lehrerin muss in Haft

Vor fast drei Jahren hat die Polizei etwa 40 Kinder aus der umstrittenen Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme befreit, die dort misshandelt wurden. Nun muss erstmals eine Lehrerin der religiösen Gruppe dafür in Haft. Mehr Von Karin Truscheit, Augsburg

21.06.2016, 15:38 Uhr | Gesellschaft

Die unerträgliche Leichtigkeit des politischen Seins

Von Berthold Kohler

Boris Johnson begeht Fahnenflucht, weil er weiß, dass er seine Versprechen nicht halten kann. Doch könnte auch dieser Offenbarungseid sein Gutes haben. Mehr 182

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“