08.09.2004 · Nach der jüngsten Terrorwelle hat die russische Militärführung angekündigt, weltweit gegen Terroristen vorzugehen. Auf die Anführer der Rebellen wurde ein Kopfgeld von 8,5 Millionen ausgesetzt. Unterdessen tauchte ein Video der Geiselnehmer von Beslan auf.
Die russische Militärführung hat nach der jüngsten Terrorwelle im Land ihre Bereitschaft zu gezielten Präventivangriffen gegen Terroristen weltweit bekräftigt. „Was Präventivschläge gegen Terroristenlager angeht, so werden wir alles unternehmen, um diese in jeder beliebigen Region der Erde zu zerstören“, sagte der russische Generalstabschef Juri Balujewski am Mittwoch nach einem Gespräch mit Nato-Oberbefehlshaber James Jones. „Das bedeutet aber nicht, daß wir mit Atomwaffen angreifen“, sagte Balujewski.
Westliche Militärs bezeichneten die Ankündigung Balujewskis als „finstere Drohung“, die so noch nicht von den russischen Militärs geäußert worden sei. Bei aller Notwendigkeit, den Terrorismus zu bekämpfen, gerate das internationale Völkerrecht durch solche Ankündigungen zunehmend in Gefahr. Präsident Putin hatte nach der Geiseltragödie in Beslan in seiner Fernsehansprache gesagt, der „internationale Terrorismus“ habe Rußland den Krieg erklärt. Konkrete Präventivschläge gegen Ziele weltweit erwähnte Putin dabei aber nicht.
Der britische Außenminister Jack Straw hat die russischen Erwägungen als „verständlich“ bezeichnet. Sie verstießen nicht gegen internationales Recht, da Staaten gemäß der UN-Bestimmungen nicht nur das Recht auf Selbstverteidigung, sondern bei einer „unmittelbaren oder wahrscheinlichen Terrorgefahr“ auch das Recht auf die „Ergreifung geeigneter Maßnahmen“ hätten.
Kopfgeld von Millionen Euro
Rußland hat ein Kopfgeld von bis zu 8,5 Millionen Euro auf die tschetschenischen Rebellen-Anführer Schamil Bassajew und Aslan Maschadow ausgesetzt. Die Regierung in Moskau macht Bassajew für das Geiseldrama in einer Schule im südrussischen Beslan verantwortlich, bei dem mindestens 335 Menschen starben.
In einer Erklärung des Inlandsgeheimdienstes FSB, die am Mittwoch im staatlichen Fernsehen verlesen wurde, hieß es, für hilfreiche Hinweise zur „Neutralisierung“ der beiden Rebellen würden bis zu 300 Millionen Rubel Belohnung gezahlt. Nach Einschätzung deutscher Sicherheitskreise steht Bassajew hinter der Geiselnahme von vergangener Woche in Beslan. Der meistgesuchte Mann Rußlands hat sich seit Mitte der neunziger Jahre mit zahlreichen Anschlägen und Entführungen als brutaler und kompromißloser tschetschenischer Nationalist hervorgetan.
Rücktritt der nordossetischen Regierung
Maschadow hat wiederholt eine Verwicklung in das Geiseldrama von Beslan zurückgewiesen. Bassajew äußerte sich dagegen bislang nicht dazu. Der Sohn des ermordeten tschetschenischen Präsidenten Achmad Kadyrow hatte bereits im Dezember ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf Bassajew und 50.000 Dollar auf Maschadow ausgesetzt. Zu dem Attentat auf den pro-russischen Präsidenten Kadyrow im Mai hatte sich Bassajew bekannt.
Die Ermittler konnten nach Aussagen des russischen Generalstaatsanwalts Sergej Fridingski bislang zwölf der Geiselnehmer von Beslan identifizieren. Einige der Gewalttäter waren demnach schon im Juni in die Angriffe in Inguschetien und Nordossetien verwickelt, bei denen Dutzende Menschen starben.
Als Reaktion auf das Geiseldrama kündigte der Präsident der Kaukasusrepublik Nordossetien den Rücktritt seiner Regierung an. Vor Demonstranten sagte Dsasochow in der Hauptstadt Wladikawkas, die Regierung werde innerhalb von zwei Tagen zurücktreten. Ob er selbst auch sein Amt niederlegen wird, ließ er offen. Mehr als tausend Demonstranten hatten zuvor den Rücktritt des Präsidenten gefordert. Sie warfen ihm Versagen bei der blutig beendeten Geiselnahme vor.
Video von Geiselnahme
Vier Tage nach Beendigung des Geiseldramas in einer Schule im südrussischen Beslan ist ein Video aufgetaucht, das einer der Geiselnehmer in dem Gebäude aufgenommen haben soll. Das Video, das am Dienstag vom russischen Sender NTW ausgestrahlt wurde, zeigte mehrere Geiselnehmer, darunter einen maskierten und schwer bewaffneten Mann sowie eine Frau mit schwarzem Schleier. Wie der Sender in den Besitz des Videos kam, blieb offen.
Hunderte Frauen und Kinder saßen dicht gedrängt auf dem Boden der Turnhalle, der blutverschmiert war. Anzeichen von Panik unter den Geiseln gab es nicht, die meisten von ihnen schwiegen und fächerten sich Luft zu. Im Basketball-Korb und an einem Draht, der quer durch die Halle gespannt war, hingen Sprengfallen. Eine weitere lag auf dem Boden in einem Kunststoff-Behälter.
Zu sehen war einer der Geiselnehmer, der vor einem Sprengsatz hockte und ihn mit Klebeband versah. Ein anderer hatte einen Fuß auf ein Buch gestellt, in dem sich dem NTW-Kommentator zufolge ein Schalter zur Aktivierung einer Bombe befand. Durch die Halle verliefen Drähte, die offenbar mit den Sprengsätzen verbunden waren.
Festnahmen nach Bombenanschlägen auf Flugzeuge
Das Video hat eine Länge von etwa einer Minute. Gegen Ende sprach einer der Geiselnehmer leise in sein Mobiltelefon - allerdings nicht auf russisch. ausgesetzt. Zu dem Attentat auf den pro-russischen Präsidenten Kadyrow im Mai hatte sich Bassajew bekannt.
Knapp zwei Wochen nach den Bombenanschlägen auf zwei russische Passagierflugzeuge, bei denen zusammen 90 Menschen ums Leben gekommen waren, nahmen die russischen Behörden zwei Verdächtige fest.
Einer der beiden hat nach Berichten der Nachrichtenagentur Interfax am Flughafen Domodedowo, von dem die beiden Maschinen am 24. August gestartet waren, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf überteuerter Flugkarten verdient.