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Geiseldrama in Rußland Zeugen: Mehr als 1000 Geiseln in der Schule

03.09.2004 ·  Sicherheitskräfte haben offenbar die von Terroristen überfallene Schule von Beslan gestürmt. Etliche Geiseln sind frei. Mehr als tausend Menschen sollen in der Gewalt der Kidnapper gewesen sein. Unklar ist, wieviel Tote oder Verletzte es gegeben hat. Es sind weiter Schüsse zu hören.

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In der von Terroristen überfallenen Schule im Nordkaukasus sollen sich nach Schätzungen freigelassener Geiseln mindestens tausend Menschen in der Gewalt der Kidnapper befinden. Die fordern nun nach Angaben der Behörden Unabhängigkeit für die russische Republik Tschetschenien.

Am zweiten Morgen des Geiseldramas in Beslan forderten die Einsatzkräfte auf eine Freilassung der jüngsten Kinder in der Gewalt der Terroristen. Unter den offiziell mehr als 300 Geiseln seien noch mindestens 16 Vorschulkinder, teilte der vermittelnde Kinderarzt Leonid Roschal (71) nach Medienberichten am Freitag mit.

Der Mediziner sagte, er rede täglich 10 bis 15 Mal am Telefon mit den Geiselnehmern. Bei einem Gespräch mit Angehörigen der Geiseln kündigte Roschal nach Angaben des russischen Staatsfernsehens an, es solle eine neue Liste mit der Gesamtzahl der Geiseln erstellt werden. Wiederholt hatten Angehörige behauptet, in der Schule seien deutlich mehr als die zunächst offiziell vermeldeten 354 Geiseln. Die Schule zählt knapp 900 Schüler. Die allermeisten von ihnen sollen am Mittwochmorgen an der Feier zum Schulanfang teilgenommen haben, als die Terroristen das Schulgelände überfielen.

Drei Quellen, drei Zahlen

„Es sind dort 1020 Menschen“, zitierte die russische Tageszeitung „Gaseta“ in ihrer Freitagsausgabe eine der am Vortag freigelassenen Mütter. Eine freigelassene Lehrerin sprach laut einem Bericht der Zeitung „Iswestia“ vom Freitag von 1500 Gefangenen in der Schule. Der örtliche Abgeordnete Asamat Kadykow erklärte, rund 1000 Geiseln seien in der Gewalt der Extremisten. Wie er auf diese Zahl kam, sagte er nicht. Am Vortag hatten die Terroristen 26 Geiseln, Mütter mit ihren Kleinkindern, freigelassen. Für die Freilassung sei keine Gegenleistung verlangt worden, hieß es.

Roschal versicherte den Angehörigen, aus medizinischer Sicht bestehe keine akute Gefahr für die Geiseln. Nach offizieller Darstellung haben die Terroristen bislang weder Roschal noch einen anderen Vermittler in das Gebäude gelassen. Roschal, der bereits bei früheren Geiselnahmen in Rußland vermittelte, sprach nach den Angaben von einem „zynischen Verhalten“ der Terroristen. Sie hätten den Einsatzkräften mitgeteilt, die Geiseln würden von sich aus auf Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente verzichten. Zudem hätten die Geiselnehmer ihren Opfern gesagt, das Trinkwasser aus einer Leitung in der Turnhalle sei vergiftet.

Selbstmordattentat am Mittwoch?

Nach Angaben freigelassener Frauen sollen sich zwei Terroristinnen bereits am ersten Tag mit mehreren gefangenen Männern in die Luft gesprengt haben. Das erfuhr die örtliche Presse in der nordossetischen Stadt Beslan am Freitag. Bei dem Zwischenfall am Mittwoch abend seien bis zu 21 Männer getötet worden, hieß es. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht. Zu der fraglichen Zeit waren aus dem abgeriegelten Schulgebäude starke Explosionen zu hören gewesen. Andere freigelassene Geiseln bestätigten das Selbstmordattentat nicht. Allerdings seien die beiden Terroristinnen am Donnerstag, dem zweiten Tag des Geiseldramas, nicht mehr in der Turnhalle aufgetaucht, hieß es.

Inzwischen haben Einsatzkräfte am Freitagmorgen den Absperring um die Schule von Beslan ausgeweitet. Angehörige der Geiseln und Journalisten müssen sich nun etwa 400 Meter von dem Gebäude entfernt aufhalten, berichtete ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur. Der Einsatzstab begründete die Maßnahme mit notwendigen Sicherheitsvorkehrungen. Die Terroristen hatten in der Nacht mit Schüssen einen Polizisten verletzt, der sich offenbar zu nah an das Gebäude gewagt hatte. Zudem feuerten die Geiselnehmer mehrfach mit Granatwerfern.

Experten erwarten gewaltsame Lösung

Ein Sprecher der russischen Teilrepublik Nordossetien bekräftigte, es sei keine Erstürmung des Gebäudes geplant. Solange die Möglichkeit zu einer Einigung bestehe, dürfe es keine gewaltsame Lösung des Problems geben, hieß es. Trotz der Zusage des russischen Präsidenten Wladimir Putin, alles für die Sicherheit der Kinder und Erwachsenen zu tun, gehen Experten von einem gewaltsamen Ende des Geiseldramas aus. „Die Russen werden die Schule zweifellos stürmen, wie sie es auch zuvor immer wieder getan haben", sagte der Sicherheitsexperte Adam Dolnik, der an einer Studie über die Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater vor zwei Jahren mitgearbeitet hat. „Sie werden wahrscheinlich auf Zeit spielen, um genug Informationen über den Ort (der Geiselnahme) zu bekommen, und dann nach Wegen in das Gebäude suchen und einen Plan ausarbeiten. Ich vermute, daß der Sturm innerhalb der kommenden beiden Tage losgeht.“

„Wenn sich die Lage in einer Weise entwickelt, daß das Leben von Geiseln bedroht ist, ist die Erstürmung die einzige Möglichkeit", sagte auch der Analyst Boris Makarenko vom Zentrum für politische Technologie in Moskau. Die Versuche, mit den mutmaßlich tschetschenischen Geiselnehmern zu verhandeln, muteten wie ein Witz an, wenn man bedenke, daß Putin im Tschetschenien-Konflikt auf eine gewaltsame Lösung setze und Verhandlungen ausschließe, sagten Experten.

Neuer Konflikt im Kaukasus

Sie befürchteten, daß eine gewaltsame Lösung des Geiseldramas im nordossetischen Beslan Konflikte in der russischen Kaukasus-Region neu anfachen könnte. Ein Konflikt zwischen Nord-Ossetien und dem benachbarten Inguschetien war zu Beginn der 90er Jahre beigelegt worden, könnte aber neu aufflammen, zumal die Geiselnehmer die Freilassung in Inguschetien inhaftierter Kampfgenossen fordern. „Es sind ossetische Kinder (in der Schule von Beslan). Die Reaktion der Osseten könnte extrem gefährlich sein", sagte der Sicherheitsexperte Alexej Malaschenko der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in Moskau. „Wir könnten kurz vor einem neuen Krieg stehen.“

Quelle: @tor mit Material von dpa, Reuters, AP
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