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Geheimdienste : Libysche Hilfe für die DDR

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Der Libysche Geheimdienst pflegte in den siebziger Jahren auch geheime Kontakte mit Ost-Berlin. Gaddafi wollte in der DDR Waffen kaufen, und die DDR brauchte dringend Geld - um sich der „zionistischen Lobby“ zu erwehren.

          Die deutsch-libyschen Beziehungen von heute haben eine doppelte Vorgeschichte. Libyens Ministerpräsident Abdel Salam Jalloud, der zum Kreis des „Revolutionsführers“ Gaddafis gehörte, vereinbarte 1974 und 1975 nacheinander in Bonn und Ost-Berlin mit beiden deutschen Staaten den Ausbau von Wirtschaftsbeziehungen. Am 28. Februar 1974 traf Jalloud mit Bundeskanzler Willy Brandt, Außenminister Walter Scheel, Wirtschaftsminister Hans Friedrichs und Entwicklungshilfeminister Erhardt Eppler zusammen. Jalluod regte eine verstärkte Zusammenarbeit mit deutschen Firmen zur Erschließung neuer Ölquellen und zum Bau von Raffinerien, Straßen und Schulen an. Bei den deutsch-libyschen Verhandlungen in Ost-Berlin ging es jedoch um mehr. Dort wurde auch über eine militärische Zusammenarbeit zwischen der DDR und Libyen gesprochen. Hier hatte die DDR mehr zu bieten.

          Als die Verhandlungen in eine konkrete Phase traten, ernannte Erich Honecker das Mitglied seines Politbüros Werner Lamberz zum „Sonderbotschafter des ZK der SED“ für die Gespräche mit Gaddafi. Am 12. Dezember 1977 traf sich Lamberz mit dem libyschen Revolutionsführer. Zunächst bat er Gaddafi um die Herstellung von Kontakten zu den Befreiungsbewegungen in Tschad, Oman und Dhofar und zur Polisario in der Westsahara. Auf Bitte Fidel Castros hatte sich die DDR nämlich bereit erklärt, den von Kuba unterstützten Guerrillaorganisationen Waffen zu liefern.

          Einladung in die DDR

          Außerdem, versicherte Lamberz, sei die SED-Führung „einverstanden, dem libyschen Volksstaat militärische Hilfe zu gewähren. Wir sind bereit, Offiziere und Unteroffiziere, Flugzeug- und Hubschrauberpiloten, Raketen und Artilleriespezialisten und Aufklärer in der DDR oder Libyen auszubilden.“ Umfangreiche Waffenlieferungen seien kein Problem. „Die DDR lieferte bisher Waffen an Äthiopien, sie unterstützte mit Waffen die Befreiungsbewegungen Simbabwes, Palästinas und Namibias.“ Der Beschluss zur Unterstützung Libyens sei jedoch der bislang umfangreichste. Es könnten bald viele hundert libysche Bürger in die DDR kommen. Man werde dann in einer der bedeutendsten Städte der DDR, in Dresden, eine islamische Bibliothek einrichten und in Leipzig eine Moschee.

          „Wenn wir das alles realisieren wollen, wäre es für die DDR sehr günstig, ein gewisses Startkapital zu erhalten. Wir sind nicht so reich wie Libyen. Durch die Konfrontation mit der stärksten imperialistischen Macht, die Manipulation einer bestimmten zionistischen Lobby haben wir Schwierigkeiten auf finanziellem Gebiet.“ Die hohen Rohstoffpreise hätten der DDR große Belastungen auferlegt. Westdeutschland und andere imperialistische Länder betrieben zudem einen Kreditboykott. Die DDR habe „eine Luftbrücke zwischen Berlin und Addis Abeba eingerichtet“ und die äthiopische Armee mit Brot und Waffen versorgt.

          Libyen fürchtete Angriff aus Ägypten

          Sodann erklärte Lamberz im Auftrag Honeckers, „dass die Bargeldmittel der DDR erschöpft sind. Die DDR hat eine leistungsstarke Industrie und Landwirtschaft. Sie verfügt über eine moderne Wissenschaft und Technik, über Waffen und andere materielle Mittel, im Moment jedoch nicht über Bargeld. Wir bitten Sie deshalb zu prüfen, ob es Ihnen möglich ist, der DDR eine Bargeldhilfe zur Verfügung zu stellen.“ Dies könne in Form eine Regierungskredits erfolgen. „Eine solche Hilfe würden wir Ihnen nie vergessen.“

          Gadaffi antwortete: „Ich kann euch versichern, dass ihr volles Vertrauen haben könnt. Es gibt in dieser Hinsicht bei uns kein Zögern. Mündlich möchte ich jetzt schon ganz eindeutig eine feste Zusage geben, dass wir euch unterstützen werden. Wir werden alle Gebiete der Zusammenarbeit realisieren, von der militärischen Unterstützung über die technische Zusammenarbeit bis hin zu dem Kredit für euch. Wir wünschen allerdings, dass die sowjetische Seite sich an der Unterstützung für Libyen ebenfalls beteiligt.“ Er fürchte einen Angriff Ägyptens auf Libyen. Man dürfe diese Gefahr nicht unterschätzen. Ägypten habe 40 Millionen Einwohner, Libyen leider nur etwas mehr als zwei Millionen. „Unsere Stärke sind der Mut und die Standhaftigkeit der Libyer und die Feigheit der Ägypter. Ihr habt gute Beziehungen zur Sowjetunion und könntet sie ansprechen, damit sie uns umfassend militärisch unterstützt, ehe es zu spät ist.“

          „Neue revolutonäre Entwicklung“

          Bereits am Tag nach dem Gespräch mit Gaddafi empfingen Ministerpräsident Jalloud und Außenminister Treiki den Sonderbeauftragten Honeckers und teilten ihm mit, dass die libysche Führung einen Sofortkredit für die DDR in Höhe von 100 Millionen Dollar beschlossen hatte. Libyens Banken übernähmen darüber hinaus auf dem Internationalen Geldmarkt Kreditverpflichtungen von 100 bis 150 Millionen Dollar für die DDR. In anderthalb bis zwei Jahren werde das Kreditvolumen für die DDR auf 400 bis 500 Millionen Dollar aufgestockt. Am Ende der Unterredung sagte Jalloud: „Afrikanische Rohstoffe, libysches Kapital und DDR-Industrie und DDR-Wissenschaft sollten zusammengefasst zu einer neuen materiellen Grundlage für die revolutionäre Entwicklung in Afrika und in Arabien werden.“

          Drei Monate später reiste Lamberz wieder nach Libyen. Am 6. März 1978 kam er dort bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Er hatte trotz der Warnungen seiner libyschen Verhandlungspartner darauf bestanden, noch in der hereinbrechenden Dunkelheit nach Tripolis zurückzukehren. Der libysche Pilot des Hubschraubers verfügte über keine Nachtflugerfahrungen. Die Maschine zerschellte in den Bergen vor der libyschen Hauptstadt. Das formelle Abkommen über die „Ausbildung von Militärkadern“ Libyens in der DDR kam erst ein Jahr nach Lamberz' Tod zustande.

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