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Gefangenenaustausch : Ukrainische Kampfpilotin Sawtschenko frei

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Die Kampfpilotin Sawtschenko wurde bei ihrer Rückkehr wie eine Heldin gefeiert. Bild: Reuters

Nach monatelangen Geheimverhandlungen hat Russland die verurteilte ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko an ihr Heimatland überstellt. Die 35-Jährige landete am Mittwoch in Kiew.

          Erst am 22. März wurde sie in Russland zu 22 Jahren Haft verurteilt, nun kam sie durch einen Gefangenenaustausch frei: Die 35 Jahre alte ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko ist vor dem Hintergrund des erbitterten Konflikts zwischen Kiew und Moskau zur ukrainischen Nationalheldin geworden.

          Als der russische Richter im März das Urteil gegen sie fällte, stimmte Sawtschenko lautstark die ukrainische Nationalhymne an. Die Kampfpilotin verriet dem Richterspruch zufolge im Sommer 2014 der ukrainischen Armee den Aufenthaltsort von zwei russischen Fernsehjournalisten in der Ostukraine – woraufhin diese durch Granatbeschuss getötet wurden.

          Seit ihrer Festnahme durch pro-russische Rebellen hat sich von der Kampfpilotin in der Ukraine ein klares Bild festgesetzt: Sawtschenko als unbeugsame Kämpferin, die den russischen Justizbehörden mit außergewöhnlicher Entschlossenheit die Stirn bietet. Zu dem Bild gehören ihr herausfordernder Blick aus blauen Augen und die kurzgeschnittenen Haare. Das asketische Erscheinungsbild geht auch auf wiederholte Hungerstreiks zurück.

          Mit Verdienstorden ausgezeichnet

          In ihrem Protest wählte Sawtschenko gerne starke Worte. Russland bezeichnete sie als „Dritte-Welt-Land“ – ein „totalitäres Regime“ mit einem „Despoten an der Spitze“. In einem Video, das von den pro-russischen Rebellen während eines Verhörs aufgezeichnet wurde, sagte Sawtschenko, sie sei an die Front gekommen, um „die Ukraine und ihre staatliche Einheit zu verteidigen“.

          Über die Ereignisse, die zu ihrer Verurteilung führten, werden wohl weiterhin unterschiedliche Versionen kursieren. Fest steht, dass Sawtschenko Mitte Juni 2014 in der Nähe war, als die russischen Journalisten tödlich getroffen wurden. Sawtschenko selbst gibt an, sie habe nach einem Angriff auf Truppentransporter nachschauen wollen, ob jemand verletzt sei. Dann sei sie von pro-russischen Aufständischen „entführt“ worden. Laut Staatsanwaltschaft wurde Sawtschenko einige Tage später auf russischem Gebiet festgenommen.

          Während ihrer Inhaftierung in Russland wurde Sawtschenko in Abwesenheit ins Parlament von Kiew gewählt. Präsident Petro Poroschenko zeichnete sie im März 2015 mit dem höchsten Verdienstorden der Ukraine aus.

          Auszeit zum Kampf

          Schon früh nahm Sawtschenkos Werdegang ungewöhnliche Wendungen. Sie wurde Fallschirmjägerin und war die einzige Frau unter 1690 ukrainischen Soldaten, die an der Seite der Vereinigten Staaten in den Irak-Krieg zogen. „Ich glaube, dass man erst nach einem Kampfeinsatz, bei dem man Schießpulver gerochen hat, Offizier werden sollte“, sagte Sawtschenko damals.

          Als nächstes bewarb sie sich an der Universität der Luftwaffe in Charkiw – und wurde als eine von wenigen Frauen aufgenommen. Nach dem Examen im Jahr 2009 wurde sie als Kampfhubschrauberpilotin eingesetzt. Doch wollte sie eigentlich ans Steuer von Kampfjets.

          Wohl aus Frustration über das langsame Fortkommen nahm sie im Frühjahr 2014 eine „Auszeit“ und verpflichtete sich beim rechtsextremen Freiwilligenbataillon Aidar. Diese Formation wird von Moskau als „faschistisch“ gebrandmarkt und wurde auch vom UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) der Folter von Gefangenen bezichtigt.

          Zur Zeit ihrer Festnahme war Sawtschenko für das Aidar-Bataillon im Einsatz. In dem Prozess im russischen Donezk sagte die Angeklagte, sie würde „niemals auf eine unbewaffnete Person schießen“. Präsident Poroschenko bot schon vor dem Urteilsspruch an, Sawtschenko notfalls gegen zwei mutmaßliche russische Soldaten auszutauschen. Ein Gericht in Kiew hatte die beiden im April gegen Protest aus Moskau zu je 14 Jahren Haft verurteilt. Sie sollen im Kriegsgebiet Donbass für prorussische Aufständische gekämpft haben. Die Beziehungen zwischen Russland und der benachbarten ehemaligen Sowjetrepublik Ukraine werden von dem blutigen Konflikt schwer belastet.

          Ein Sprecher Putins nannte mit Blick auf die Freilassung Sawtschenkos, die in russischer Haft zeitweilig in den Hungerstreik getreten war, „humanitäre Erwägungen“ als Grund. Putin hoffe darauf, dass dadurch die Spannungen im Konflikt mit der Ukraine verringert würden. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier begrüßte die Freilassung: „Das ist eine gute Nachricht, für die wir lange gearbeitet haben und auf die wir dennoch lange warten mussten.“ Auch er hoffe, dass der Austausch einen Beitrag zur Vertrauensbildung zwischen der Ukraine und Russland leiste.

          Nun kam Sawtschenko tatsächlich frei und zurück in ihre Heimat. Poroschenko persönlich verkündete am Mittwochnachmittag über Twitter: „Die Präsidentenmaschine mit Nadja Sawtschenko ist gelandet!“

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