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Flüchtlingsgedenken : Neuanfang mit den Vertriebenen

Beieinander: Bundespräsident Gauck mit Edith Kiesewetter-Giese, einer Vertriebenen aus dem Sudetenland, bei der ersten bundesweiten Gedenkveranstaltung für Geflüchtete und Vertriebene Bild: dpa

Es war eine Geste der Versöhnung, dass am Weltflüchtlingstag auch der deutschen Vertriebenen gedacht wurde. Die Verbindung schafft ein neues Verständnis für das, was geschah - und was heute geschieht.

          Siebzig Jahre nach Kriegsende erinnert zum ersten Mal ein nationaler Gedenktag an Flucht und Vertreibung der Deutschen. Der 20. Juni war zugleich der Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen. Als das doppelte Gedenken beschlossen wurde, keimte ein Verdacht: Die Erinnerung an die Katastrophe in den ehemaligen deutschen Ostgebieten solle verwässert werden im weltweiten Flüchtlingselend. Mit der Internationalisierung würden die deutschen Schicksale im allgemeinen Bedauern verschwimmen.

          Falls das die Rechnung war, ging sie nicht auf. Im Gegenteil: Die Verbindung des Gedenkens schafft ein neues Verständnis für das, was geschah und geschieht – damals den Deutschen, heute Syrern oder Yeziden. Sie ist für die Vertriebenenverbände außerdem eine Gelegenheit, sich und ihre Anliegen in anderem Licht zu präsentieren, herauszukommen aus der Ecke des Gestrigen.

          In Charta der Vertriebenen nichts von Holocaust

          Ewig hat es gedauert, ehe es der früheren Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach gelungen ist, im Gedenkkalender einen Platz zu reservieren. Eigentlich sollte es ein Tag im August sein, an dem ihr Verband 1950 die „Charta der Vertriebenen“ beschlossen hat. Darin verzichteten Schlesier, Ostpreußen und andere Landsmannschaften feierlich auf Rache und Vergeltung. Sie durchbrachen damit die Zyklen der Gewalt im östlichen Europa. Aber in der Charta stand nichts von Kriegsschuld und Holocaust. Stattdessen nannten sich die Vertriebenen die „vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen“.

          Mit dieser Deutung war im Bundestag keine Mehrheit zu gewinnen. So kam es zur Verschiebung auf den Weltflüchtlingstag. Eine gute Wahl. Wie gut, das zeigt schon die Geschichte der UN-Organisation, die diesen Tag ausgerufen hat. Denn das Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) wurde 1950 gegründet, um gerade in Deutschland Heimatlosen zu helfen. Das UNHCR unterstützte damals rund 250.000 Menschen, die etwa als ausländische Zwangsarbeiter in der deutschen Rüstungsindustrie geschuftet hatten und danach nicht mehr nach Hause konnten. Sie waren Opfer des Krieges, wie die mehr als zwölf Millionen deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Was sich ab dem Winter 1944 in deren Heimat zugetragen hatte, fand in der neuen West-Identität der jungen Bundesrepublik nur Nischenplätze. Die barbarischen Gemetzel und Vergewaltigungen, der Verlust von Heimat und Besitz galten als Beiwerk der Niederlage. In der DDR wurde es praktisch verboten, darüber zu reden.

          In der Bundesrepublik war es auch nicht viel besser: Wer um 1980 wagte, verlorene deutsche Städte noch bei ihren Namen zu nennen, störte den Betriebsfrieden des Weststaates. Aus Breslau wurde das polnische Wroclaw, aus Königsberg das russische Kaliningrad. Beinahe hätte man selbst die DDR als Sowjetkolonie anerkannt. Wo die Schneekoppe liegt oder Kurland, das wussten nur noch wenige. Warum war das so?

          Westdeutsche nahmen Vertriebene wenig herzlich auf

          Es gibt viele Gründe: Schuld und Scham waren übermächtig. Die totale Niederlage verbot es, die eigenen Verluste zu beweinen. Um des Friedens willen fügten sich die Vertriebenen in ihr Schicksal und kämpften um ihre Integration. Anders als die westdeutsche Legende es fabuliert hat, war das kein rührendes Gemeinschaftswerk nationaler Verbundenheit. Die neue Umgebung war, wie der Historiker Andreas Kossert es vor ein paar Jahren erst formuliert hat, „kalte Heimat“.

          Statt herzlicher Willkommenskultur erwarteten die Leute von den elenden Trecks und den überfüllten Flüchtlingsbooten oft Feindseligkeit und harte Herzen. Viele lebten im Westen ja selbst in Ruinen.

          Werden Vertriebene und Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, dereinst auch von solchen Erfahrungen sprechen? Das „kulturelle Fluchtgepäck“, wie Steinbach nennt, was im Kopf und in den Herzen mitgebracht wurde, interessierte damals nur wenige. Gedenksteine, Heimatstuben und die immer spukhafter wirkenden Treffen von „Landsmannschaften“ bewahrten Identitätssplitter. Mehr nicht.

          Aber noch heute fühlen Kinder und Enkel eine ideelle Verbindung zum historischen Raum ihrer Vorfahren, gehen auf Spurensuche und finden einen Teil ihrer selbst. Wer davon weiß, hat auch ein Gespür für das, was Vertriebene und Flüchtlinge unserer Tage zurücklassen. Jeder fünfte Deutsche hat Vorfahren aus Pommern, Schlesien, Ostpreußen oder der Bukowina. Flüchtlinge und Vertriebene haben unser Land wesentlich mit aufgebaut. Diejenigen, die jetzt zu uns kommen, sollten auf Verständnis hoffen können.

          Vertreibung trifft alle gleich hart, egal von welchem Kontinent oder aus welchem Dorf man kommt. Deshalb war es gut, dass zum ersten Tag des Gedenkens an Flucht und Vertreibung im Deutschen Historischen Museum nicht nur eine Sudetendeutsche und der Bundespräsident sprachen, sondern auch eine Heimatvertriebene unserer Tage: Asma Abubaker Ali aus Nordafrika.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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          Quelle: F.A.S.

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