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Gedenktag 9. November : Unter den deutschen Farben

Rosen zwischen Mauerresten: Erinnerung an den 29. Jahrestag des Mauerfalls am Mauerdenkmal Bernauer Straße in Berlin. Bild: dpa

Zu lange ist das Bedürfnis nach nationaler Selbstvergewisserung verunglimpft worden. Es ist gut, dass der Bundespräsident an einem 9. November dem aufgeklärten Patriotismus das Wort redet.

          Revolution, Putsch, Pogrom, Freiheit, Einheit – kein zweites Datum steht so für die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts wie der 9. November. Der Bundespräsident erinnerte im Reichstagsgebäude, das steinerner Zeuge dieser zerklüfteten Vergangenheit ist, an die Hoffnungen, den Schrecken und das Glück, die den 9. November zu einem besonderen Tag für die deutsche Nation machen. Ihr hellster 9. November war der des Jahres 1989. Auf ihn können die damaligen DDR-Bürger vorbehaltlos stolz sein. Doch auch die Revolution von 1918, das „Stiefkind der deutschen Demokratiegeschichte“, verdient die kritische Anerkennung, die Steinmeier ihr zukommen ließ. Für die „schwierigste und schmerzhafteste Frage“ zur deutschen Vergangenheit, wie aus dem Aufbruch in die Demokratie ein Marsch in die Diktatur werden konnte, hatte aber auch er keine einfache Antwort.

          Die können nicht einmal jene geben, deren Politik aus wenig anderem als aus einfachen Antworten auf komplizierte Fragen besteht. Zu leicht könnte es zu Déjà-vu-Erlebnissen kommen. Viele und vieles hatten Hitlers Aufstieg ermöglicht. Doch ohne die Verachtung des Weimarer „Systems“ und seiner Repräsentanten wäre er nicht möglich gewesen. Was aber wäre heute möglich, mit all dem Wissen, was nach 1918 und vor allem nach 1933 geschah? Wohl kaum eine Wiederholung dieser Schreckensgeschichte. Doch nicht auch Unheil, das kleiner, aber dennoch schon Unheil wäre? Der Nationalismus ergreift wieder Besitz von den Köpfen und Konzepten, in Amerika, in Europa, in Deutschland.

          Auch er kommt freilich nicht aus dem Nichts. In Deutschland ist das Bedürfnis nach Heimat und nationaler Selbstvergewisserung, von dem auch Steinmeier spricht, zu lange zu einer politischen Krankheit erklärt worden. Zu lange, bis zur Fußball-WM 2006, wurde das Zeigen der Farben Schwarz-Rot-Gold in Verkennung ihrer Geschichte als reaktionär gebrandmarkt. Selbst die CDU tauschte sie gegen ein nichtssagendes Orange ein. Es ist gut, dass Steinmeier die deutschen Farben nicht länger nationalistischen Scharfmachern überlassen will, sondern in ihnen die Standarte eines aufgeklärten Patriotismus sieht. Unter ihr kann jeder wahre Patriot nur dem Beispiel des Bundespräsidenten folgen und in den Ruf einstimmen, der schon vor hundert Jahren durch Berlin schallte: Es lebe die deutsche Republik! Es lebe unsere Demokratie!

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