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Geburtenrate Im Fieber

30.12.2011 ·  Ein Kind unehelich zu bekommen ist kein Makel mehr. Dass 37,4 Prozent der Kinder in der EU außerhalb einer Ehe auf die Welt kommen aber deutet auf einen fiebrigen Prozess in der Gesellschaftskultur hin.

Von Georg Paul Hefty
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Die Statistik ist nicht der Spiegel, sondern das Fieberthermometer der Wirklichkeit. Dass 37,4 Prozent der Kinder in der Europäischen Union außerhalb einer Ehe auf die Welt kommen, besagt eigentlich nichts, zumindest nichts Schlimmes. Und auch die Auskunft, dass zwei Jahrzehnte zuvor 17,4 Prozent der Kinder nichtehelich geboren wurden, besagt nicht, dass die Verhältnisse damals weitgehend noch in Ordnung gewesen seien, während sie es heute nicht seien.

Die wahre Bedeutung des jüngsten Befundes liegt nicht in der Wiedergabe eines Ist-Zustandes, sondern in seiner Aussagekraft über eine untergründige Entwicklung der Gesellschaft, deren Folge noch nicht einzuschätzen ist: Werden die Individuen in Europa und die europäische Gesellschaft dadurch insgesamt gesehen stärker oder schwächer?

Die erste Antwort ist rundum positiv: Offenbar ist die Aussicht auf die uneheliche Geburt ihres Kindes für viele Schwangere kein wirklicher Anlass mehr - wie in vielen Jahrzehnten davor -, in einen Schwangerschaftsabbruch zu fliehen.

Wird die Gesellschaft stärker oder schwächer?

Das Kind unehelich zu bekommen ist kein Makel mehr, und er kann damit auch nicht mehr gegen das Leben des Kindes ins Gewicht fallen. Die Zunahme der innerfamiliären und der allgemeinen Toleranz stärkt also die Frauen und ihre ungeborenen Kinder und damit die Gesellschaft. Um dies zu einem vollen Erfolg zu machen, muss aber die Gleichgültigkeit an manchen Stellen noch zum Verständnis und zur strukturellen Hilfe für die vielleicht Alleinerziehenden heranwachsen.

Eine zweite Antwort ist allerdings nicht so positiv, sondern deutet auf einen fiebrigen Prozess in der europäischen Gesellschaftskultur hin. Viele "unehelich Gebährende" sind gar nicht alleinerziehend, sondern schlicht rechtlich, nicht aber tatsächlich alleinstehend. Mit ihrem Partner pfeifen sie auf die religiöse, bürgerliche und staatliche Lehre, dass eine dauerhafte Geschlechtsgemeinschaft sich durch das Eingehen einer Ehe zu legitimieren und zu legalisieren habe.

Dies mag man als Beweis der Selbständigkeit der Frauen loben, als Zeichen der Bindungsscheu oder des Bindungsunwillens bedauern und wegen der sich so ergebenden Unübersichtlichkeit der Kinderzeit beklagen. Die weltbewegende Frage aber lautet: Werden die Familien und die Gesellschaft Europas dadurch stärker oder schwächer im globalen Vergleich - und was wird daraus über die Jahrzehnte folgen?

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Jahrgang 1947, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Zeitgeschehen“.

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