Home
http://www.faz.net/-gpf-16j5a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gazastreifen Saddam und das goldene Nadelöhr

30.05.2010 ·  Nicht alle Menschen in Gaza leiden unter der israelischen Blockade - die Hamas und findige Geschäftsleute profitieren. Durch die Tunnel nach Ägypten schmuggeln sie sogar Pferde und Autos.

Von Hans-Christian Rößler, Gaza-Stadt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Saddam lässt sich nicht aufhalten. Kaum ist der graue Araberhengst aus dem Stall, prescht er über den Reitplatz und wirbelt den Sand auf. „Er ist einfach verrückt und macht, was er will. Deshalb habe ich ihn nach dem irakischen Präsidenten Saddam benannt“, sagt Mamon Khozendar stolz. Der dreijährige Saddam ist das teuerste Pferd im Stall des Unternehmers mit dem gepflegten grauen Bart. Auch die Blicke der anderen Gäste im Schatten der großen Sonnensegel des „Al Faisal“-Reitclubs folgen den Sprüngen und Volten des muskulösen Hengsts. Der Rasen zu ihren Füßen ist üppig grün, in der Ferne glänzt blau das Mittelmeer, während sie an einer eisgekühlten Cola nippen. Nur der Lärm der Baustelle nebenan stört. Aber rechtzeitig zum Beginn der Sommersaison werden auch die Rutschen und Planschbecken des „Crazy Water Park“ fertig sein. Er soll noch mehr Attraktionen bieten als das „Aqua Land“ nebenan.

Wer kurz hinter Gaza-Stadt von der Küstenstraße Richtung Ägypten auf die schmale Sandpiste abbiegt, ist auf einmal in einem anderen Land. Unten am Meer fahren klapprige Eselskarren an den Ruinen der von der israelischen Luftwaffe zerbombten Häuser vorbei. Nur wenige hundert Meter entfernt entsteht ein Freizeitpark, in dem es an nichts zu mangeln scheint - zumindest Khozendars Pferden nicht. Luftig sind ihre Boxen und größer als die Zimmer der Behelfsunterkünfte, mit denen bis heute manche Familie vorlieb nehmen muss, deren Haus im Krieg vor eineinhalb Jahren zerstört wurde. „Nur 500 Schekel kostet ein Platz in meinem Pferde-Hotel. So billig können Sie ein Pferd nicht selbst versorgen“, rechnet der Unternehmer Khozendar vor. 500 Schekel sind knapp hundert Euro - so viel wie den ärmsten Familien in Gaza nach Angaben von Hilfsorganisationen jeden Monat zum Leben haben. Sechzig Pferde wohnen in den neuen Ställen. Mehr als 20 davon besitzt alleine Khozendar, der seinen Reitclub aus den wiederverwerteten Überresten von Kriegsruinen gebaut hat.

Sie sind groß genug für Pferde

„Ich wollte den Menschen einen Platz zum Atmen geben“, sagt der Bauunternehmer. Er verlangt keinen Eintritt und freut sich, dass 200 Menschen regelmäßig zum Reiten kommen. Nur mit seinen Pferden ist er noch nicht zufrieden. „Ich habe sechs Springpferde in Kairo bestellt. Sie kommen nächste Woche“, berichtet er, als wäre das ein alltäglicher Einkauf. Doch der Gazastreifen ist seit 2007 komplett abgeriegelt. Nur Güter, welche die Menschen zum Überleben brauchen, lassen die Israelis über ihre Übergänge. Darauf will auch die bislang größte internationale „Solidaritätsflotte“ hinweisen, mit der Nichtregierungsorganisationen derzeit die israelische Seeblockade zu durchbrechen versuchen. Aber findige Unternehmer wie Khozendar und die regierende Hamas haben längst andere Wege gefunden. Sie verdienen nicht schlecht mit all dem, was den 1,5 Millionen Einwohner fehlt.

Hunderte von Tunnels führen unter der ägyptischen Grenze nach Gaza. Sie sind groß genug für Pferde und allemal für die Pumpschläuche, durch die das Benzin fließt, das Khozendars Tankstellen in Gaza verkaufen. „Ich kaufe natürlich nur auf unserer Seite der Grenze“, sagt der Bauunternehmer spitzbübisch. Weil immer noch nicht genug Zement, Glas und Stahl für den Wiederaufbau nach Gaza kommen, leben Unternehmer nun vom Importgeschäft. Mit den geschmuggelten Gütern lassen sich gute Geschäfte machen, von denen auch die herrschende Hamas profitiert: Nachdem sie schon länger Abgaben von den Tunnelbetreibern verlangt, hat sie angefangen, auch Steuern auf Benzin zu erheben. Khozendars gute Laune kann das nicht trüben: „Die Kosten trägt der Endverbraucher, nicht ich.“

Alles ist nur eine Frage des Preises

Wenn die Menschen in Gaza-Stadt einkaufen gehen, stehen sie in den Läden meist vor gut gefüllten Regalen; die neuesten Apple-Computer und sogar neue Autos können sie bestellen. Alles ist nur eine Frage des Preises und des eigenen Budgets. Das ist in den meisten Familien so knapp, dass sie sich nur Träume leisten können: Achtzig Prozent sind nach Zählungen der Vereinten Nationen in Gaza arm, mehr als vierzig Prozent haben keine Arbeit. Ihnen tun auch die neuen Steuern weh, welche die Hamas nicht nur auf Benzin, sondern auch auf Zigaretten erhebt. Bilal Habusch bekam das schon viel länger zu spüren. „Würde uns der Laden nicht selbst gehören, hätten wir schon schließen müssen. Oft reichen unsere Einnahmen nur, um die Kosten zu decken.“ In der belebten Omar-Muchtar-Straße, an der sein kleiner „Supermarkt“ liegt, mussten schon die ersten Läden schließen. Nachdem die Hamas vor gut drei Jahren gewaltsam die Macht übernommen hatte und die israelische Blockade begann, hätten sich seine Einkünfte halbiert, klagt Habusch. Die Leute könnten sich immer weniger leisten - „und jetzt kauft auch fast keiner Zigaretten mehr“. Kostete früher eine Schachtel durch die Tunnel geschmuggelter ägyptischer Zigaretten fünf Schekel (knapp ein Euro), sind es mit der Steuer jetzt acht Schekel. Eigentlich raten die Islamisten guten Muslimen nicht nur aus Gesundheitsgründen ganz vom Rauchen ab. Mit der Steuermarke auf der Schachtel seien Zigaretten auf einmal „halal“, spottet man in Gaza; „halal“ sind Nahrungsmittel, die Muslime konsumieren dürfen.

Der Pragmatismus der herrschenden Islamisten hat jedoch einen tieferen Grund und der scheint sich bereits auszuzahlen: Zum ersten Mal nach mehreren Monaten erhalten die rund 35.000 Angestellten der Regierung ihre Juni-Gehälter wieder pünktlich und ungekürzt. In den Monaten davor war die Hamas-Regierung bei den Zahlungen in Verzug geraten, weil offenbar das Geld knapp wurde. Die neuen Steuern halfen offenbar, die Kassen wieder zu füllen. Nach Einschätzung des palästinensischen Wirtschaftswissenschaftlers Omar Schaban war diese Finanzkrise nicht zu verhindern. „Allein in den vergangenen drei Jahren stellte die Hamas-Regierung mehr als 30.000 Menschen neu an. Keine Regierung auf der Welt hat soviel Geld, um einen solchen Zuwachs in solch kurzer Zeit zu verkraften“, sagt der Vorsitzende des unabhängigen Beratungsinstituts „Pal Think“ in Gaza.

Ein Extra-Tunnel für Luxusautos

Laut dem Haushaltsplan will die Regierung 50 Millionen Dollar durch Steuern einnehmen, die restlichen 490 Millionen sollen aus Spenden kommen - woher, das lässt sie offen: „Das Problem der Hamas ist nicht fehlendes Geld, sondern wie sie es nach Gaza bekommt“, glaubt Schaban. Da die Hamas im Westen als Terrororganisation eingestuft ist, arbeiten die Banken nicht mehr mit ihr zusammen. Und seit sie sich auch noch mit der ägyptischen Regierung überworfen hat, schauen die Beamten des Nachbarlandes nicht mehr wie früher weg, wenn Mitglieder der Organisation das Geld kofferweise über den ägyptischen Übergang in Rafah oder durch die Tunnel schleppten. Den finanziellen Kollaps müssen die Islamisten nach Schabans Ansicht dennoch nicht befürchten: Dafür hätten sie im Ausland noch genug zahlungskräftige Freunde.

Bauunternehmer Khozendar spart in seinem neuen Reitclub nicht. Er hat sich sogar einen Maler geleistet, der gerade die Stallwände mit lebensgroßen Bildern springender Pferde versieht. Doch damit endet Khozendars Liebe zur Kunst auch schon. Wie die anderen Reichen in Gaza interessiert er sich mehr für lebende Tiere oder schnelle Autos: Heute habe er den BMW seiner Frau genommen, aber am liebsten fahre er seinen Mercedes, sagt Khozendar. Für Luxusautos gebe es einen Extra-Tunnel unter der ägyptischen Grenze, erzählt man sich in Gaza-Stadt. Aus Angst vor einem israelischen Luftangriff öffne ihn sein Besitzer aber nur einmal im Jahr. Dann lasse er bis zu 200 teure Wagen hintereinander durchfahren.

„Dialogpunkt Deutsch“

Auf der Straße vor dem unscheinbaren Wohnhaus mitten in Gaza-Stadt parken keine Luxuslimousinen. „Windows from Gaza for Contemporary Art“ heißt die kleine Galerie. Die umgebaute Wohnung im Erdgeschoss gehört nicht zu den Treffpunkten für die Einwohner Gazas, die es sich leisten könnten, Bilder zu kaufen. Nur zwei private Galerien gibt es in Gaza-Stadt. „Für Kunst hat hier schon vor dem Krieg kaum jemand Geld ausgegeben. Viel schlimmer für uns ist, wie wir hier von der Außenwelt abgeschnitten sind“, sagt Scharif Sarhan, der sein schwarzes Haar zu einem Zopf zusammengebunden hat. Seinen Lebensunterhalt verdient er bei den Vereinten Nationen in Gaza. In der verbleibenden Zeit malt, filmt und organisiert er zusammen mit seinen Künstlerkollegen von der „Windows“-Galerie. Für Mitte Juni haben sie ein Videokunstfestival geplant. Das Internet ist für die Gruppe zu einem kleinen Fenster geworden, durch das sie wenigstens virtuell Gaza verlassen können. Denn für ihre Bilder bleiben die Grenzen ebenso verschlossen wie für gute Farben und Zeichenpapier. Nur manchmal nehmen Diplomaten ihre Gemälde in ihren Dienstwagen mit über den israelischen Kontrollpunkt. Schon jahrelang durften Sarhan und seine Freunde nicht einmal zu Ausstellungen und Workshops ins palästinensische Westjordanland fahren. Videofilme und ihre digitalen Installationen können dagegen übers Internet problemlos die israelische Blockade überwinden.

Ähnlich schwer wie Aquarelle und Ölbilder haben es Bücher. Die israelische Regierung hält auch sie nicht für überlebenswichtig. Und so trifft die Abriegelung, die verhindern soll, dass die Hamas wieder aufrüstet und helfen soll, sogar Kinderbücher. Das bekam auch das Goethe-Institut zu spüren: In einem Nebenraum der städtischen Bibliothek sollte ein „Dialogpunkt Deutsch“ mit einer kleinen deutschsprachigen Bücherei entstehen. Den deutschen Mitarbeitern des Goethe-Instituts blieb nichts anderes übrig, als ihr gepanzertes Auto über Monate mit Diplomaten-Kennzeichen mit Büchern vollzupacken und so die Bibliothek aus Israel nach Gaza zu bringen; Fahrzeuge von Diplomaten durchsuchen die israelischen Grenzbeamten nicht.

Statt Lesestoff und Malfarben haben die Schiffe der internationalen „Solidaritätsflotte“ vor allem Baumaterial und Medikamente an Bord. Der Maler Scharif Sarhan ist trotzdem nicht enttäuscht. „Selbst wenn es nicht alle Schiffe bis hierher schaffen, haben sie schon jetzt dafür gesorgt, dass die restliche Welt die israelische Blockade nicht vergisst“, hofft der Künstler.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 4