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Gazastreifen : Die Suche nach der letzten Rakete

Panzer nahe Gaza - Beginnt bald die Bodenoffensive? Bild: AFP

Mittlerweile hat Israel die meisten Ziele im Gazastreifen zerstört, die zu Beginn der Offensive bekannt waren. Doch die Hamas kämpft längst aus unterirdischen Stellungen.

          Die israelische Armee begnügte sich nicht nur mit Appellen an die Bevölkerung im äußersten Norden des Gazastreifens. Ungenannte Militärs erinnerten am Sonntag an Dahijeh. So heißt der südliche Stadtteil von Beirut, den die israelische Armee im Libanon-Krieg im Sommer 2006 in Schutt und Asche legte. Dort hat die schiitische Hizbullah-Miliz eines ihrer Hauptquartiere. „Wir werden Sajaijeh in Dahijeh verwandeln“, zitierte am Sonntag die israelische Zeitung „Maariv“ eine Armeequelle, die auf die Gegend in Gaza anspielte, aus der die meisten Raketen mit großer Reichweite abgefeuert wurden - je weiter die Startrampen im Norden Gazas liegen, desto weiter entfernte Ziele können sie in Israel erreichen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nach sechs Tagen mit mehr als 1300 Luftangriffen hat die israelische Armee die nächste Eskalationsstufe begonnen. Mit Flugblättern, Textnachrichten und Telefonanrufen forderte die israelische Armee seit Samstagabend die Einwohner des nördlichen Gazastreifens dazu auf bis Sonntagmittag, ihre Häuser zu verlassen. Man werde „Terroristen und ihre Infrastruktur“ in der Gegend angreifen. Alleine in der Stadt Beit Lahija leben mehr als 70.000 Menschen, von denen sich viele in UN-Schulen in Sicherheit brachten.

          Spezialkommando landet in Gaza

          Ein erster Strategiewechsel hatte sich aber schon am frühen Morgen abgezeichnet, als zum ersten Mal ein Spezialkommando der israelischen Marine in Gaza landete - angeblich um Abschussrampen für Raketen mit größerer Reichweite zu zerstören. Bei ihrem Rückzug wurden vier Soldaten in einem Gefecht verletzt und nach Berichten aus Gaza drei Hamas-Kämpfer getötet. Dieser Einsatz verdeutlicht, dass die Luftwaffe an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angekommen ist. Man habe die „meisten Ziele“ beschossen, die man vor dem Beginn der Offensive identifiziert habe, sagt ein ranghoher Armeevertreter. An neuen Zielen mangele es gleichwohl nicht. Zugleich gesteht er ein, dass sich die Hamas nicht alleine durch Luftangriffe entwaffnen lasse. Nach israelischen Erkenntnissen verfügen die Gruppe und ihre lokalen Verbündeten sechs Tage nach dem Beginn der Militäroffensive noch über Tausende von Raketen. Darunter sind Hunderte, die Großstädte wie Tel Aviv und Jerusalem erreichen können.

          Viele davon sind offenbar mitten in Wohngebieten versteckt. Zum Beweis führen israelische Militärs gerne ein Video vor. Ursprünglich sollte das Haus eines Brigade-Kommandeurs der Hamas getroffen werden, der in seiner Wohnung nach israelischen Erkenntnissen eine Einsatzzentrale unterhielt. Auf dem Film ist zu sehen, wie kurz nach dem israelischen Bombardement mehrere viel größere Explosionen folgen. Man vermutet, dass sie von Raketen oder Sprengstoff hervorgerufen wurden, die in dem von mehreren Familien bewohnten Gebäude lagerten. Die islamistische Hamas schreckt offenbar nicht einmal davor zurück, Raketen in Moscheen zu verbergen. Am Samstag zerstörte die israelische Luftwaffe mit dieser Begründung eine Moschee im Flüchtlingslager von Nuseirat.

          Am Strand und in den Feldern am östlichen Rand des Gazastreifens hat die Hamas offenbar regelrechte Raketenbatterien vergraben. Israelische Luftangriffe auf einzelne Raketenwerfer am unbebauten Rand des Gazastreifens setzten großflächige Kettenreaktionen in Gang, da die unterirdischen Stellungen durch Tunnel mit zahlreichen weiteren Abschussrampen und Lagerräumen verbunden waren. Die Hamas macht daraus gar kein großes Geheimnis. In Propagandafilmen, die im Internet zu sehen sind, zeigt sie, wie sich unter Pflanzen und in Sanddünen versteckte Luken öffnen, vermummte Kämpfer Raketen abfeuern und durch ein Netz von Tunneln verschwinden. In dieses unterirdische „zweite“ Gaza würden sich die islamistischen Kämpfer bei einem Einmarsch zurückziehen und aus diesem Hinterhalt israelische Soldaten angreifen.

          Explosion nach einem Angriff auf den nördlichen Gazastreifen am Sonntag Bilderstrecke
          Explosion nach einem Angriff auf den nördlichen Gazastreifen am Sonntag :

          Bei ihren Angriffen auf Waffendepots und Kommandozentralen hat die israelische Armee nach UN-Angaben mittlerweile 750 Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Mehrere tausend Menschen sind obdachlos. Dieser Häuserkampf gefährdet auch die Zivilisten, die dort leben. Bis zum Sonntagabend kamen in Gaza nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums mehr als 160 Menschen ums Leben, mehr als tausend wurden verletzt. Das UN-Nothilfebüro Ocha schätzt, dass 70 Prozent der Todesopfer Zivilisten sind. Damit wurden im Juli 2013 schon so viele Menschen in Gaza getötet wie bei der acht Tage dauernden Militäroffensive im November 2012.

          „Anklopfen“ mit ungefährlicher Munition

          Die israelische Armee beharrt darauf, dass sie alles tue, um unbeteiligte Zivilisten zu verschonen. „Wir geben Ziele auf, wenn wir Kollateralschaden befürchten“, sagt ein ranghoher Militärvertreter. „Hunderte“ Angriffe seien deshalb schon verschoben oder abgebrochen worden. Zudem versuche man die Bewohner durch Anrufe und Textnachrichten zu warnen. Nach einigen Minuten folgt dann noch ein Warnschuss auf das Gebäude mit ungefährlicher Munition; „anklopfen“ heißt das im Militärjargon. Trotzdem wurden am Samstagmorgen wurden zwei Bewohnerinnen einer Behinderteneinrichtung in Beit Lahia getötet. Beim Bombardement des Hauses des Polizeichefs von Gaza starben am Abend 18 Menschen, von denen einige gerade eine nahegelegene Moschee verließen.

          Selbst israelische Militärs geben zu, dass nur Politiker die jüngste Runde des Konflikts beenden können: „Soldaten können nach der letzten Rakete suchen, aber das würde sehr lange dauern.“ Ausländische Politiker verstärkten am Wochenende ihre Bemühungen um ein Ende der Gewalt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird an diesem Montag in Jordanien und am Dienstag nach Israel sowie in die Palästinensergebiete fahren. Auch die italienische Außenministerin Frederica Mogherini, deren Land die EU-Ratspräsidentschaft innehat, wird sich am Dienstag dort aufhalten.

          Quelle: FAZ.NET

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