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Gazastreifen Den Großmächten zum Trotz

15.06.2007 ·  Israel, der Westen und die Araber haben ihren Anteil am palästinensischen Bruderkrieg - sie stärkten der Fatah den Rücken, dachten sogar über militärische Hilfe für die Kräfte von Präsident Abbas nach. Deshalb hat der militante Teil der Hamas nun losgeschlagen.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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Das Telefongespräch nach Gaza wird immer wieder unterbrochen: „Hörst du die Schüsse?“ Sie sind unüberhörbar. Abu Khader hat seit Tagen Angst. Immer wieder ruft er an, und sei es nur, um vergeblich seine Fotos anzubieten. Sie sind alt.

Sie berichten nicht aktuell über das alltägliche Grauen im Gazastreifen, denn der Pressefotograf geht kaum noch auf die Straße. „Meine Nachbarn gehören zu den 15.000 Palästinensern, die den Gazastreifen verlassen haben.“ Er selbst könne wegen des Großvaters nicht gehen. Er könne mit ihm nicht tagelang am Rafah-Terminal warten, bis irgendwann die Grenze nach Ägypten aufgehe. Wieder sind laute Schüsse zu hören.

Schüsse auf „feindliche Journalisten“

Fast alles, was die Journalisten dieser Tage schreiben, kommt aus zweiter Hand. Kaum noch wagt sich ein westlicher Berichterstatter in den Gazastreifen, seit im Frühling der britische Reporter Johnston entführt wurde. Die palästinensische Presse aber ist gespalten - zwischen den Journalisten, die für die islamistische Hamas eintreten, und den Fatah-Befürwortern.

Deren Wortmeldungen werden in den letzten Tagen karger. Angst macht sich breit, nachdem die Hamas nicht nur auf Sicherheitskräfte der Fatah schießt, sondern auch „feindliche Journalisten“ im Visier hat. Auch die israelischen Sicherheitsdienste verbreiten heute vor allem Informationen, bei denen im Hintergrund die Vorstellung mitspielt, die israelische Besatzungsmacht trage keine Mitverantwortung an dem Gemetzel im Gazastreifen, dem bisher etwa 70 Menschen zum Opfer fielen.

Offiziell der Gewalt abgeschworen

Tatsächlich haben die Israelis im Vorspiel zu diesem Krieg genauso eine Rolle gespielt wie die westlichen oder die arabischen Staaten, mit Ägypten und Saudi-Arabien an der Spitze. Seit dem Wahlsieg der Hamas Anfang 2006 unterstützten diese Mächte nicht den Wahlsieger, obwohl sie für demokratische Wahlen eingetreten waren, sondern den Verlierer - die Fatah-Bewegung von Präsident Abbas.

Die Hamas blieb freilich auch ideologisch in der Opposition, wollte sich nicht an die Vertragsgrundlage von Oslo binden, an die Grundlage für die palästinensische Autonomiebewegung, die es nur gibt, weil die PLO Israel anerkannt und offiziell der Gewalt abgeschworen hat. Israel und der Westen belegten darum Hamas mit Boykott und versuchen seither, den Wahlverlierer Fatah zu stärken.

Frist zu Selbstfindung und Stärkung

Das freilich ist misslungen. Künstlich erscheint im Nachhinein der Versuch der saudischen Führung, im März in Mekka Hamas und Fatah zu einer Waffenruhe zu bewegen und eine nationale Koalition zu schaffen. Sie sollte aus der palästinensischen Führung einen Partner bei Friedensverhandlungen über den Endstatus machen. Diese Verhandlungen lehnt Israel freilich derzeit ab.

Die Fatah verband mit dem Mekka-Vertrag auch die Hoffnung auf eine Frist zu Selbstfindung und Stärkung. Die gemäßigten Kräfte der Hamas stimmten gegen den Widerspruch des militärischen Arms und einiger bisheriger Minister für den Mekka-Vertrag, weil damit der Exilführer der Hamas, Meschal, seinen Machtanspruch festigen konnte und allgemein die Hoffnung bestand, der Vertrag werde den Boykott brechen können.

Mit jedem Tag, mit dem es der nationalen Regierung nicht gelang, den Westen zu ihrer Anerkennung und zum Ende des Boykotts zu bringen und Israel zur Aufnahme eines direkten Dialogs mit dieser Regierung - aus Fatah, den Unabhängigen und Hamas - zu bewegen, wurde die Gefahr größer, dass es sich die Gegner jeder politische Kooperation in der Hamas erlauben konnten, gegen den Mekka-Vertrag vorzugehen.

Gezielte Tötungen und begrenzte Vormärsche

„Hörst du draußen wieder die Schüsse?“ Abu Khader ist nervös. Er will seit Stunden mit dem Wagen zum Einkaufen fahren. Denn in der Nachbarschaft sind alle Läden verrammelt. Aber er traut sich nicht. „Warum sollten eigentlich die El-Kassem-Brigaden der Hamas noch stillhalten? Sie waren stets gegen Mekka, und als die Bevölkerung begriff, dass Mekka nichts bringt, schossen sie los.“

Freilich war nicht von vornherein klar, wer wirklich die stärkste Kraft im Gazastreifen ist. Mit Raketen auf die israelische Stadt Sderot testete die Hamas ihre Stärke. Als sie begriff, dass die Fatah zu schwach war, etwas gegen den Kassem-Beschuss zu tun und und einige radikale Fatah-Kräfte selbst zu schießen anfingen, witterten die militanten Hamas-Kämpfer Morgenluft.

Die israelischen Reaktionen, gezielte Tötungen und begrenzte Vormärsche in den Gazastreifen, trafen die Hamas so stark, dass sie sich als Opfer gerieren konnte und der allgemeinen Solidarität der palästinensischen Bevölkerung sicher war. In dieser Lage konnten die interfraktionellen Kämpfe für einen Moment lang ruhen. Hamas und Fatah gingen dann einen ihrer sieben bisher geschlossenen Waffenstillstände ein - freilich nur, um neue Kräfte zu sammeln.

Polizeikräfte leben seit Monaten ohne regulären Lohn

Abu Khader, der früher immer behauptet hatte, er interessierte sich kaum für Politik, erweist sich plötzlich als parteiisch: „Die großen Kämpfer der Fatah, vor allem Sicherheitsberater Dahlan, haben immer den Eindruck vermittelt, wir könnten frei denken und uns unter seinem Schutz geborgen wissen. Doch Dahlan ist seit vielen Wochen im Ausland. Er hat uns im Stich gelassen.“ Wieder sind Schüsse zu hören. „Wir halten uns nur noch in Zimmern auf, die keine Fenster zur Straße haben“, sagt Abu Kahder. Es sind in den letzten Tagen schon Frauen und Kinder umgekommen, weil sie aus dem Fenster blickten.

Dahlan kam wohl auch nicht zurück, weil zwei seiner Hauptverbündeten, Abu Schabak und Samir Masharawi, ausfielen. Nachdem sechs seiner Personschützer von der Hamas getötet worden waren, zog die Familie Abu Schabak ins Westjordanland. Von Masharawi war lange nichts mehr zu hören, er ist wohl auch weggezogen. Überhaupt waren die Fatah-Kräfte nie so gut organisiert und ausgerüstet wie die Hamas.

Viele der mit der Fatah verbundenen Polizeikräfte leben seit Monaten ohne regulären Lohn. Die Hamas hingegen konnte sich über die Tunnel unter der Philadelphi-Route zwischen Gazastreifen und Ägypten mit Nachschub versorgen und womöglich auch mit Personal: Längst wird vermutet, iranische Sondertruppen oder Terroristen aus dem Netz von Al Qaida stünden hinter der zunehmenden Gewalt der Hamas.

Furcht vor Verstärkung der Fatah

Während sich Hamas laufend neu versorgte, wurde über die Stärkung der Fatah fast nur geredet. Das aber schadete der Fatah, denn es wurde über amerikanische Waffen und eine amerikanische Schulung für Fatah-Kämpfer gesprochen, über die Freigabe von palästinensischen Zoll- und Steuergeldern durch Israel zum Aufbau der Fatah-treuen Truppen. Dadurch sahen sich viele in der Hamas unter Zeitdruck.

Sie fürchteten die Verstärkung der Fatah und wollten vorher losschlagen. Als die gemäßigten Hamas-Kräfte unter Ministerpräsident Hanija sahen, dass ihnen die Führung entglitt, als noch nicht einmal mehr vermittelnde Worte von Exilführer Meschal aus Damaskus dazu beitrugen, den „Frieden von Mekka“ zu wahren, da entschieden sich Hanijas Leute wohl dafür, lieber nur Hamas-Mitglieder zu sein als Kollaborateure der Fatah.

„Andere Nachbarn sind längst blank

Hier kommt Israel wieder ins Spiel, das gerade bei der Festnahme von Hamas-Politikern nicht zwischen Dialogpartnern und Fundamentalgegnern unterscheidet. Scheich Jussef im Westjordanland, der seit Jahren die Zwei-Staaten-Lösung befürwortet, sitzt seit Monaten ohne Anklage in „Verwaltungshaft“. Der jüngst wieder festgenommene Kultusminister Schaer wäre ein Ansprechpartner - für den „Frieden von Mekka“ genauso wie für einen Dialog mit Israel. Die israelischen Militärmaßnahmen stärkten so die Extremisten der Hamas, und die heimliche Hilfe für Fatah schadete nur, weil sie halbherzig war und zu gering ausfiel.

„Du darfst auch nicht vergessen, deinen Lesern mitzuteilen, dass es nicht nur um Politik und Macht geht, sondern auch um die Ehre der Familie“, sagt Abu Kader in Gaza am Telefon. „Wenn ein Clan einen Fatah-Sympathisanten verliert, weil die Hamas ihn vom 18. Stockwerk eines Hochhauses in den Tod stürzt, dann zieht eben die Fatah nach und wirft einen Hamas-Mann aus dem 12. Stock.“ Manche Clans leben davon, dass sie Waffen verkaufen und ihre Munition verschossen wird. Da gibt es auch die Familien in Rafah, die die teuren Schmuggeltunnel bauen und unterhalten, die Verbrecher, die seit einem Jahr den israelischen Soldaten Schalit festhalten, und jene, die den britischen Reporter nicht laufenlassen wollen. Ihr Tun ist womöglich nicht politisch motiviert - denn niemand konnte bisher die Freiheit der Gefangenen bewirken.

Abu Khader will das Gespräch beenden. Er muss doch auf die Straße. Wegen eines Wagens, der Wasser bringt, scheint es zu einer Feuerpause gekommen zu sein. „Wir haben immerhin noch Geld, Wasser zu kaufen“, sagt Abu Khader. „Andere Nachbarn sind längst blank.“ Abu Khader vertritt die Auffassung, dass die Israelis den Gazastreifen nur verlassen hätten, weil das Trinkwasser den Siedlern zu salzig geworden sei. „Die Siedler zerstörten unsere Wasserquellen. In das leere Vakuum der Kavernen drang Meerwasser ein, das man nur zum Zähneputzen nutzen kann.“ Abu Khaders Frau drängt ihren Mann auf die Straße: „Du hast ihm alles erzählt. Es ist schlimm genug, dass die da in Deutschland erfahren, wie wir Palästinenser einander umbringen.“

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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