25.01.2010 · Schmuggel in den Gazastreifen ist noch immer ein lukratives Geschäft, aber Ägypten geht mit größer Härte gegen Tunnelbauer vor. Seit vergangenem November baut es an einer unterirdischen Stahlwand.
Von Hans-Christian Rößler, RafahUsama gönnt der klapprigen Seilwinde keine Pause. Aus zwölf Metern Tiefe zieht der altersschwache Elektromotor eine neue Ladung mit Keramikkacheln ans Tageslicht. Generatoren dröhnen über der Zeltstadt am Rand von Rafah. Schwer beladen mit Kisten und Säcken kämpfen sich Lastwagen über die Sandpisten in Richtung Gaza-Stadt. Überall wird gegraben und gehämmert unter den Plastikplanen der Zelte, die früher einmal als Gewächshäuser dienten. Aber auf den Feldern Gazas blüht kaum noch etwas, dafür der Schmuggel durch Hunderte von Tunneln an der Grenze zu Ägypten.
Fast einen Kilometer ist der Stollen lang, an dessen Eingang Usama die Arbeiter unter der Erde über eine krächzende alte Gegensprechanlage zu noch größerer Eile antreibt. Bald wird es dunkel und nachts kommen meist die israelischen Kampfflugzeuge und bombardieren den schmalen Sandstreifen; vor wenigen Tagen haben sie nebenan nach einem solchen Angriff wieder drei Männer tot aus der Tiefe geholt. Ein neuer Grund für die neue Hektik ist gut zwanzig Meter entfernt, hinter dem ägyptischen Grenzzaun und der Mauer aus grob behauenen Steinen mit darauf angebrachten Glassplittern: Ein Kranfahrzeug rammt Metallpfeiler in den Sandboden, bewacht von ägyptischen Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag.
Zement, Raketen, Schafe und Prostituierte
Seit dem November vergangenen Jahres errichtet Ägypten entlang der 14 Kilometer langen Grenze eine unterirdische Stahlwand. Usamas Arbeiter können sich zwar noch immer ungehindert durch ihren unterirdischen Gang zwängen. Aber den gelernten Schlosser mit dem schwarzen Bart macht nervös, was er sieht und hört. „Die ersten Tunnel sind schon wegen der Vibrationen der schweren Baumaschinen eingestürzt“, berichtet er und nippt an seinem dampfenden Kaffee, während er mit der anderen Hand den Elektromotor bedient. Zeit bedeutete schon zuvor Geld in Rafah. Nun könnte die Zeit knapp werden. 250.000 Dollar hat der Tunnel gekostet, für den mehrere Familien ihre ganzen Ersparnisse zusammengelegt haben. Ist er erst einmal gegraben, verwandelt er sich im bitterarmen Gazastreifen zu einer regelrechten Goldgrube - dank den Israelis. Die israelische Armee lässt auch ein Jahr nach der Militäroffensive praktisch kein Baumaterial in das immer noch von Ruinen übersäte Gebiet, über das die Hamas herrscht; nur die nötigsten Güter für den täglichen Bedarf dürfen die beiden israelischen Übergänge für Waren und Rohstoffe passieren.
Durch die Tunnel in Rafah kommt deshalb alles, was fehlt: Zement genauso wie Raketen für die Terrorgruppen, Schafe wie Prostituierte und sogar neue Autos. Zwischen den Tunneleingängen fahren reich gewordene Schmuggler in fabrikneuen koreanischen Mittelklassewagen herum, an denen Stoßstangen noch die vorläufigen Kennzeichen für „Testwagen“ montiert sind. Die Preise für diese Importe sind hoch und steigen, seit die Ägypter auf der anderen Seite der Grenze mit ihren schweren Baumaschinen aufgefahren sind. Einen Schekel teurer ist schon der Preis für eine Schachtel ägyptischer Zigaretten, die nun umgerechnet mehr als einen Euro kostet.
Usama denkt schon weiter. „Wenn die Ägypter zumachen und es keine Arbeit mehr in den Tunnels gibt, wird es hier bald zugehen wie in Somalia“, sagt der Palästinenser. Mehr als 20 Euro können er und seine Kollegen pro Tag unter der Erde verdienen. Zwölf Stunden dauert eine Schicht. In den Pausen ziehen sie sich einfach eine Decke gegen Lärm und Staub über den Kopf und schlafen neben dem Erdloch. Mehr als 120 Tunnelarbeiter kamen schon bei Unfällen um, fast 600 wurden verletzt, wie palästinensische Menschenrechtler gezählt haben. Das ist kein Wunder angesichts der Zahl der unterirdischen Gänge: Usama und die Schmuggler in der Nachbarschaft schätzen sie auf 2000, von denen aber nicht alle in Betrieb seien. Trifft das zu, müsste der Sandboden unter der Grenze löchrig sein wie ein Schweizer Käse. Fragt man im Rathaus von Rafah nach, spricht Bürgermeister Issa Naschar, der der Hamas angehört, von etwa 400. 15 000 Menschen lebten direkt von dem unterirdischen Handel; täglich würden dort bis zu einer Million Dollar umgesetzt. Auch die Hamas profitiert davon, pro Tunnel erhebt sie eine Steuer von knapp 2000 Euro.
Die Ägypter haben genug
Dem wollen die Ägypter offenbar nun einen Riegel vorschieben. Auf den Baustellen sind Rohre zu sehen, die den Tunnelbauern Angst einflößen, denn durch sie könnte Wasser in ihre Stollen strömen. Die Optimisten unter ihnen rechnen vor, dass die unterirdische Stahlwand nicht tiefer als 20 Meter reichen werde. Bis zum Grundwasser blieben ihnen dann noch einmal rund zehn Meter. Aber Tunnel in dieser Tiefe zu graben und zu unterhalten, ist viel teuerer und aufwendiger als weiter oben. Einige in Rafah behaupten, sie hätten ein Loch in die neue Stahlwand geschnitten. Andere dichten angeblich schon die Wände ihrer Gänge gegen Wasser ab. Manchmal zerstören die ägyptischen Sicherheitskräfte auch nur den Ausgang auf ihrer Seite. So ist es einem Nachbarn von Usama ergangen. Seine Arbeiter graben jetzt einfach einen neuen.
„Die Grenzen Ägyptens sind heilig und kein Ägypter lässt zu, dass man sie verletzt“, drohte vor kurzem der ägyptische Außenminister Ahmed Abul Gheit. Religiöse Schützenhilfe holte sich die Regierung bei den Scheichs der Al-Azhar-Universität in Kairo. Die höchste Autorität für die Sunniten verurteilte in einer Fatwa den Schmuggel durch die Tunnel. Die Hamas, deren Mitglieder gerne von einer „Todesmauer“ reden, ließ nicht lange auf sich warten und legte ein eigenes religiöses Rechtsgutachten vor, das den Bau der ägyptischen Sperranlage als „haram“ bezeichnete und damit für Muslime aus religiösen Gründen verboten. Hamas-Politbürochef Meschal erinnerte am Wochenende die Ägypter daran, dass nur Feinde zwischen sich Mauern errichteten, aber keine Freunde, als die der radikale Hamasführer offenbar die Regierung in Kairo immer noch betrachtet.
„Sicher steht Ägypten unter großem amerikanischem Druck, seine Grenze besser zu kontrollieren. Auch in der ägyptischen Regierung gibt es ähnliche Forderungen. Aber die Mauer ist zugleich eine Art Strafe für die Hamas, nachdem diese sich geweigert hatte, das von Ägypten vermittelte Versöhnungsabkommen mit der Fatah zu unterzeichnen“, sagt Mcheimar abu Sada, der an der Al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt Politikwissenschaft lehrt. Dort richten gerade Bauarbeiter die im Krieg zerstörten Seminarräume wieder her - mit geschmuggeltem Zement.
Strafe für die Hamas
Ende Oktober wollte die Hamas eigentlich den blutigen Bruderkrieg mit der Fatah von Palästinenserpäsident Abbas beenden. Die Fatah hat das von Ägypten vorgelegte Versöhnungsdokument schon unterzeichnet, die Hamas machte in letzter Minute einen Rückzieher. Das gilt auch für den Gefangenenaustausch mit Israel, durch den endlich der Soldat Gilad Schalit freikommen soll. Der Hamas gehen die Vorschläge der ägyptischen und deutschen Vermittler nicht weit genug. In Kairo, wo Präsident Mubarak sich als erfolgreicher Friedensstifter mit Israel hervortun möchte, hatte man am Ende des vergangenen Jahres von den Islamisten in Gaza genug. In Gaza-Stadt hoffen Hamas-Politiker zwar noch darauf, dass die Beziehungskrise nicht von Dauer sein wird; sie bauen darauf, dass die arabische Solidarität mit den von Israel bedrängten 1,5 Millionen Einwohnern des Gazastreifens am Ende stärker sein wird.
Aber die ägyptischen Nachbarn geben in diesen Tagen zu dieser Hoffnung kaum Anlass und beschränken sich nicht nur auf den Mauerbau. Nur selten öffnen sie ihren Grenzübergang bei Rafah. Schon bisher war Gazas einziger direkter Weg in die arabische Welt drei Tage im Monat meist für Patienten und Pilger geöffnet. Jetzt darf nur noch der Rote Halbmond Gaza mit Hilfsgütern versorgen, die die Grenzpolizei vorher genau überprüft. Anfang Januar ließen die Ägypter nur einen kleinen Teil des internationalen Hilfskonvois des britischen Abgeordneten Galloway passieren; die restlichen Nahrungsmittel erhielten palästinensische Flüchtlinge im Libanon. Seit dann bei antiägyptischen Protesten am Grenzzaun auch noch ein ägyptischer Soldat erschossen wurde, herrscht diplomatische Eiszeit zwischen Kairo und Gaza. Die ägyptische Regierung verlangt, dass die Hamas die Mörder hinrichtet, die sie in Gaza vermutet.
Freude über das zusätzliche Geschäft
Hamas-Kämpfer in der Grenzstadt lassen sich von all dem nicht beeindrucken. Selbst als die israelische Armee noch selbst die Grenze überwachte, hätten die Soldaten den unterirdischen Schmuggel nicht vollständig stoppen können, lässt trotzig ein lokaler Anführer des bewaffneten Arms der Hamas mitteilen. Und dann gebe es für den Waffenschmuggel ja auch noch das Mittelmeer. Aber das wissen auch die Ägypter. In Rafah haben manche beobachtet, dass schon große Steinblöcke an die Küste transportiert wurden, aus denen eine Anlegestelle für zusätzliche Patrouillenboote der ägyptischen Grenzpolizei werden könnte.
Einen viel größeren Schrecken jagten den Menschen in Rafah jedoch zuletzt israelische Fernsehberichte ein. Militärs sprachen darin von Plänen für „Cast Lead II“, eine Neuauflage der Militäroffensive vom vergangenen Jahr - inklusive einer neuen israelischen Besetzung des schmalen Grenzzstreifens bei Rafah, unter dem die Tunnel verlaufen. Diese Gerüchte reichten aus, damit sich viele zu Hamsterkäufen aufmachten und erste Notvorräte für einen neuen Krieg. Die Schmuggler in Rafah freuten sich über das zusätzliche Geschäft.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
Jüngste Beiträge