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Gauland-Äußerungen : Sogar der AfD-Chef will Boatengs Nachbar werden

Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft vor dem Freundschaftsspiel gegen die Slowakei in Augsburg Bild: dpa

Nachdem der stellvertretende AfD-Vorsitzende Gauland den Fußball-Nationalspieler Boateng beleidigt hat, versucht sich die Parteispitze in Schadensbegrenzung. Die Äußerung könnte den Machtkampf in der Partei weiter befeuern.

          Von Gerhard Schröder und Wolfgang Schäuble hat man es schon immer gewusst. Von Angela Merkel spätestens seit dem märchenhaften Sommer des Jahres 2006. Von der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry war es bisher noch weniger bekannt. Doch nun hat auch sie sich geoutet: Sie ist Fußballfan und Anhängerin der deutschen Nationalmannschaft. Am Sonntag twitterte Petry, sie freue sich auf die Fußball-Europameisterschaft. Damit nicht genug, sie hat sich offenbar auch schon einen Lieblingsspieler ausgesucht. „Jerome Boateng ist ein Klasse-Fußballer und zu Recht Teil der deutschen Nationalmannschaft.“ Warum sagt sie das? Gibt es Zweifel, ob Boateng spielen wird bei der EM? Formtief? Eine neue Verletzung, nachdem der FC Bayern ihn in der gerade beendeten Bundesligasaison schon so lange als Herzstück seiner Abwehr vermissen musste?

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nein; Petry hat sich nicht als Fußball-Kennerin geäußert, die Sorge hat, Boateng könne nicht spielen. Vielmehr hat sie versucht, nicht mit in einen Sumpf zu geraten, in den ihr Stellvertreter Alexander Gauland zu marschieren im Begriff ist. Gauland hatte mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) am vorigen Mittwoch mehr als eine Stunde lang über den Islam und das Christentum, über Integration und die Angst mancher Menschen vor dem Fremden gesprochen. Es war ein Informationsgespräch zur Vorbereitung eines Artikels, wie Gauland sie mit der F.A.S. ebenso wie mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) auch bisher geführt hat. Wie es üblich ist, sagte er, welche Teile des Gesprächs er nicht veröffentlicht sehen wolle. Die Absprache wurde streng eingehalten.

          Wie es ebenfalls bei Gauland üblich ist, bat er nicht darum, Zitate aus dem zur Veröffentlichung bestimmten Teil der Unterhaltung vorgelegt zu bekommen. In dieser Passage des Gesprächs, von dem Gauland also wissen musste, dass Sätze daraus veröffentlicht werden könnten, äußerte er sich zur Angst mancher Menschen vor dem Fremden. Als Beispiel nannte er den deutschen Fußballspieler Jérôme Boateng, der eine deutsche Mutter und einen ghanaischen Vater hat. Boateng selbst hatte in einem Interview mit der F.A.Z. darüber gesprochen, wie es wäre, wenn er die deutsche Nationalmannschaft anführen würde. „Als erster farbiger Kapitän wäre das mit dem Blick auf die Integration auch ein starkes Zeichen nach außen, auf das ich sehr stolz wäre.“ Gauland zeigte sich in dem Gespräch mit der F.A.S. dagegen gar nicht optimistisch, was das Aussenden von Integrationssignalen durch Boateng angeht: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Die F.A.S. berichtete am Sonntag über das Gespräch und titelte: „Gauland beleidigt Boateng“.

          Hart im Geben und Nehmen

          Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel sowie die sozialdemokratische Familienministerin Manuela Schwesig gingen Gauland öffentlich hart an. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, fragte: „Und warum will die AfD Boateng nicht als Nachbarn? Weil er nicht blond und blauäugig ist? Wo endet denn dieses Fremdsein für Herrn Gauland?“ Es würden immer mehr Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens oder ihrer Herkunft beschimpft. Gleichzeitig schalteten viele Menschen in Deutschland beim Wort Rassismus einfach ab. „Sie sollten es nicht tun, denn er scheint langsam wieder salonfähig zu werden.“

          Der 75 Jahre alte Gauland ist in der politischen Auseinandersetzung nicht nur hart im Austeilen, sondern auch im Nehmen. Doch diese Welle der Empörung war offenbar sogar ihm ein bisschen zu groß. Am Sonntag ließ er zunächst eine Stellungnahme verbreiten, in der es heißt, er habe sich in dem Gespräch „an keiner Stelle über Herrn Boateng“ geäußert. Das widerspricht den Aufzeichnungen seiner Gesprächspartner.

          Am Abend veröffentlichte die ARD ein Interview mit Gauland. Darin äußerte sich der AfD-Vize deutlich vorsichtiger und sagte, im Gespräch mit den Journalisten dieser Zeitung „mag der Name Boateng gefallen sein, möglicherweise von den F.A.Z.-Kollegen, denn ich kenne mich im Fußball gar nicht aus.“

          Außerdem ist zu hören, dass er sich gar nicht gegen den von der Zeitung veröffentlichten Text wende, sondern lediglich bestreitet, Boateng beleidigt zu haben. „Ich kenne ihn nicht und käme daher auch nicht auf die Idee, ihn als Persönlichkeit abzuwerten“, heißt es in der Erklärung. Dann erwähnt Gauland nicht nur Boatengs christliches Glaubensbekenntnis, sondern auch dessen „gelungene Integration“. Das sorgt sogar bei dem einen oder anderen in der AfD für Stirnrunzeln, weil man sich fragt, wieso jemand, der in Deutschland geboren ist, einen deutschen Pass hat und hier lebt und arbeitet, auch noch eine Integrationsleistung erbringen soll.

          Ist Boateng-Freund: Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen im April beim Bundesparteitag in Stuttgart
          Ist Boateng-Freund: Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen im April beim Bundesparteitag in Stuttgart : Bild: dpa

          Der neben Petry zweite AfD-Vorsitzende, Jörg Meuthen, hat sich gerade in jüngster Zeit eng an die Seite Gaulands gestellt. Kürzlich sagte er der F.A.Z. in einem Interview: „Bei Äußerungen von Herrn Gauland wird mir nie mulmig. Ich kenne ihn ja doch gut.“ Das bezog sich auf eine Aussage Gaulands, die Engländer müssten sich nicht mit Auschwitz „herumschlagen“. Lediglich dass das „vielleicht ein bisschen salopp“ gewesen sei, gestand Meuthen zu. Nachdem Petry am Sonntag Gaulands Äußerung zu Boateng kommentiert hatte, zog Meuthen nach. Er behauptete nicht etwa, die F.A.S. habe Gauland falsch zitiert. Vielmehr schrieb Meuthen, Gauland sei „komplett falsch verstanden“ worden. Gauland habe die Sache richtiggestellt, womit diese erledigt sein solle. Dann tat Meuthen es Petry gleich und verneigte sich vor Boateng. „Die AfD fiebert mit der deutschen Nationalmannschaft mit und ist stolz auf alle Spieler, die unser Land repräsentieren, egal, welche Religion oder Hautfarbe sie haben.“ Meuthen gehört nicht zu den Menschen, die den Bayern- und Nationalspieler nur auf dem Rasen mögen. „Wenn Herr Boateng sich eines Tages entschließen sollte, in meine Nachbarschaft zu ziehen, würde ich mich über ihn als neuen Nachbarn freuen.“

          Enge Zusammenarbeit mit Pegida geplant

          Das klang nach dem Versuch, Gauland zu verteidigen und zugleich den Schaden für die Partei in Grenzen zu halten. Meuthen ist Gauland-Freund. Frauke Petry würde wohl niemand in der AfD als solchen bezeichnen, was aber auf Gegenseitigkeit beruht. Gauland übt gerne auch öffentlich Kritik an der Parteivorsitzenden, zuletzt, als diese am Montag der vorigen Woche ein Gespräch mit dem Zentralrat der Muslime schon nach kurzer Zeit abbrach. Deshalb lohnt es sich, Petrys öffentliche Äußerung vom gestrigen Sonntag genau zu lesen. „Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat“, sagte die AfD-Vorsitzende. Und dann: „Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“ Eine wuchtige Verteidigung sieht anders aus.

          Sorgt unfreiwillig für Gesprächsstoff: Fußballnationalspieler Jerome Boateng
          Sorgt unfreiwillig für Gesprächsstoff: Fußballnationalspieler Jerome Boateng : Bild: dpa

          Der Kampf zwischen Petry und Gauland, der wohl als Machtkampf bezeichnet werden darf, könnte mit dem Sonntag noch einmal neuen Schwung bekommen haben. Ohne die Äußerungen des stellvertretenden AfD-Vorsitzenden über einen der prominentesten deutschen Fußballspieler wäre das vielleicht nicht ganz so sichtbar geworden. Aber die Kernfrage innerhalb der AfD – wie weit nach rechts darf und soll die Partei gehen auf der Suche nach ihren Wählern – hätte auch ohne das Thema Fußball neue Nahrung erhalten. Denn der rechtsnationale Parteiflügel unter Führung des Vorsitzenden der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, Björn Höcke, hat wieder einmal von sich reden gemacht. Es ging um das Verhältnis der AfD zur Protestbewegung Pegida, die sich gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ wendet. Höcke machte klar, dass er ungeachtet eines gegenteiligen Vorstandsbeschlusses weiter eng mit Pegida zusammenarbeiten wolle. „Pegida ist ein Katalysator für uns“, sagte Höcke dem „Spiegel“. Kürzlich hatte Höcke einen Pegida-Organisator als Redner zu einer Demonstration eingeladen. Dies sei ein „wichtiges Signal“ gewesen, sagte er nun. Und noch einer hatte eine Meinung dazu: Alexander Gauland. Höcke, so sagte er der „Bild am Sonntag“, habe mit seinen Demonstrationen viele Menschen an die AfD gebunden. Deshalb habe er „ein gutes Recht, auch mal von einem Vorstandsbeschluss abzuweichen“. Petry wird das vernommen haben.

          Will von seinen Äußerungen nichts mehr wissen: Alexander Gauland
          Will von seinen Äußerungen nichts mehr wissen: Alexander Gauland : Bild: dpa

          Quelle: F.A.Z.

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