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Gastbeitrag Was treibt Günter Grass um?

 ·  Nutzt Günter Grass seinen Ruhm, um sich an den Juden zu rächen? Und warum sollte er das tun? Das fragt sich Robert B. Goldmann als „fremde Feder“ für die F.A.Z.

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© dpa Schreiben, Argumentieren, womöglich Poetisieren: Die mediale Ikonographie liegt nicht mehr nur in den Händen des Schriftstellers, in diesem Falle Günter Grass’

Die Entrüstung über Günter Grass’ neuestes Gedicht, besonders in Deutschland, sagt mehr über das Verhältnis der Deutschen zu Juden und Israel aus als über den Zwang eines Schriftstellers, etwas Neues sagen zu müssen. Vielleicht will Grass im hohen Alter noch einmal zum Mittelpunkt des medialen Geschehens werden - das hat er ja auch erreicht. Vielleicht nutzt er auch seinen Ruhm, um sich an den Juden via Israel zu rächen.

Aber warum sollte sich der Dichter zur Rache gezwungen sehen? Sehr spät hat man erfahren, dass Grass in der Waffen-SS gedient hatte. Da Juden die zahlreichsten Opfer des Dritten Reiches waren, wollte er vielleicht eigene „Schuld“ begleichen, indem er den jüdischen Staat angriff?

Keine legitime Diskussion für „Grass und seine SS-Kollegen“

Niemand kann mit Sicherheit wissen, was den alten Herrn zum anti-israelischen Dichter werden ließ. Als in der Weimarer Zeit in Hessen aufgewachsener Jude kann ich mich erinnern, dass die Leute beim Stolpern sagten: „Jud begrawe ...“ Das geschah ganz natürlich, oft wurde nicht mit bösem Willen gesagt, dass die Juden an allem Unangenehmen schuld waren.

Grass bleibt der deutsche Lieblingsschriftsteller von Lesern in der ganzen Welt. Jahrzehntelang sagte und schrieb er nichts über Juden oder Israel. Dass er es jetzt tut, scheint für ihn eine Erlösung zu sein! Israel, das lange nicht kritisierbar war, ist jetzt legitimer Diskussionsgegenstand. Das sollte es auch sein, aber nicht für Grass und seine SS-Kollegen, die ihre eigene Vergangenheit so lange verleugnet haben.

Kritik an israelischer Politik erlaubt

Zusammen mit linken Gesinnungsfreunden unterstützt man dieser Tage die Palästinenser und enthält sich der Kritik gegenüber Iran und anderen muslimischen Regierungen, die sich weigern, das Existenzrecht des jüdischen Staates anzuerkennen, oder Israel von der Landkarte „tilgen“ wollen. Das bedeutet nicht, dass die israelische Außenpolitik nicht kritisiert werden darf. Im Gegenteil: Die Besetzung des Westjordanlandes und die Gründung immer neuer jüdischer Siedlungen dortselbst bleiben eines der Probleme, die den Nahen Osten nicht zur Ruhe kommen lassen. Aber diese Politik wird von Leuten wie Grass als das grundlegende Problem der Region gesehen, und das ist sie nicht.

Zu Kritik an der Regierung Netanjahus sind Freunde Israels, wozu die Bundesrepublik und die deutschen Steuerzahler zählen, nicht nur berechtigt, die Kritik ist oft hilfreich. Nur ein Argument, das man von vielen Amerikanern und Europäern hört, ist nicht am Platz: Weil man in Israel selbst oft die schärfste Kritik an Netanjahu hört, brauche man sich in Europa und Amerika nicht zurückzuhalten. Das Argument hat wenig Berechtigung, weil Israelis die Opfer eines Angriffs oder Aufstandes (Intifada) waren, während wir nur Zuschauer sind.

Weiß Grass, warum es geht?

Das gilt auch für den Dichter und Schriftsteller. Als Jude kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass Grass sich endlich frei, wenn nicht sogar verpflichtet fühlte, endlich etwas „loszuwerden“, das lange Zeit in ihm gegärt hat. Das ist etwas anderes als das, was außerhalb Israels - besonders in Westeuropa und ganz besonders in Frankreich - ein Problem bleibt: der Antisemitismus. Was Linksliberale und „Gutmenschen“ nur schwer nachfühlen können, ist, dass der jüdische Staat Juden die Möglichkeit gibt, nach Israel umzusiedeln oder zu fliehen, ohne sich ein Visum beschaffen zu müssen, was Millionen im Zweiten Weltkrieg nicht konnten.

Jüdischen Betrachtern, und besonders denen, die im Vorkriegsdeutschland aufgewachsen sind, tut es besonders weh, wenn sich ein Günter Grass in hohem Alter denen anschließt, von denen man annahm, sie seien nicht gut informiert. Man sollte erwarten, dass er als Schriftsteller und Menschenkenner weiß, worum es geht. Oder vielleicht doch nicht, wie damals, als er in die Waffen-SS aufgenommen wurde?

Der Autor ist freier Journalist und lebt in New York.

Quelle: F.A.Z.
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