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Gastbeitrag von Norbert Blüm : Falsches Glück

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Die Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf ist das Ende der Freiheit. Denn die Entscheidung pro Familie endet nicht selten in einer beruflichen Sackgasse. Kinder passen nicht in das Konzept eines „modernen“ Weltbildes. Ein Gastbeitrag.

          Zu Recht wehrt sich die moderne Frauenbewegung gegen die Zuweisung „häuslicher Pflichten“ an Ehefrau und Mutter. Der alte Patriarch fand es bereits unter seiner männlichen Würde, den Kinderwagen zu schieben, Windeln zu wickeln und den Brei zu rühren. Der neue Mann schafft alles. Fast alles. Denn es gibt noch ein paar Nebensächlichkeiten, die möglicherweise Hauptsachen kindlicher Entwicklung sind: Schwangerschaft und Stillen bleiben natürlicherweise weibliche Monopole.

          Manche würden selbst das gerne abschaffen. Es ist einfach schrecklich ungerecht, dass diese Quellen des Glücks Vätern unzugänglich sind. Die Abschaffung von Schwangerschaft und Stillzeit wäre außerdem der Durchbruch zur uneingeschränkten Eingliederung der Frauen in die Erwerbsgesellschaft. Die Voraussetzungen dafür werden gerade geschaffen: durch die Übernahme der Kleinkinder in eine elternfreie frühkindliche Erziehung.

          Es gilt inzwischen als erstrebenswert, wenn Neugeborene schon kurz nach der Geburt in Kinderkrippen „überführt“ werden. Später stehen Kitas Tag und Nacht zur Verfügung. Die Ganztagsschule bietet mancherorts sogar Ferienbetreuung an. „Erziehung“ wird von Erziehungsexperten übernommen. Mama und Papa sind nur ersatz- und übergangsweise im Spiel. Denn die Erziehungsprofis sollen für die Kindheit wichtiger werden als die Amateureltern. Wie altmodisch wirkt da das Grundgesetz, wenn es in Artikel 6 festlegt, Erziehung sei „zuvörderst“ das Recht und die Pflicht der Eltern.

          Arbeitgeber und die ihnen in dieser Sache treu dienenden Gewerkschaften jubeln. Sie sind am Ziel. Die uneingeschränkte Eingliederung der Frauen in das Erwerbsleben gibt dem Sozialprodukt einen kräftigen Schub. Mutterschutz entfällt mangels Schwangerschaft. Wachstumsfördernd und kostensparend ist das Programm. Obendrein kann die Wirtschaft den an Tisch und Bett, Kind und Kirche geketteten Frauen einreden, sie würden endlich von ihrer Knechtschaft erlöst.

          Die angeblich freie Wahl zwischen Familien- und Berufsarbeit ist zugunsten der Berufsarbeit entschieden. Erwerbsarbeit zählt. Familienarbeit gibt es in diesem „modernen“ Weltbild gar nicht. So mündet die Wahlfreiheit zwischen Familien- und Berufsarbeit in die faktische Unterordnung der Familie unter die Ratio der Wirtschaft. Diese Entwicklung ist schon im Konzept der Wahlfreiheit selbst angelegt.

          Die Totalisierung der Erwerbswirtschaft

          Die Wahlfreiheit, welche Maß an der Konsumentenfreiheit nimmt - man kauft, was man will -, erscheint im neoliberalen Denken als höchste Form der Freiheit. Optionen optimieren, darauf kommt es an. Kinder passen nur schwer in das Konzept dieser schrankenlosen Freiheit. Denn wie man es auch wendet: Kinder sind eine Einschränkung der Wahlfreiheit ihrer Eltern.

          Ist aber die Maximierung der Wahlfreiheit, in der jeder nur sich und keine Bindung kennt, ein Glückskonzept? Wohl kaum, denn sonst wäre der rücksichtsloseste Mensch der glücklichste. Wenn die sogenannte Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf in Wirklichkeit die Unterordnung der Familie unter den Beruf bedeutet, ist sie gar keine Freiheit, sondern ihre Beendigung, nämlich Unterwerfung. Die Verfechter der uneingeschränkten Wahlfreiheit zwischen Familien- und Berufsarbeit verheddern sich in den Fallstricken ihres Vorhabens.

          Niemand will zurück in alte Verhältnisse, in denen der Mann „Herr und Meister“ und der Chef der Familie war, also ihr Alleinbestimmer. Die Erleichterung der Hausarbeit ermöglicht neue Formen der Beteiligung von Mann und Frau an der innerhäuslichen Familien- und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit. Ein partnerschaftliches Verständnis der Ehe verlangt, eine andere familiäre Pflichtenverteilung zwischen Mann und Frau in der Ehe als dies in früheren Zeiten üblich war.

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