22.07.2001 · Der Gipfel von Genua ist beendet. Er war der letzte seiner Art. FAZ.NET berichtet aus Genua.
Von Ralf Bartoleit, GenuaMit der Vergangenheit in die Zukunft. Dieses Motto soll die G8-Gipfel der führenden Industriestaaten retten oder zumindest nach der Konfrontation der Gewalt wieder besser rechtfertigen. Schlanker und damit smarter werde der kommende Weltwirtschaftsgipfel in Kanada geplant, wie zum Abschluss der Konferenz in Genua aus Delegationskreisen verlautete.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erklärte, bereits vor der Eskalation der Ereignisse in Genua habe er dafür plädiert, den Treffen der acht Staats- und Regierungschefs wieder einen mehr informellen Charakter zu geben. Der britische Premier Tony Blair sagte am Sonntag, ihm sei egal, wo und wie die Treffen abgehalten würden, entscheidend sei lediglich, dass man sich überhaupt treffe.
Die „Roots“ von Rambouillet
„Back to the Roots“ - den Wurzeln von Rambouillet hieße eine solche bescheidenere Form des Zusammenkommens. Der französische Staatspräsident Valery Giscard d`Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt hatten 1975 erstmals zu einer solchen Begegnung eingeladen mit dem Ziel, dass sich Staats- und Regierungschefs informell und auf eine sehr persönliche Art und Weise über das Weh und Wohl der Weltwirtschaft austauschen können. Noch vor Genua kritisierte Giscard d`Estaing, dass Motto gegenwärtiger Gipfel sei: „Je prächtiger und protziger, desto besser.“
„Wie kann man die Gipfel im Ausmaß verschlanken“, hieß denn auch eine von seiten der deutschen Delegation gestellte Frage. Dass dies auch ein Ansatz für die Kanadier sei, die im kommenden Jahr Gastgeber sind, machte der kanadische Premierminister Jean Chretien noch vor Abschluss der Beratungen von Genua deutlich. „Einen wesentlich bescheideneren Gipfel“, kündigte er an. Chretien sagte, dass der nächste Gipfel Ende Juni nächsten Jahres in den Rocky Mountains, in einem Ort namens Kananaskis bei Calgary, stattfinden werde - und zwar mit Delegationen mit nicht mehr als 35 Personen.
„Man benötigt nicht 500 Leute, um zu wissen, was man sagen muss“, meinte Chretien mit Blick auf die zum Teil großen Delegationen. Informationen zufolge sollen die Amerikaner mit einem Tross von etwa 900 Leuten in die italienische Hafenstadt gekommen sein, die Japaner mit etwa 600 Delegationsmitgliedern. Aus deutschen Kreisen wurde darauf verwiesen, dass mit einer Delegation von lediglich etwa 60 Personen ein Signal gesetzt werden sollte.
Werden die Gipfeltreffen in der Tat in Ausmaß und Umfang reduziert, dürfte möglicherweise auch die Medienpräsenz in Frage stehen, obwohl dieses Thema zunächst keiner der Politiker anschnitt - etwa durch die Auswahl eines möglichst kleinen Tagungsort. Auch das dürfte dann wieder Kritiker auf den Plan rufen.
Auf keinen Fall Ende von G8
In einem waren sich die Führer der acht Staaten jedoch durchweg einig: Eine Ende von G8 dürfen und können die Ereignisse von Genua in keinem Fall bedeuten. Im Gegenteil, ein Treffen dieses Formats sei angesichts der weltweiten Herausforderungen dringender denn je.
Es hieße, die Demokratie auf den Kopf zu stellen, wenn die Krawalle ein Ende des G8-Prozesses zur Folge hätten, demonstrierte zum Beispiel Blair Entschlossenheit. „Der Tod des Demonstranten hat jeden von uns berührt“, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder am Sonntag. Die Teilnehmer der Gipfel sollten sich von solchen Ausschreitungen aber nicht beeinflussen lassen. „Sie werden weder über das Ob bestimmen oder das Wie“, sagte der Kanzler. „Wo kommen wir denn hin, wenn sich gewählte Staatsoberhäupter und Regierungschefs vorschreiben lassen, wann und wo sie sich treffen?“
Erweiterung nicht vom Tisch
Ungeachtet aller Überlegungen übrigens für eine „leichtfüßigere“ (deutsche Delegation) Form von Gipfelkonferenzen ist das Thema einer Erweiterung der G8-Runde für die Zukunft nicht grundsätzlich vom Tisch. Blair etwa schloss auch Nachfrage am Sonntag nicht aus, dass zum Beispiel Indien als bevölkerungsreichste Demokratie der Erde in Zukunft ein möglicher Kandidat sein könnte. Und in deutschen Delegationskreisen wurde darauf hingewiesen, dass Schröders Überlegungen für eine Erweiterung auf G9 durch China derzeit zwar nicht aktuell seien, langfristig aber auf der Tagesordnung stehen dürften.