19.03.2008 · Vor fünf Jahren begann die Invasion des Iraks, die den Sturz des Tyrannen Saddam Hussein einleitete. Danach drohte das Land unter hohem Blutzoll im Abgrund des Bürgerkriegs zu versinken. Ohne den „11. September“ hätte es diesen Krieg der Regierung Bush nicht gegeben.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerVor fünf Jahren begann die von den Vereinigten Staaten angeführte Invasion des Iraks. Wenige Wochen später war der Tyrann Saddam Hussein gestürzt. Das war der Regimewechsel, den politische und intellektuelle Ratgeber des Präsidenten Bush ins Werk setzen wollten - als Fanal für ein großes Umwälzen der Verhältnisse im Mittleren Osten, als militärischer Impuls zur Lösung der soziopolitischen Modernisierungsblockade der arabischen Welt, was wiederum zu deren Versöhnung mit der liberalen Moderne des Westens führen sollte.
Seit jenen Märztagen im Jahr 2003 haben Zehntausende Iraker ihr Leben verloren; es gab Monate, in denen der Blutzoll furchtbar war und das Land - die Ausnahme bildete Irakisch-Kurdistan - im Abgrund des Bürgerkriegs vollends zu versinken drohte. Rund viertausend amerikanische Soldaten wurden getötet, Zehntausende sind kriegsversehrt. Die Kosten des Krieges und seiner Folgen gehen in die Billionen. Die politischen sind, bildlich gesprochen, nicht geringer.
Noch immer wird darüber gestritten, warum die Regierung Bush diesen Krieg geführt hat und ob sie zu seiner Rechtfertigung gelogen habe: Der Hauptkriegsgrund, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, erwies sich als nichtig; die Behauptung, Saddam Hussein stehe in Verbindung mit Al Qaida, war falsch; die Befreiung des irakischen Volkes vom Tyrannenjoch als ein die Intervention legitimierendes Ziel war in der eigenen Regierung umstritten. Und die Erwartung, der Weg nach Jerusalem, also eine Regelung des Nahost-Konflikts, führe über Bagdad, war ein Hilfsargument, dem die Wirklichkeit nicht gefolgt ist.
Der 11. September rückte den Irak in den Fokus
Tatsächlich wurde schon zum Ende der Clinton-Regierung in Washington von republikanischer Seite Druck aufgebaut, dem Thema Irak eine größere Bedeutung zu schenken. Unzweideutig richtig ist aber auch, dass es ohne den „11. September“ diesen Krieg nicht gegeben hätte; George Packer hat das in seinem Buch „The Assassins' Gate“ überzeugend dargestellt.
In den Monaten nach dem Terrorangriff entstand ein Klima in den Vereinigten Staaten, das auf einen Krieg zutrieb und in dem der Irak in den Fokus rückte, weil er all das verkörperte, was in der arabischen Welt nach Bernard Lewis „falsch gelaufen“ sei. Der Kampf der sogenannten Neokonservativen gegen mörderische Regime und mörderische Ideologien sollte im Irak beginnen - dort ist er auch steckengeblieben.
Das lag auch an einer miserablen Nachkriegsplanung und an einer Machthybris, welche amerikanische Sicherheitsinteressen im Auge hatte, aber zu dem Zweck die Transformation einer ganzen Region im Sinn hatte - das Stichwort lautet Demokratisierung. Für einen Moment hielten die Diktatoren und Autokraten in der Nachbarschaft den Atem an; als sie sahen, dass die politische Neuordnung in Blut getränkt war und die Besatzer mit den Insurgenten nicht fertig wurden, entspannten sie sich. Über das Schicksal der amerikanischen Demokratieinitiative ist das letzte Wort nicht gesprochen; in den Golf-Monarchien weht ein liberales Lüftchen. Andernorts halten säkulare Diktatoren und Islamismus Reformer nieder.
Mörderischer Islamismus
Im Irak selbst ist die Lage heute nicht mehr so verheerend wie vor gut einem Jahr. Das hat mit der Aufstockung der amerikanischen Truppen zu tun und einer vernünftigeren Strategie zur Bekämpfung der Aufständischen. Es hat mit der Zurückhaltung schiitischer Milizen zu tun und mit der Entscheidung sunnitischer Stämme, gemeinsam mit den Amerikanern die islamistischen Mörderbanden zu bekämpfen. Dieses Bündnis war möglicherweise entscheidender für eine Verringerung der Opferzahlen als der amerikanische „Surge“.
Dass es erfolgreich ist, zeigt in gewisser Weise auch das Misstrauen, auf das es unter den Schiiten, den Hauptprofiteuren des Saddam-Sturzes, gestoßen ist. Deren Weigerung, die Sunniten angemessen politisch und in den Sicherheitsverbänden zu beteiligen, ist vielleicht der wichtigste Grund, warum der politische Neuordnungs- und Versöhnungsprozess sich den (labilen) Stabilisierungserfolg der vergangenen Monate nicht oder nur unzureichend hat zunutze machen können.
Niemand vermag heute vorauszusagen, wie der Irak in fünf Jahren aussehen wird: ob Schiiten, Sunniten und Kurden ein Auskommen miteinander gefunden haben werden; ob der Föderalismus akzeptiert ist, man von Normalisierung wird sprechen können und der mörderische Islamismus ausgeschaltet ist. Der richtet noch immer großes Unheil an, insgesamt ist er aber geschwächt. Vermutlich werden auch in fünf Jahren noch Amerikaner im Land sein (müssen), aber die Bürde haben sie sich selbst auferlegt.
In ein paar Jahren wird man auch klarer sehen, was Iran aus dem geopolitischen Vorteil des Saddam-Sturzes und des Machtgewinns der Schiiten gemacht hat. Die Hegemonie-Rolle, in der Teheran sich am Golf sieht, ist bislang nicht mehr als eine Behauptung, die ökonomisch auf tönernen Füßen steht. Je stabiler die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Irak werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er nach Irans Pfeife tanzt. Vielleicht aber wird man schon mit dem Status quo zufrieden sein müssen.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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