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Friedrich Schorlemmer: Klar sehen und doch hoffen Worte zu Schwertern . . .

Symbolhandlungen waren Friedrich Schorlemmer immer wichtig. 1988 verfasste er mit einer Wittenberger Friedensgruppe 20 Thesen für eine umfassende Demokratisierung der DDR.

© Lutz Kleinhans Vergrößern Schorlemmer (links) bei der Friedenspreis-Verleihung (Oktober 1993).

“Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat will“ - unter diesem Ausspruch Martin Luthers posiert ein junger Mann, aufrecht, die Arme in die Hüften gestemmt, selbstbewusst blickend: Friedrich Schorlemmer, der dieses Foto an den Anfang seiner Lebenserinnerungen gestellt hat. Auf den ersten Blick mutet die Abfolge seiner biographischen Stationen wenig spektakulär an: Schorlemmer wurde als Sohn eines Pastors 1944 in Wittenberge (Prignitz) geboren, das Abitur musste er an der Volkshochschule ablegen. Nach der Wehrdienstverweigerung studierte er von 1962 bis 1967 evangelische Theologie in Halle, wo er auch das Vikariat absolvierte. Von 1971 bis 1978 wirkte er als Jugend- und Studentenpfarrer in Merseburg, anschließend als Dozent am Evangelischen Predigerseminar in Wittenberg und Prediger an der Schlosskirche. Von 1992 bis Ende 2007 war er Studienleiter bei der Evangelischen Akademie in Wittenberg. Seit 1976 gehörte er Synoden der Landeskirchen auf DDR-Ebene an.

Doch tatsächlich war Schorlemmer einer der engagiertesten Kritiker des SED-Staates im kirchlichen Raum. Davon zeugen die in die Erinnerungen integrierten Redeausschnitte und Zitate aus seinen Stasi-Akten, die grob geschätzt 11 400 Seiten umfassen - sie sind Anschauung wie Beleg seines regimekritischen Wirkens. Seit 1980 engagierte er sich in einer oppositionellen Gruppe. Drei Jahre später ließ er im Lutherhof vor Kirchentagsteilnehmern öffentlichkeitswirksam ein Schwert zur Pflugschar umschmieden. Im Verfassungsentwurf des Runden Tisches vom März 1990 war dieses Motto als Wappen des vereinigten deutschen Staates vorgesehen. Symbolhandlungen waren Schorlemmer immer wichtig, deren Vor- und Nachgeschichte er darstellt. Frieden und Demokratie standen für ihn an erster Stelle: Für den Evangelischen Kirchentag verfasste er 1988 mit einer Friedensgruppe aus Wittenberg „20 Wittenberger Thesen“, die auf eine umfassende Demokratisierung der DDR hinausliefen. Im September 1989 zählte er zu den Mitbegründern des Demokratischen Aufbruchs. Legendär war seine Rede auf der Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989, in der er Luther zitierte: „Lasset die Geister aufeinanderplatzen, aber die Fäuste haltet still.“ Dieser Tag gehörte „zu den denk-würdigsten, würdigsten, Würde stiftenden Tagen meines Lebens“, erinnerte er sich an diese größte Massenkundgebung in der Geschichte der DDR.

Mit seinem Buch eröffnet er hier eine neue Innen-Perspektive: Mit Herzklopfen hatte er zugesagt, in den vorgegebenen vier Minuten über Solidarität und Toleranz zu sprechen. Aufgeregt war er, als er den Lkw bestieg, der das Podium bildete, weil er nicht fertig geworden war, und doch beeindruckte er mit seinen Worten. Er selbst war nach dieser Veranstaltung wie ausgewechselt, weil er nunmehr Handlungsmöglichkeiten für politische Veränderungen sah. Dabei ging es um das große D wie Demokratie - D-Mark und deutsche Einheit waren noch kein Thema. Die „DDR-weite Oktoberrevolution 1989 hat gezeigt, was in den Deutschen steckt“, resümiert er.

Nach dem Fall der Mauer wurde sein gesellschaftliches Engagement auch parteipolitisch: Als sich eine Gruppe des Demokratischen Aufbruchs um Wolfgang Schnur im Januar 1990 zur CDU hinwandte, trat er mit anderen „Linken“ in die SPD der DDR ein. Von 1990 bis 1994 war er SPD-Fraktionsvorsitzender in Wittenbergs Stadtparlament. Im Januar 1997 unterzeichnete Schorlemmer die „Erfurter Erklärung“. Seit März 2009 engagiert sich Schorlemmer im globalisierungskritischen Netzwerk „attac“. Das ihn schon früh im DDR-Alltag an der Elbe prägende Thema der Umweltverschmutzung bestimmt bis heute sein gesellschaftliches Handeln. „Wir haben 1989/1990 ein bedrückendes System überwunden“, schreibt er, „aber einen zerstörerischen Zivilisationsweg nicht verlassen.“

Publizistisch trat er mit vielen Büchern hervor, darunter „Bis alle Mauern fallen“ (1991), „Den Frieden riskieren“ (2003) und „Wohl dem, der Heimat hat“ (2009). Er ist auch Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Vielfach wurde er ausgezeichnet: 1989 erhielt er zusammen mit Antje Vollmer die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte. 1993 folgte der Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, 2009 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Schorlemmers Memoiren sind untertitelt „Mein politisches Leben“, dennoch äußert er sich ausführlich theologisch über seinen Glauben, seinen Konflikt mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis, seine Nähe zu Rudolf Bultmanns Entmythologisierungsprogramm oder zu Dorothee Sölle. Glauben ist für ihn „ein Beistandsversprechen“ - hier liegt ein Grund seiner Kraft, diese Opposition durchzuhalten. Und immer wieder erfährt man am Rande auch etwas über sein Privatleben, wenngleich vieles zur Ehefrau und zu den Kindern nur angedeutet wird. Auch für sie hatte sein Einsatz Folgen. Das letzte Foto in seinen spannend zu lesenden Erinnerungen zeigt Schorlemmer am 60. Geburtstag mit seinen Enkelkindern.

Friedrich Schorlemmer: Klar sehen und doch hoffen. Mein politisches Leben. Aufbau Verlag, Berlin 2012. 523 S., 22,99 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.02.2013, 16:00 Uhr

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