Schon vor der Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises war vermutet worden, dass das Komitee in Oslo in irgendeiner Weise der politischen Widerstandsbewegung in Nordafrika und anderen arabischen Ländern die Ehre erweisen werde. Diese Erwartung ist zu einem Drittel eingetroffen, denn Tawakkul Karman aus dem Jemen, eine der drei Preisträgerinnen, organisiert in ihrer Heimat seit vielen Jahren nicht nur den Widerstand gegen das Regime von Präsident Ali Abdullah Salih.
Mit gleicher Verve setzt sie sich auch für die Freiheit journalistischer Arbeit und die Menschenrechte ein. Tawakkul bedeutet „Gottvertrauen“; dies muss die überzeugte Muslimin Karman, Mitglied der oppositionellen Islah, auch haben angesichts der Zwangsmaßnahmen, denen sie nicht zuletzt wegen ihres Eintretens für die Frauenrechte in der männerlastigen jemenitischen Gesellschaft immer wieder ausgesetzt war. Die Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi aus Iran hat nun eine ebenbürtige muslimische Laureatin gefunden. Doch auch die Arabellion insgesamt wurde ausgezeichnet.
Die beiden anderen Trägerinnen des Preises, Ellen Johnson Sirleaf und Leymah Gbowee aus dem leidgeprüften Land Liberia, werden durch die internationale Aufwertung noch stärker dazu beitragen können, die Rolle der Frau südlich der Sahara weiter zu stärken. Frau Sirleaf ist die erste gewählte Präsidentin ihres Landes, ja Afrikas; Frau Gbowee setzt sich schon lange für Gleichberechtigung und Menschenrechte ein. Zu den wichtigsten Beobachtungen, die man in Afrika machen kann, gehört die Kluft, die zwischen der Tüchtigkeit vieler Frauen und der häufigen Indolenz bei Männern klafft. Hilfsorganisationen wissen davon zu berichten, dass vieles immer erst dann klappt, wenn die Frauen Schwarzafrikas es in ihre Hand nehmen.
Der Friedensnobelpreis dieses Jahres setzt ein zweifaches Zeichen: Er ermutigt Freiheitsbestrebungen in einer Region, die Europa benachbart ist; und er bekräftigt, dass diese Freiheitsbestrebungen - keineswegs in Arabien allein - nur dann von Erfolg gekrönt sein können, wenn sie die Misogynie traditioneller Gesellschaften aufbrechen und einen Wandel im Geschlechterverhältnis einleiten. Für den Islam, der sich lange einigelte, ist diese Botschaft fast noch wichtiger als für das schwarze Afrika.
Übertrieben
Andre Morgenstern (cuzco6170)
- 07.10.2011, 16:36 Uhr